In einem Betonbau im Berliner Wedding, hinter einer unscheinbaren Wohnungstür im ersten Stock, ist eine Trauergemeinde zusammengekommen, von der nur Eingeweihte wissen. Jesidische Frauen mit Kopftüchern, kurdische Dichter, Witwen, Taxifahrer, ein paar Kinder, Frauenrechtlerinnen, Veteranen des kurdischen Befreiungskampfes – rund 100 Leute sind hier, um der 31 Jugendlichen zu gedenken, die am 20. Juli in der türkischen Stadt Suruç bei einem Selbstmordattentat des IS getötet wurden.

Die Gäste stehen in einem Saal mit lilafarbenen Samtbehängen und Fotos von kurdischen Märtyrern, eingerahmt von Kunstrosen und Kerzen. Das riesige Porträt des Kurdenführers Abdullah Öcalan hängt über einem Altar. Eingeladen hat eine Splittergruppe, die seiner Partei, der PKK, nahesteht. Die darf nicht offiziell auftreten, weil sie in Deutschland seit 21 Jahren als Terrororganisation verboten ist. Doch die Veranstalter verstecken sich heute nicht nur vor der deutschen Staatsmacht. "Wenn wir eine solche Trauerfeier im Wedding in der Öffentlichkeit machen würden", sagt Fehmi Katar, der für eine kurdische Zeitung arbeitet, "dann gäbe es sofort eine Schlägerei – entweder mit Leuten vom IS, die sich hier schon mehrere Moscheen unter den Nagel gerissen haben. Oder mit türkischen Faschisten von den Grauen Wölfen."

Der Konflikt zwischen Türken, Kurden und dem IS, den die meisten Deutschen weit weg wähnen, spiegelt sich längst auch in Deutschland, zum Beispiel im Berliner Arbeiterbezirk Wedding. Leute wie Fehmi Katar und seine Genossen bewegen sich in einer eigenen Topografie, die dem Rest der Berliner unsichtbar bleibt: Kampfzonen und Enklaven der Sicherheit, IS-Moscheen und Ladenlokale der Grauen Wölfe. In manchen Straßenzügen sind ganze kurdische Dorfbevölkerungen zu Hause. Etwa 50.000 Kurden und 200.000 Türken leben allein in Berlin, bundesweit sind es etwa drei Millionen Türkeistämmige und 800.000 Kurden. Der Verfassungsschutz schätzt, dass die PKK in ganz Deutschland etwa 14.000 Anhänger hat.

Seit dem Attentat von Suruç hat sich die Lage zugespitzt. Zunächst in der Türkei, wo PKK-Anhänger aus Rache zwei türkische Polizisten ermordeten, einen Traktor voller Sprengstoff in eine Soldatenunterkunft steuerten und Minen auslegten. Das deutsche Außenministerium warnt vor Anschlägen auf U-Bahnen und Bushaltestellen in Istanbul. Von einem Tag auf den anderen beendete der türkische Staatspräsident Recep Erdoğan den jahrelang von ihm selbst erfolgreich betriebenen Friedensprozess mit den Kurden. Nun sprechen Erdoğan und seine AKP-Regierung von der PKK nur noch als Terrororganisation; zwischen dem IS und der PKK machen sie keinen Unterschied mehr.

Hunderte von Kurden sind mittlerweile in der Türkei verhaftet worden. Bei türkischen Bombenangriffen auf PKK-Stellungen in den Bergen im Nordirak kamen bisher 260 Menschen ums Leben, viele davon Zivilisten, schwangere Frauen, Kinder. Diese Opfer, sagt die türkische Regierung, seien "nicht beabsichtigt". Doch die PKK-Kämpfer hätten sie als zivile Schutzschilde genutzt. Es ist kein Zufall, dass die Rhetorik beider Seiten dieser Tage wie ein Echo des Konflikts zwischen Israelis und Palästinensern klingt: Der Nato-Partner Türkei hat dem Westen immer wieder vorgeworfen, ihm nicht das gleiche Recht auf Selbstverteidigung zuzugestehen, wie es Israel zugebilligt wird. Und wie die Regierung Netanjahu keinen Unterschied zwischen Hamas und Fatah macht, so macht Erdoğan jetzt keinen zwischen der PKK und der moderaten Kurdenpartei HDP.

