Der Vollbart, der um acht Uhr morgens breitbeinig neben der weißen Hütte mit der Aufschrift "Rodeo Office" steht, will es offenbar wissen: staubige Cowboystiefel, rumpelige Jeans, Daumen in den Gürtelschlaufen, Country-Hemd, Lasso über der Schulter, robuste Handschuhe in der Potasche und ein Stetson – in Flamingo-Pink. "Ich ziehe mich nur so an, wenn ich wie ein Cowboy aussehen will", sagt Greg Smid. Das heißt: einmal im Jahr, für das Rodeo in Strathmore, 50 Kilometer östlich von Calgary, 180 östlich der Rocky Mountains, Provinz Alberta. "Ich bin eben ein City-Cowboy aus Edmonton", sagt Smid, und seine Fliegersonnenbrille spiegelt den blauen Himmel und das gleißende Licht, die Luft riecht nach warmem Stall. Die Wiese neben der Arena ist voll mit Zelten und Wohnmobilen. 110 Amateurathleten aus Kanada, einigen US-Bundesstaaten und sogar aus Australien, 2.000 Zuschauer, Dutzende Helfer – so viel war noch nie los beim jährlichen Wettkampf der Alberta Rockies Gay Rodeo Association (ARGRA).

"Es gibt so viele falsche Vorstellungen über Gay Rodeo, trotz Brokeback Mountain", sagt Rodeodirektorin Janie Van Santen. "Bei uns darf jeder mitmachen", homo, hetero, bi – egal. Die Kanadierin mit der Pocahontas-Mähne lehnt am Geländer neben der Arena und schlürft an einem weidegrünen Wassereis. Sie beobachtet, wie ein paar Cowboys und Cowgirls zu Pferde damit beschäftigt sind, eine Herde Rinder von einem Ausgang zum anderen zu lotsen. "Im Unterschied zum traditionellen Rodeo dürfen bei uns alle alles machen: Frauen reiten Bullen und Stiere, Männer treten im barrel racing an", will sagen: mit dem Pferd um drei Tonnen herumreiten, was traditionell eher als Gedöns gilt. Es gibt 13 Disziplinen, mehr als beim herkömmlichen Rodeo, drei davon verspielt: das goat dressing etwa, bei dem einer Ziege eine Unterhose angezogen wird. "Uns geht es um Chancengleichheit, wir wollen Stereotype durchbrechen", sagt die 57-Jährige.

Unter den Wettkämpfern hat Van Santen fast Heiligenstatus. Sie ist dabei, seit es ARGRA gibt, seit 1993. Athleten raunen, sie sei das beste Cowgirl überhaupt. Ihr Daumen war zuletzt fünfmal gebrochen, Rippen, Bein, alles war schon mal kaputt. Ihre Lieblingsdisziplin, sagt Van Santen, sei chute dogging, "der Adrenalinkick ist unbeschreiblich". Dann deutet sie auf die vergitterten Startboxen, die chutes: Ein Jungstier wirft seine gut 700 Kilogramm zwischen den Stahlwänden hin und her. Direkt neben ihm in der Gitterbox presst sich Greg Smid an das Tier, packt es an den Hörnern. Auf den Gittern, vor der Box in der Arena, überall stehen hoch konzentriert Helfer, Schiedsrichter und Athleten. Auch Smids Partner Aaron Granley ist dabei, zu erkennen am partnerpinkfarbenen Stetson. Sie versuchen, den Stier zu beruhigen, warten auf Smids "Go!".

Dann, plötzlich, springt das Gatter auf, Cowboy und Tier rasen ineinander verschlungen in die Arena, Smid muss jetzt schnell sein: Er muss den Jungstier wie beim Karate zu Boden werfen. Doch das Tier hält mit seiner Nackenmuskulatur dagegen, dann düst es davon. Smid bleibt kurz im Sand liegen, alle viere von sich gestreckt. Die Zuschauer auf der Tribüne jubeln trotzdem, die anderen Sportler johlen und applaudieren, er sprintet zurück, schlüpft durch ein kleines Tor aus der Arena, wo Granley ihn erwartet. Sie beugen sich zueinander, bis ihre Hutkrempen kollidieren. "Küssen mit Cowboyhut müssen wir noch üben", kichert Granley.

