Man könnte sie für eine Soziologiestudentin halten: wallender Rock, die Haare mit einem bunten Tuch gebunden, an der Hand ein Ring in der Form eines Schmetterlings.

Doch diese junge Frau, 23 Jahre alt, ist eine Terroristin. Sie gehört zu einer Szene, deren Radikalisierung in Israel eine heftige Debatte über den hausgemachten religiösen Terror ausgelöst hat. Von einem "jüdischen Dschihad" reden bereits manche Kommentatoren.

Batja (der richtige Name ist der Redaktion bekannt) hat mehrere Monate in einem israelischen Gefängnis gesessen. Das Gericht stellte fest, sie habe das Leben anderer Menschen gefährdet. Batja hat palästinensische Autos mit Steinen beworfen und in Kauf genommen, dass deren Fahrer die Kontrolle über ihren Wagen verlieren. Sie hat sich Soldaten widersetzt. Ein Strafverfahren gegen sie läuft noch. "Ich würde es wieder tun", sagt sie. "Gott will es so."

Batja ist eine von rund 350.000 Siedlern im Westjordanland. Die meisten von ihnen sind wegen der günstigen Mieten dort. Doch Batjas Familie lebt im besetzten Gebiet, weil sie es für ihr gottgegebenes Recht hält. Wie jüdische Extremisten dieses Recht auslegen, haben sie vergangene Woche gezeigt, als sie im palästinensischen Dorf Duma Molotowcocktails in das Haus einer vierköpfigen Familie warfen. Als die Rettungskräfte eintrafen, war der 18 Monate alte Sohn der Familie schon tot. Die Mutter, der Vater und der vierjährige Bruder liegen nun in einem israelischen Krankenhaus. Bis zu 90 Prozent ihrer Haut sind verbrannt. Einen Tag zuvor hatte ein anderer Extremist beim Jerusalemer Gay-Pride-Marsch sechs Menschen mit einem Messer attackiert.

Seitdem diskutiert Israel offen wie lange nicht mehr über die eigenen Extremisten. Militante Siedler greifen schon seit Jahren Palästinenser an, zerstören deren Besitz und demütigen sie. Doch der jüdische Staat behandelte die Militanten wie die Sorgenkinder einer großen Familie. Er tadelte zwar, aber bestrafte nur milde. Im kleinen, von Feinden umgebenen Israel ist der Zusammenhalt groß. Der Gemeinsinn schloss viele Radikale ein – bis zum vergangenen Freitag.

Araber und Juden können nicht zusammenleben, glaubt sie

"Wir befinden uns im Krieg", schrieb der Oppositionspolitiker Jair Lapid in einem Kommentar für die Times of Israel. Wer Hass verbreite und die Überlegenheit des jüdischen Volkes predige, sei ein "Verräter".

Für Batja sind Politiker wie Lapid die Verräter. Sie lebt in einem kleinen Dorf, umgeben von grünen Hügeln. Es liegt so tief im Westjordanland, dass der Abschleppdienst sich weigert zu kommen: zu gefährlich. Hinter ihrem Haus ist ein Elektrozaun gezogen, er umschließt das ganze Dorf. Das Tor zur Siedlung bewacht ein stämmiger Russe mit kugelsicherer Weste und einem Maschinengewehr.

Von ihrer hölzernen Veranda kann Batja manchmal die Araber draußen vor der Siedlung vorbeihuschen sehen. Regelmäßig taucht ihr Wohnort im Radio auf: eine Schießerei vor dem Tor, eine Messerattacke an der Bushaltestelle. "Araber und Juden können nicht zusammenleben", sagt sie trocken. "Entweder sie oder wir."

