Es ist dem Menschen nicht gegeben, das Meer zu beurteilen, noch nicht einmal das Offensichtlichste, das ihm das Meer hinhält, vermag er zu benennen: seine Farbe. So viel mal zu den Kräfteverhältnissen. Blau, sagen die meisten Menschen, wenn man sie fragt, welche Farbe das Meer hat: Das Meer ist blau. Das mag vielleicht angehen, wenn man auf O’ahu im Stillen Ozean wohnt oder auf Villingili im Addu-Atoll, aber nicht hier.

Sylt, Königshafen, nördlichster Zipfel Norddeutschlands, weiter hoch geht es nicht. Es ist 5.30 Uhr, ein verregneter Morgen im Juli, eine unmögliche Zeit. Der Strandhafer legt sich im Wind flach in die Dünen, zu früh zum Aufstehen, der Himmel ist grau, die Wolken sind grau, die Gesichter der Menschen sind grau. Und das Meer: grau, durchzogen von kaltem Silber, mit weiß schimmernden Kronen. Fleckenweise ist es auch schwarz, aber nur für Sekunden. Dann stürzt sich der Wind mit einem Jubeln oder Heulen hinein und verwirbelt alles, die Flecken, die Farben, und eigentlich spricht nichts dafür, da jetzt reinzugehen.

Ich habe einen Traum: Da jetzt reingehen. Ins Meer, aufs Meer, schnell. So war das immer schon, egal, wie kalt das Wasser war, egal, wie grau, eine tiefe Seesucht. Lass mich am Meer sein, und es ist gut. Lass mich im Meer sein, und es ist besser. Ich setzte einen Schritt in die Nordsee, 18 Grad soll sie haben, aber der Sand zwischen meinen Zehen fühlt sich kälter an, wie Schnee. Ich fange an zu laufen, aus Ungeduld, aus Notwendigkeit. An meiner Körpermitte zerrt ein sechs Quadratmeter großer Drachen, der über mir im Himmel tobt, als wollte er mich bis auf die nächste Insel tragen, Röm in Dänemark, aber vielleicht auch ganz bis nach O’ahu oder Villingili. Es gibt nichts Besseres, als einen Seesüchtigen an einen Kite zu haken. Ich höre Piles Stimme: "Du fährst heute, bis du nicht mehr kannst."

Pile, der eigentlich Philipp Brückmann heißt, war früher professioneller Kitesurfer, fuhr an der Spitze im Worldcup mit. Er tourte über die Kontinente, immer dem Wind hinterher, egal, was ihm die See antat. "Du fährst, bis du nicht mehr kannst": So hat Pile es stets gehalten, aber sein Sport wird nicht umsonst Extremsport genannt, irgendwann sagten ihm die Schultern, die Fußgelenke, die abgerissenen Sehnen, dass Schluss ist mit der Profikarriere. Jetzt ist Pile 33 und Besitzer der Kiteschule Sylt, oben, am Ellenbogen. Wenn man wissen will, was das soll, sich an 25 Meter langen Leinen wie ein Angelwurm durchs Meer ziehen zu lassen, was den Zauber daran ausmacht, sich der Gewalt des Wassers auszuliefern, den Launen des Windes, den Strömungen und Wellen: dann muss man Pile fragen.

Oder Kapitän Falk Eitner, in Kampen. Oder den Porsche fahrenden Wikinger, der eigentlich Makler ist, schließlich sind wir hier auf Sylt. Oder den 15-jährigen Jungen, der kaum weiß, wie er seine viel zu langen Glieder auf dem Surfbrett verstauen soll. Oder einfach selbst losfahren.

Ich hake meine Füße in die Schlaufen auf dem Brett und greife mit beiden Händen die Lenkstange des Drachens. Er ist lila, grell lila, eine scheußliche Farbe. Wie die Haare meiner anstrengenden Tante. Wie eine Pobacke nach einem Treppensturz. Was niemals grell lila ist, ist das Meer. Ein beruhigender Gedanke: Ich kann vom Brett fallen, abtreiben, ein winziger Punkt in dunklem Neopren auf dunklem Wasser – an einem großen lilafarbenen Tuch. Ich bin nicht zu übersehen. Achtung, hier bin ich! Ich male eine liegende Acht mit dem Drachen in die Wolken, schöpfe Schwung aus dem Unendlichkeitszeichen und lasse den Kite wie ein riesiges Himmelsgestirn durch die Luft rauschen. Durch meine Arme geht ein Ruck, ich spanne alle Muskeln an, stehe in den Knien, den Blick über die Schulter. Das Brett gleitet los, nimmt Fahrt auf. Ich jage quer durch die Bucht, dem violetten Himmelsgestirn hinterher.

"Man vergisst die Uhrzeit und das Wetter, sobald man auf dem Brett steht", hatte Pile auf der Hinfahrt gesagt. Aber jetzt steht er nur im hüfthohen Wasser und hilft einem Ehepaar, das sich eben noch verkehrt herum in die Neoprenanzüge gezwängt hatte. "Ich fühle mich wie eine Wurst", hatte die Frau gesagt. "Ich fühle mich wie eine Frau", hatte der Mann gesagt. Jetzt üben die zwei, ihre ersten Meter zu fahren, das ist das Gute am Kiten: Schon nach wenigen Tagen stehen die meisten auf dem Brett. Das Schlechte: Die meisten fallen auch wieder runter. Holpern, eiern, verreißen den Schirm, sodass sie jesusgleich übers Wasser laufen oder in spektakulärem Bogen durch die Luft sausen, bevor der Schirm sie mit der Nase voraus durchs Salz zieht. Das ist unangenehm. Der Mann zum Beispiel, der sich eben noch fühlte wie eine Frau, wirkt nach dem ersten Sturz eher wie eine schlappe Qualle, aber er macht weiter. Warum geht er nicht einfach joggen oder zum Yoga? Warum aufs Meer, immer wieder das Meer?

Ich halte auf den Horizont zu, auf die Wolkenwand, vor die sich zum ersten Mal an diesem Tag die Fähre der Röm-Sylt-Linie schiebt. Sonst sind um diese Zeit nur ein paar Möwen auf dem Wasser. Und ich. Lasse mich treiben, in meinen Ohren rauscht es, während ich zusehen kann, wie an den oberen Wolkenrändern die Welt heller wird. Und da ist er plötzlich: dieser Moment, in dem ich die perfekte Balance spüre, das Gefühl, die Füße nicht auf sicherem Grund zu haben und doch getragen zu sein. Ich fahre eine Halse, zurück zum Strand, schließe ein stilles Abkommen mit dem Meer: Du darfst mich halten und wiegen wie meine Mutter. Aber du musst gut zu mir sein, denn egal, was ich tue, am Ende bist du stärker.