Während sich die nächsten Cowboys und Cowgirls fertig machen, dröhnt über Lautsprecher das Jodellied aus dem Alpenkitschfilm Sound of Music in die Arena. Die Wettkampfregeln sind ähnlich wie beim Skispringen: Es gibt zwei Durchläufe, einen am Samstag, einen am Sonntag. Am Ende werden die Punkte addiert, und die besten Athleten der jeweiligen Disziplin bekommen eine Medaille um den Hals.

Die Atmosphäre ist familiär. Kein Wunder, die meisten treffen sich alle paar Wochen bei einem Wettkampf, in Denver, Santa Fe oder eben Strathmore, sie laden einander zu Hochzeiten ein, fahren gemeinsam in Urlaub, pflegen die, die krank werden. Mitgliedergebühren und Gewinne der Veranstaltungen gehen an die Aids-Hilfe, in die Krebsforschung. Sie leihen sich ihre Lassos, schauen Arm in Arm die Pferde in den Ställen an – und versuchen, einander in der Arena zu besiegen. Die meisten Teilnehmer sind Rancher, Farmer, mindestens nebenberuflich. Sie schnupfen Tabak, besitzen zwei, acht, zehn Cowboyhüte, auch gerne mal 20 Paar Boots, stapelweise Country-Hemden und Dutzende jener Gürtelzierschnallen, die wie dafür gemacht sind, anzügliche Blicke auf den Hosenschritt zu lenken.

Doch es fehlt an Nachwuchs. Das Durchschnittsalter der Wettkämpfer liegt bei 45 Jahren, die Mitgliederzahlen der Vereine sinken. Um mehr Leute und damit Geld anzulocken, hat das Team um Janie Van Santen dieses Jahr parallel ein dreitägiges Country-Musik-Festival auf die Beine gestellt: mit Grammy-Gewinnerin LeAnn Rimes, vier von fünf echten Village People und anderen, die in Europa kein Mensch kennt. Tickets kosten 160 Euro.

Die Gegend ist wie gemacht für ein solches Festival. Schon der Weg vom Flughafen ist ein einziger John-Denver-Song: vom Country Hills Boulevard rechts auf den Stony Trail, dann links den Trans Canada Highway eine halbe Stunde schnurgeradeaus. Vorbei an Fahnen mit Cowboys auf bockenden Pferden an jedem Pfosten, vorbei an Feldern, Landmaschinen überholend und Pick-ups, aus denen auch mal acht Rechen, drei Besen und vier Schaufeln ragen. Und durchs offene Autofenster weht der herbsüße Geruch von Heu.

Rodeos gibt es hier den ganzen Sommer über, gleich mehrere jedes Wochenende. Die Strathmore Stampede, der örtliche Wettkampf, gilt als eines der größten in ganz Kanada. Die 13.000-Einwohner-Kommune gehört zum Landkreis Wheatland, Weizenland. Im Wappen finden sich Ähre und Rind, nur der Förderturm fehlt: Die Provinz hängt an der Öl- und Gasindustrie, mehr Vorrat haben angeblich nur Saudi-Arabien und Venezuela.

Das Ortszentrum besteht aus einem Supermarkt, Pizzalieferdiensten, leeren Shops und einem Pub namens House of the Rising Suds, etwa: "Haus der aufsteigenden Bierkronen", vor dem Harleys parken und Typen rauchen. "Männer mit Frauen: Nur das ist normal", brummt einer. "Ich will mit dem Rodeo nichts zu tun haben. Aber es ist gut für die Wirtschaft." Das ist der Minimalkonsens, zehn Jahre nachdem Kanada die Ehe für alle legalisiert hat. Auch an der Hotelrezeption und im Westernladen: Die gay people bringen Geld.