Ist das die Energiewende der USA? Einem Werbevideo des Weißen Hauses für Barack Obamas Clean Power Act mangelt es jedenfalls nicht an Pathos. Da drehen sich Windräder zum Klang eines Streichorchesters, richten sich bewegliche Solarmodule der Sonne entgegen. Und aus dem Off kündigt der Präsident Großes an. "Kohlekraftwerke können noch immer unbegrenzte Mengen schädlichen Kohlenstoffs in die Atmosphäre abgeben. Für das Wohl unserer Kinder, für die Gesundheit und Sicherheit aller Amerikaner ändert sich das jetzt", sagt Obama. "Es ist Zeit für die Welt und für Amerika, gegen den Klimawandel zu handeln."

Er selbst hat sich reichlich Zeit gelassen. Sieben Jahre alt ist Obamas Wahlkampfslogan, die USA zum "Anführer" im Kampf gegen die Erderwärmung zu machen. Nun, da er nur noch gut ein Jahr im Amt sein wird, schreibt er den US-Stromversorgern vor, ihren Ausstoß von Kohlendioxid (CO₂) zu verringern: bis 2030 um 32 Prozent. Das kommt spät, aber vielleicht nicht zu spät für das Weltklima.

Von einem window of opportunity sprechen Klimaexperten, einem einmaligen politischen Momentum, das Gutes hervorbringen könnte. Seit Jahren endet eine Weltklimakonferenz nach der nächsten mit Minimal-Kompromissen – während die Emissionen immer weiter ansteigen. Nun aber scheint der große Durchbruch möglich: dass die meisten Staaten der Welt im Dezember in Paris gemeinsam vereinbaren, ihre CO₂-Emissionen einzudämmen. Dieses Mal hat Obama zudem einen mächtigen Gleichgesinnten zur Seite: Xi Jinping, den Präsidenten der Volksrepublik China.

Die beiden Führer der größten Volkswirtschaften und Luftverschmutzer der Erde präsentieren sich zugleich als Klimaretter. Beide haben dafür egoistische Motive. Aber verpflichten sie sich in Paris gemeinsam zu konkretem Maß, dürften sie Dutzende andere Nationen mitziehen: Obama die Industriestaaten, Xi die aufstrebenden Schwellenländer. Der Streit der beiden Gruppen hat Klimakonferenzen immer wieder scheitern lassen.

Die USA und China können sich leisten, Vorbild zu spielen. Ihnen fällt es gerade leichter denn je, Emissionen zu senken. Das findet ja sowieso schon statt. Die Amerikaner verfeuern dank ihrer Schiefergasvorkommen billiges Erdgas anstelle von Kohle zur Stromgewinnung. Der CO₂-Ausstoß pro Kilowattstunde ist so nur etwa halb so hoch. 2008 erzeugten Kohlekraftwerke noch fast die Hälfte des US-Stroms; dieses Jahr wird es nur noch gut ein Drittel sein. Obama hat wohlweislich als Bezugsjahr für seine Klimaziele nicht das Jahr 2015 ausgewählt, sondern 2005. Seither hat die US-Stromwirtschaft ihre CO₂-Emissionen um etwa 16 Prozent gesenkt. Die Hälfte ist also bereits erledigt.

Auch Pekings Versprechen, dass Chinas CO₂-Ausstoß nach 2030 sinken wird, klingt ambitionierter, als es tatsächlich ist. Der nationale Kohleverbrauch sank schon vergangenes Jahr um fast drei Prozent, obwohl der gesamte Energiebedarf um gut zwei Prozent anstieg. Da China im großen Stil alte Kohlekraftwerke durch effizientere Meiler ersetzt sowie gigantische Wind- und Solarparks baut, dürften die CO₂-Emissionen bereits seit 2014 fallen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Dies ist keine Großtat des Regimes, sondern Abfallprodukt der schwächelnden Konjunktur. Aber wenn Xi die Flaute schon nicht verhindern kann, so könnte er zumindest den sinkenden CO₂-Ausstoß positiv verkaufen: als Errungenschaft eines neuen, "nachhaltigen" Wachstums. Nach zwei Jahrzehnten wilden Aufschwungs mit teils zweistelligen Prozentsätzen müssen Millionen Chinesen täglich verschmutzte Luft atmen. Früher oder später dürfte das den sozialen Frieden im Land gefährden – und das Machtmonopol der Kommunistischen Partei. Laut einer Studie des Pew Institute fürchten Chinas Bürger keine Bedrohung so sehr wie den Klimawandel.

Die Chancen stehen gut, dass die Supermächte in Paris Schlagzeilen machen – und die Europäer in den Hintergrund geraten. Ihnen, die sich als Pioniere der Klimapolitik sehen, geschähe das recht. Besonders der deutschen Regierung. Kurz nachdem Angela Merkel auf dem G-7-Gipfel den Abschied von Kohle und Öl beschwor, ließ Schwarz-Rot die geplante Kohleabgabe für Uralt-Meiler fallen.

Will die Bundesregierung in Paris mitbestimmen, sollte sie vorher der Idee ihrer Umweltministerin Barbara Hendricks folgen – und den Ausstieg aus der Braunkohle binnen 25 Jahren beschließen. Dafür würden viele Bürger sogar pompöse PR-Videos aus dem Kanzleramt in Kauf nehmen.