Batjas Vater stammt aus Amerika und ist ein Anhänger von Meir Kahane, jenes orthodoxen Rabbiners, der forderte, alle Nichtjuden aus Israel zu vertreiben und den jüdischen Staat bis zum Irak auszudehnen. Kahanes Partei wurde wegen ihres Rassismus verboten, er selbst 1990 von einem Araber ermordet. Über Batjas Esszimmertisch hängt ein Foto von Kahane. Als sie das erste Mal mit dem Gesetz in Konflikt geriet, war sie ein Teenager. Sie hatte gegen Israels Abzug aus Gaza demonstriert. Ein Gericht ordnete daraufhin eine mehrwöchige Haft an – wohl auch, um das Mädchen vor der Ideologie ihrer Familie zu schützen. Im Februar 2012 durchsuchten Beamte der israelischen Polizei das Haus der Familie und nahmen Batja fest. "Sie kommen immer wieder", sagt sie und zuckt mit den Schultern. Ihr Vorbild ist der jüdische Massenmörder Baruch Goldstein, der 1994 in Hebron 29 Palästinenser erschoss. "Wir wollen alle so sein wie er", sagt sie.

Zionismus ist für Batja ein Schimpfwort – sie will ein anderes System

Sie sieht sich selbst nicht als Terroristin – sondern als Kämpferin für das göttliche Gebot der Thora, das ihr zufolge besagt: Das Westjordanland gehöre den Juden, und Israel dürfe nicht von einer gewählten Regierung geführt werden, sondern von einem König. Darum kämpft Batja nicht nur gegen die Palästinenser, sondern auch gegen die israelischen Soldaten. Ihr Feind ist der Staat, der sie kontrolliert und inhaftiert, der zwar Siedlungen verspricht, aber auch einen Palästinenserstaat nicht ausschließt – der mithin Gottes Wort nicht befolgt. Zionismus, das ist für Batja ein Schimpfwort. "Wir brauchen keine andere Regierung", sagt Batja. "Wir brauchen ein anderes System."

Mit diesen Ideen ist sie nicht allein. Israelische Sicherheitsbehörden deckten kürzlich ein Netzwerk militanter Rechter auf, das über ganz Israel verteilt ist. Dem Kern der Gruppe gehören mehrere Dutzend Personen an. Sie haben Anschläge auf christliche und muslimische Einrichtungen verübt, im Juni etwa auf die Brotvermehrungskirche in Tabgha am See Genezareth. Dem Inlandsgeheimdienst Schin Bet zufolge will die Gruppe das gesamte Land destabilisieren und die Regierung stürzen. Danach solle ein Regime folgen, das sich auf das jüdische Recht, die Halacha, stütze.

Diese Männer und Frauen – das beunruhigt die israelischen Sicherheitskräfte – hören nicht einmal mehr auf Rabbiner. Dass Israels Oberrabbiner das Verbrechen an der palästinensischen Familie verurteilte, ist ihnen Beweis dafür, wie verweichlicht die religiöse Führung geworden ist.

Batja ist eine fürsorgliche Gastgeberin. Sie schenkt Tee ein, bietet Gebäck an. Ihr Hass schöpft sich aus etwas, das sie für das Gute hält. Ihre Gottgläubigkeit macht sie eisern, aber auch freundlich.

Sie verachtet jene, die sie aus dem Westjordanland vertreiben wollen, die Palästinenser und die israelische Regierung, beinahe gleichermaßen. Es sei nur eine Frage der Zeit, fürchtet sie, bis ihre Siedlung evakuiert und an die Araber übergeben werde. "Dann ziehe ich in den Krieg", sagt Batja. Sie will die Speerspitze ihres Volkes sein. Eine moderne Antigone, die sich für Gottes Wort opfert.

"Vielleicht sehen die anderen Juden jetzt nicht, warum wir solche Dinge tun müssen", sagt Batja. "Aber eines Tages werden sie es verstehen."

Am Montag verkündete das israelische Sicherheitskabinett, jüdische Terroristen künftig genauso zu behandeln wie palästinensische.

Siehe auch: Der Philosoph Omri Böhm über zweierlei Recht in Israel.