Sylt als Kriegsgebiet

Eine kluge, wehmütige Vater-Tochter-Geschichte

Der Zug wird langsamer und das Grau des Himmels links vom Deich heller, das Wasser fast ocker. Ich räuspere mich aus Angst, sie könnte meiner Stimme anhören, wie sehr ich sie vermisse, obwohl sie doch da ist. Schau mal, der Himmel!

Sie folgt meinem Blick mit den Augen. Ja.

Der Zug erreicht Morsum, verkrüppelte kleine Kiefern beugen sich hinter dem Deich. Der Kirchturm von Keitum und die Uferlinie der Insel auf der Wattseite. Die Pferde auf den Weiden tragen Futterale.

Ist das Sylt?

Ja, das ist Sylt.

Die Wohnblocks von Westerland kommen in Sicht, der Fernmeldeturm, die verklinkerten Ferienreihenhäuschen mit den ausgebauten Dachgauben, in den Fenstern weiße Spitzenvorhänge. Der Getränkemarkt neben dem Bahnhof, der Fahrradverleih, Lidl und Edeka. Der Zug hält, und ich starte den Motor, während sie die Kopfhörer des iPods wieder annestelt.

Was hörst du? frage ich schnell, bevor sie die Wiedergabe startet.

The Kills."

Thomas Hettche: Die Liebe der Väter. Kiepenheuer & Witsch, 224 S., 9,99 €

Sylt als Niemandsland

Eine raffinierte, weil moderne Geisterlegende

Die Frauen warteten auf ihre zur See gefahrenen Männer, Kinder auf ihre Väter. Und in den Nebeln, die immer wieder vom Meer heraufzogen und die Insel einhüllten, mussten sich alle die Frage gestellt haben, ob nicht der eigene Vater oder der Ehemann der nächste Angeschwemmte sein konnte.

Wenn Nachricht kam, dass ein Sylter draußen auf dem Meer den Tod gefunden hatte, dann ging die Frau, der seine Liebe gegolten hatte, vielleicht nach Tagen der Trauer an den Nordseestrand, vielleicht nahm sie ihr Kind an der Hand, und gemeinsam blickten sie auf das weite Wasser hinaus, dorthin, wo keine Blicke außer den ihren hinlangten, hinaus auf das Meer, das den geliebten Mann einbehalten hatte, und sandten ihre Wünsche aus, dass sich seine Seele aus den salzigen, dunklen Tiefen würde befreien können."

Benjamin Lebert: Mitternachtsweg. Hoffmann & Campe, 240 S., 18,– €, E-Book 13,99 €.

Sylt als Gefahrenzone

Eine überraschend zeitkritische Romanze

Weil ich nicht achtgebe und träume, schlüpfe ich durch eine Lücke in den Heckenrosen und laufe mit gesenktem Kopf und blicklos durch die Gelege der Möwen, Silber- oder Mantelmöwen: kreischend steigen sie auf und kreischend stürzen sie im Sturzflug auf mich nieder, um im letzten Moment abzudrehen und mit ihrem Schnabel nach mir zu hacken.

Für einige Augenblicke bin ich starr vor Angst: fast ebenso weit wie der Weg zurück ist die Entfernung zum andern Ende des Geländes, zu einem Pfad entlang eines Zauns, der von buschigen Bäumen beidseitig gesäumt beinahe einem Hohlweg gleicht, sodass er mir Schutz vor den Vögeln mit ihren großen, gebogenen Schnäbeln und ihren bösen Augen böte: ich bücke mich nach einem Stock, bevor ich losrenne, auf den von hohen Hecken und Gebüschen eingefassten Pfad zu, den trocknen Ast eines Holunders, lieber wär mir ein Haselstock, lasse ich über meinem Kopf kreisen und halte die mächtigen Möwen so auf Distanz."

Michael Wildenhain: Das Lächeln der Alligatoren. Klett-Cotta, 242 S., 19,95 €, als E-Book 15,99 €.

Sylt als Zwischenreich

Eine unsentimentales, dabei zartes Jugenddrama

Die Kinder gafften mich an. Sie standen dicht beieinander, die Gesichter voller Sommersprossen und milchiger Sonnencremeschlieren, die nackten Füße zwischen Krebsschalen und Muschelsplittern im Spülsaum vergraben. Hinter ihnen strahlten die Dünen in der Sonne wie Weißgold. Ich musste meine Augen beschirmen, um die Kinder überhaupt sehen zu können. Ein Mädchen mit blonden Zöpfen hatte ihre Arme verschränkt und kaute mit offenem Mund auf ihrem rosafarbenen Kaugummi herum. Sie wirkte nicht, als würde sie mir glauben.

"Doch", rief ich und spürte, wie mir der Schweiß ausbrach, "das ist so bei Brandgänsen, genau so!" Ein kleiner Junge fing an zu weinen. Es war kein schönes Weinen. Sein ganzes Gesicht verzog sich und aus seiner Nase tropften die Rotzblasen direkt auf den Boden. "Ich sage doch nur", stammelte ich, "dass es nichts ausmacht, dass die Eltern ihre Kinder nicht wiedererkennen. Weil die Jungvögel sich dann einfach zusammenschließen." Jetzt stimmten noch drei weitere Kinder in das Geheul ein. Eines von ihnen deutete anklagend auf das Brandgans-Pärchen, das hinter mir in einem Priel gründelte. Die beiden Gänse ließen sich nicht weiter irritieren, sie sahen kurz hoch, ruckten ihre Köpfe ein wenig hin und her und drehten den Kindern ihre weißen Bürzel zu."

Christine Neudecker: Sommernovelle. Luchterhand, 192 S., 16,99 €, E-Book 13,99 €.