Auf der Trauerfeier im Wedding gibt es nur eine Deutung der aktuellen Ereignisse. Die "Komplizenschaft der faschistischen AKP" bei dem Massaker in Suruç sei offensichtlich, sagt ein Redner ins Saalmikrofon. Ein anderer sagt, die AKP mache mit dem IS schon lange gemeinsame Sache. "Das Attentat war ein Angriff auf die kommunistische Bewegung. Es war eine Kriegserklärung!" Ein Dritter glaubt, Erdoğan wolle für Chaos und Angst im Land sorgen, sodass eine Stimmung für Neuwahlen entstehe – eine Einschätzung, die in Deutschland bis in höchste Regierungskreise geteilt wird. Der Friedensprozess mit den Kurden sei für den türkischen Staatspräsidenten nur so lang interessant gewesen, wie sie als potenzielle Wähler infrage kamen. Als die Kurden dann aber mit ihrer eigenen, gemäßigt linken Partei HDP so erfolgreich wurden, dass sie Erdoğan bei der Parlamentswahl am 7. Juni die ersehnte absolute Mehrheit zunichte machten, war es mit dem Frieden vorbei. Jetzt wolle Erdoğan die Kurden kriminalisieren und demontieren.

Die jüngsten Racheakte der PKK wiederum erinnern an ihre frühere Guerillastrategie. Zwischen 1984 und 1998 lieferte sich die PKK in der Türkei blutige Kämpfe mit den Militärs, bei denen insgesamt 45.000 Menschen umkamen. 4.000 kurdische Dörfer, Viehherden und Wälder im Südosten der Türkei wurden von Regierungskräften in Brand gesetzt. Die PKK tötete ihrerseits, auch nach eigenen Angaben, in jenen Jahren Hunderte von "Verrätern und Lehrer-Agenten" bei Aktionen gegen "Dorfschützer, Kollaborateure und Spione". In Deutschland machte sie durch Autobahnbesetzungen, Sprengstoffanschläge, Schutzgelderpressungen und Selbstverbrennungen von sich reden – daher das Verbot 1993 durch den damaligen Bundesinnenminister Manfred Kanther.

Die Bilder verstorbener "Märtyrer", die auf der Trauerfeier im Wedding den ganzen Raum schmücken, zeigen auffällig viele Frauen, zum Beispiel jene drei kurdischen Politikerinnen, die vor zwei Jahren auf offener Straße in Paris ermordet wurden. Es ist eine Spezialität der PKK, die Frauen als "Avantgarde der Bewegung" zu verstehen. Auch zu den heutigen Trauergästen gehört so eine Frau. Sie heißt Safye Meryem. Ihr Gesicht ist schwer von Brandnarben gezeichnet. An jeder Hand fehlen ihr Finger. Ist sie ein Folteropfer, eine der vielen Tausend Kurden, die im türkischen Bürgerkrieg der achtziger und neunziger Jahre im Gefängnis saßen? Erlitt sie einen Säureanschlag, was auch kurdischen Frauen geschieht, die in konservativen Milieus gegen die "Familienehre" verstoßen haben? Nein, Safye Meryem hat sich selbst verbrannt, 1999 in einer Fußgängerzone in Kopenhagen. Sie war damals 22 Jahre alt. "Ich war verzweifelt", sagt sie, "dass man Abdullah Öcalan, unseren serok (Führer), zum Tode verurteilt hat. Er hat so viel für die Frauen getan! Er will doch nur den Frieden!" Weil Meryem weiß, dass die Ansichten gerade über diesen letzten Punkt selbst unter Kurden auseinandergehen, fügt sie schnell hinzu: "Ich bin keine Terroristin! Ich habe nie auch nur einen Stein geworfen."