Er war gerade auf dem Weg zu einem seiner besten Kunden, als Yves Bouvier am 25. Februar dieses Jahres in Monaco auf offener Straße festgenommen wurde. Eigentlich hatte Bouvier, der eine der wichtigsten und mysteriösesten Figuren des globalen Kunstmarkts ist, mit seinem Kunden über den Kauf eines Gemäldes von Mark Rothko für 140 Millionen Dollar sprechen wollen. Doch dieser Kunde, der Kunst sammelnde Milliardär Dmitri Rybolowlew, hatte schon Wochen zuvor Anzeige gegen Bouvier erstattet. Bouvier habe ihn, so der Vorwurf, betrogen und ihm Bilder viel zu teuer verkauft.

Der Fall erinnert stark an die Causa des deutschen Kunstberaters Helge Achenbach, der einen Erben aus dem Aldi-Clan beim Kunstkauf betrogen haben soll – und dafür bereits in erster Instanz wegen Betrugs zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde. Achenbach ist gegen das Urteil in Revision gegangen. Die Schadenssumme von rund 20 Millionen Euro im Fall Achenbach macht sich jedoch geradezu mickrig aus im Vergleich zu jenem neuen Fall des Yves Bouvier. Bei Bouvier geht es um Kunst von Leonardo und van Gogh, Gauguin und Modigliani, Picasso und Rothko, der Skandal spielt zwischen Monaco und Zypern, Genf, New York und Hongkong. Dort, in der ehemaligen britischen Kronkolonie, hat am 23. Juli der High Court bestätigt, dass die Vermögenswerte des "Königs der Freihäfen", Yves Bouvier, bis zur Klärung der Vorwürfe einzufrieren seien. Schon jetzt spricht Richter John Saunders von einem "sehr starken Fall des Bruchs von Vertrauenspflichten oder Betrug".

Der erste Verdacht, ob er vielleicht das Opfer eines großen Kunstbetrugs geworden sei, kam Dmitri Rybolowlew Silvester 2014 auf der kleinen Karibikinsel St. Barths. Rybolowlew, ein unter anderem in Monaco lebender Geschäftsmann russischer Herkunft und Mehrheitseigner des Fußballvereins AS Monaco, unterhielt sich dort bei einem Essen mit dem US-Kunstberater Sandy Heller. Rybolowlew erzählte von einem seiner Kunstkäufe, einem Gemälde von Modigliani, das eine auf einem blauen Kissen liegende nackte Frau zeigt: Nu couché au coussin bleu von 1916. Das Meisterwerk aus dem Besitz des US-amerikanischen Hedgefonds-Managers und Megasammlers Steven Cohen, erzählte der Russe, habe ihn immerhin 118 Millionen Dollar gekostet. Sandy Heller zeigte sich über den hohen Preis erstaunt: Weil er als Berater die Sammlung Cohen betreue, wisse er, dass der Verkäufer für das Gemälde der leicht erröteten Nackten damals nur rund 93 Millionen Dollar bekommen habe.

Daraus ergab sich für Rybolowlew, dass der Vermittler des Bildes, von dem er sich über ein Jahrzehnt lang gut beraten fühlte, beim Verkauf des Bildes einen Schnitt von rund 20 Millionen Dollar gemacht hat. Ein Aufschlag, der selbst im anhaltenden Kunstmarktboom sensationell hoch wäre – und von dem vor allem Rybolowlew nichts gewusst haben will. Der Milliardär nämlich war nach eigenen Angaben davon ausgegangen, dass er die Kunstwerke zum Einkaufspreis erhalte und darauf eine Provision von zumeist zwei Prozent zahle.

Rybolowlew ließ sofort die weiteren Kunstgeschäfte überprüfen, die er mit Yves Bouvier gemacht hatte, und fand seine Befürchtungen noch in den ersten Januartagen bestätigt: Auch beim Kauf des umstrittenen, erst vor wenigen Jahren aufgetauchten Leonardo-da-Vinci-Gemäldes Salvator Mundi könnte der in Singapur gemeldete Schweizer Rybolowlews Recherchen zufolge viele zusätzliche Millionen verdient haben, von denen der Milliardär nichts gewusst haben will: Laut Gerichtsunterlagen, die der ZEIT vorliegen, hatte Rybolowlew für das Bild 127,5 Millionen Dollar an Bouviers in Hongkong residierende Firma MEI Invest Limited gezahlt, doch soll das Bild vorher laut einem Zeitungsbericht für rund 50 Millionen Dollar weniger von einem New Yorker Konsortium verkauft worden sein.

Tatsächlich habe Bouvier nie als Vermittler gehandelt, sagt sein Pressesprecher Marc Comina. Es gebe auch keine entsprechenden Verträge, und Rybolowlew habe nie die Originalrechnungen sehen wollen. Bouvier sei immer ein Kunsthändler gewesen, der Werke auf eigenes Risiko gekauft und dafür Sammler gesucht habe, und Rybolowlew war einer seiner besten Kunden. Insgesamt 37 Werke in einem Gesamtwert von rund zwei Milliarden Dollar, so Comina, habe Bouvier an Rybolowlew seit 2003 verkauft, als er dem Russen bei der Beschaffung einer Expertise für ein Chagall-Gemälde half: Bilder von Matisse, Picasso, Monet, Renoir, Modigliani, Degas, Gauguin, van Gogh, Toulouse-Lautrec, Klimt, Rodin, El Greco und Rothko. Bouvier sollte bei den Kunstgeschäften einen guten Preis aushandeln, sagt hingegen der Sammler, dafür habe er ihm jeweils rund zwei Prozent vom Kaufpreis bezahlt – ein sehr gutes Geschäft bei Preisen im teilweise neunstelligen Dollar-Bereich.

Als Rybolowlew die zusätzlichen Margen bemerkte, von denen er nach eigenen Angaben nichts wusste, erstattete er gleich am 9. Januar an seinem Wohnsitz Monaco Anzeige. Die Polizei begann zu ermitteln, Bouvier bekam davon nichts mit. Entsprechend überrascht war er, als er vor Rybolowlews Haus festgenommen wurde.