Im nächsten Frühjahr ist sein 100. Todestag. Am 4. März 1916 war er "vor Verdun gefallen", wie es immer so geschwollen heißt. Treffender wäre: elendiglich umgekommen, verreckt – wie sie alle auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs verreckt sind, in den Schützengräben, die zu Massengräbern wurden. Granatsplitter trafen den Leutnant Franz Marc auf einem Erkundungsritt; er verblutete, kurz nach seinem 36. Geburtstag.

Der Leutnant Franz Marc ist der Maler Franz Marc, dessen expressionistisch leuchtende Bilder in den großen Museen der Welt das Leben feiern, die Harmonie der animalischen Natur, mit aller Macht der wogenden Farben. Sein Werk gehört zu jenem Aufbruch am Beginn des 20. Jahrhunderts, der den Abgrund vorempfand, in dem er 1914 so jäh enden sollte. Denn in all der Feier des Seins und der Schöpfung, des Traums und der Fantasie – darüber lässt uns Reinhard Osteroth in seiner fabelhaften Biografie über Marcs letzte Jahre ohne Illusion – steckte schon der Keim des Todes: eine verquälte Sehnsucht nach Erlösung und Neugeburt.

Osteroth zeigt uns Marc vor dem Hintergrund der Bildenden Kunst, der Musik und Literatur der Zeit als besessenen Farbforscher, ja wahren Chromosophen. Er führt uns in das Schwabinger Atelier und in die bayerisch-ländliche Idylle mit Marcs Frauen Maria und Marie. Und in den Kreis des "Blauen Reiters", jener internationalen Münchner Gruppe, die Marc 1911 mitgegründet hatte und zu der so viele Künstler der heute klassischen Moderne stießen.

Als drei Jahre später der Krieg beginnt, träumt Marc nicht von Deutschlands Weltherrschaft. Er ist kein Chauvinist. Er hofft nur, wie andere Künstler der Zeit, auf "Reinigung", auf das Ende des verlogenen Pomps der abgelebten Kaiserzeit. Er ist sich sicher, dass der Krieg die große europäische Erstarrung mit Gewalt zerbrechen wird. "Fast ruhig, mit fester Überzeugung wanderte Marc in den Ersten Weltkrieg." Auch er ein Schlafwandler, verstiegener Träumer. Das Erwachen sollte entsetzlich sein.

Das Buch erzählt, geschickt komponiert und geleitet durch Schlüsselzitate aus Marcs umfangreicher Korrespondenz, wie aus dem Blauen ein "grauer Reiter" wird, aus dem Suchenden, dem herausfordernd zweifelnden Künstler ein resignierter, verzweifelter Maschinist des Mordens. Nebenher erfahren wir in knappen Einblendungen manches über die Zeitläufte: über Schlieffen-Plan und Kriegskometen, den französischen Künstlerkollegen Fernand Léger, der auf der anderen Seite der Front steht, und die geniale Dichterin Else Lasker-Schüler, die Marc mit der ganzen Devotionsenergie ihres stets flammenden Herzens verehrt.

Reinhard Osteroth ist ein eindrucksvolles Lebens- und Sterbebild des großen Malers gelungen, verbunden mit der Geschichte einer historischen Lektion, die in Deutschland nach 1918 nur zu schnell vergessen war. Ein liebevoll gestaltetes Buch für Jugendliche, aber unbedingt auch für erwachsene Leser, von Reinhard Kleists Bildern im Stil einer Graphic Novel markant und kraftvoll illuminiert.