Der 18. März 1957 ist ein Tag wie jeder andere im Leben von Robert C. Smith aus San Antonio, Texas. Als US-Hilfssheriff begleitet er einen Gefangenentransport. Im Fond des Wagens sitzt ein eher unauffälliger Mann, der Insasse einer Heilanstalt für Kriegsveteranen in Waco auf dem Weg in die Stadt Fort Worth, wo sich das Bezirksgefängnis befindet. Kurz nach seiner Entlassung aus dem Hospital hatte der Mann gemeinsam mit einem Bekannten aus der Klinik zwei Postämter überfallen. Niemand ist zu Schaden gekommen. Doch auf Postraub stehen in den USA hohe Strafen.

Die Fahrt dauert mehrere Stunden, zwischen dem Sheriff und seinem Mitfahrer in Handschellen entspinnt sich ein Gespräch. Irgendwann sehen sie ein Flugzeug im Tiefflug. Die Männer stellen fest, dass sie während des Weltkrieges beide im 509. Verband der Luftwaffe gedient haben, jener berühmten Staffel, die nach jahrelangem geheimem Training die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen hat. Der Sheriff ist zunächst skeptisch, kann sich keines Claude Eatherly erinnern – so der Name des Gefangenen –, doch als der etliche Details der Aktion schildert, schwinden die Zweifel.

Der Posträuber wird nachmittags im Bezirksgefängnis eingeliefert. Ein Reporter des örtlichen Fort Worth Star-Telegram, der am selben Abend das Gefängnis besucht, wird hellhörig, als er die Gerüchte um den Neuzugang aufschnappt. Er wittert die Story seines Lebens, und er besucht den Häftling in seiner Zelle. Zwei Tage später erscheint im Star-Telegram der erste Bericht über Claude Eatherly. Wenig später greift der Fernsehsender NBC die Story auf, ein Millionenpublikum erfährt so die Geschichte des Hiroshima-Piloten.

Sie handelt von einem jungen Mann, einem Fliegerass, der das entscheidende Kommando zum Ausklinken der Bombe gibt, der für seine Tat als Held gefeiert und mit dem höchsten Orden der Luftwaffe ausgezeichnet wird. Doch bald suchen den Piloten Albträume und Schuldgefühle heim. Er weigert sich, als Held gefeiert zu werden. Lehnt eine Invalidenrente als "Blutgeld" ab und begeht Einbrüche, um bestraft zu werden, bestraft für seine Mitschuld an Hiroshima und Nagasaki. So weit die Geschichte, wie sie das Publikum zu hören bekommt.

Eatherly wird unterdessen wegen Unzurechnungsfähigkeit für nicht schuldig erklärt und kehrt freiwillig zurück in die psychiatrische Abteilung des Veteranenhospitals von Waco. Eben noch ein gewöhnlicher Patient, erhält der Pilot plötzlich Briefe aus aller Welt. Hollywood meldet sich. Ein Drehbuch entsteht, das Eatherly als tragischen Helden schildert. "Alle werden die wahre, nie erzählte Geschichte über das sehen wollen, was der erste Atombomben-Angriff dem Gewissen und der Seele des Mannes angetan hat, der ihn tatsächlich führte. Wie er aus einem Nationalhelden einen gewöhnlichen Verbrecher macht." Mit diesen Worten werben die beiden Drehbuchautoren Paul Wellmann und Alfred Guthrie für ihre Filmidee.

Als wollte er diesem Bild von sich entsprechen, begeht Eatherly während eines Probeurlaubs erneut einen Raubüberfall: Mit einer Spielzeugpistole verlangt er Geld, ohne es anschließend mitzunehmen. Er kehrt zurück in die Klinik und steht fortan unter permanenter Aufsicht.

Im Juni 1959 erreicht ihn ein Brief des österreichischen Publizisten und Philosophen Günther Anders. Der sieht in Eatherly die Verkörperung des Menschen des Atomzeitalters, der schuldlos schuldig wurde. Immer wieder schreibt der Philosoph. Die Briefe zeugen von dem Wunsch nach einer versöhnlichen Ausnahme, dem Wunsch nach einem Menschen, der bereut, der Sühne sucht für die Verbrechen der Moderne. "Nachdem Du gesehen hattest, was Du angerichtet hattest", schreibt Anders, "da bist Du aufgestanden, da hast Du Nein gerufen." Später stellt Anders Eatherlys Reue dem Verhalten Adolf Eichmanns gegenüber, der sich als einer der Organisatoren des Judenmordes stets auf seine Pflicht berufen hatte. "Eichmann und Du – Ihr seid die beispielhaften Figuren unserer Epoche. Und gäbe es Dich nicht als Gegenfigur zu ihm, wir hätten allen Grund, in dieser Eichmann-Zeit zu verzweifeln." Während Günther Anders für Eatherly zu einem Mentor wird, scheint es so, als würde er immer mehr mit der Stimme von Anders sprechen. Es findet eine Art fingierter Dialog statt, bei dem Anders die Stichworte liefert und der Pilot sie als seine eigene Meinung ausgibt.

Bereits in seinem zweiten Brief hat Anders Eatherly gebeten, ihre Korrespondenz veröffentlichen zu dürfen. Eatherly stimmt zu. Das Buch, 1962 erschienen, wird zu einem viel gelesenen Werk der Anti-Atomwaffen-Bewegung. Übersetzt in zahlreiche Sprachen, trägt es wie keine andere Publikation dazu bei, den Fall Eatherly einem Weltpublikum bekannt zu machen. Die Mitwelt habe ihn für seinen Anteil am Massaker ehren wollen, schreibt der britische Philosoph und Nobelpreisträger Bertrand Russell über Eatherly. Als er aber Reue zeigte, da habe die Mitwelt sich gegen ihn gewandt, weil sie in der Tatsache seiner Reue eine Verurteilung ihrer Tat erkannt habe.

Tatsächlich fühlen sich viele Amerikaner durch das Schuldbekenntnis des Piloten provoziert. Zu jenen, die aus diesem Grund wenig Sympathie für ihn empfinden, gehört auch der amerikanische Kriegsberichterstatter und Schriftsteller William Bradford Huie, ein angesehener konservativer Querdenker.

Zweiter Weltkrieg - Hiroshima 70 Jahre nach der Atombombe Vor 70 Jahren, am 6. August 1945, zerstörte eine US-Atombombe die japanische Stadt Hiroshima und riss 140.000 Menschen in den Tod. Bis heute leiden Tausende Menschen unter den Spätfolgen der nuklearen Verseuchung.