Abgeblitzt bei Blum in Westerland. Welcher Räucherfisch denn gerade am besten sei? "Die schmecken alle gut." Und welche Sorten zur Auswahl stünden? "Die, die im Fenster liegen."

Schon wahr: Man kann auf Sylt hervorragend ausgehen. Aber dann brät einem wahrscheinlich ein Koch aus dem Schwarzwald dänischen Fisch auf französische Art.

Was aber, wenn man versucht, wirklich sylterisch zu essen? Dann verschlägt es einen in die ruhigeren Ecken, beispielsweise nach List. An der Straße zum Hafen liegt das Bistro Austernmeyer, quasi das Outlet der hiesigen Austernzucht. Schon in der Tür weht einen Muschelsud an. Das Hauptprodukt des Hauses ist weniger leicht zu erschnuppern. Anders als manche Salatsoße oder Rosenmarmelade kommen die Sylter Royal tatsächlich von der Insel. Hier bekommt man sie gratiniert mit Pernodbutter, geräuchert auf Champagnerkraut oder gedämpft im Bambuskorb. Die Kunden sitzen auf schlichten Bänken mit Blick auf die Reinigungsbecken und bestellen Runde um Runde. Dabei ist die Ware ab Werk kaum günstiger als in Hamburg, aber auch nicht teurer, was auf Sylt ja schon etwas heißt.

Und wo essen die Einheimischen? Nicht in den bekannten Lokalen jedenfalls. Wer herumfragt, landet meist in unscheinbaren Gaststätten mit internationaler, auffallend fleischlastiger Kost. Wahrscheinlich gibt es für Insulaner nichts Langweiligeres als Inselküche. Das Restaurant Königshafen, auch in List, hält sich etwas auf seine Tradition zugute – "seit 1881 in Hansen-Besitz", wie die Kellnerin stolz erklärt. Hier waltet eine unerschütterbare Gutbürgerlichkeit. Gleißendes Seelicht bricht sich in hansaplastfarbenem Anstrich. Die Rentner an den Nebentischen wünschen guten Appetit. Die Seezunge mit Salzkartoffeln und süßlichem Salat vornweg ist auf ihre Art kaum besser zu machen. Wer es nicht mit Retro-Küche hat, fährt gut mit dem Keitumer Ziegenfrischkäse auf Rote-Bete-Carpaccio.

Der Königshafen ist ideal für einen Urlaub in der Vergangenheit. Aber wohin geht man für etwas mehr Sylt-Gefühl? Das weiß die Kellnerin leider auch nicht. Schon in Keitum, dem Nachbardorf, "war ich höchstens einmal".

Herumfragen führt den Besucher schließlich ins Tadjem Deel. Die Holzhütte in den Dünen hinter Rantum ist seit vierzig Jahren in Hinrichsen-Besitz. "Tal der Küsse" bedeutet der friesische Name. Die Gastgeber allerdings vermitteln nicht den Eindruck, als wollten sie einem Bussis auf die Wange drücken. Dafür sind sie befreundet mit einigen der letzten Sylter Gelegenheitsfischer, weshalb man hier hervorragende Meeräsche bekommt. Die schleimige Krabbensuppe macht dann nicht mehr so viel Freude. Die Chefin nimmt sie ungefragt von der Rechnung, obwohl die Statistik auf ihrer Seite ist: "Neuneinhalb von zehn Gästen schmeckt sie so, wie sie ist."

Die Suche nach dem Sylter Geschmack führt weit heraus aus der Schampus-Gesellschaft, zu neuen Erfahrungen aber nicht. Wahrscheinlich hat der zugezogene Zwei-Sterne-Koch Johannes King recht: "Die Sylter haben keine eigene Esskultur. Das waren bettelarme Leute." Und man darf froh sein, dass sie sich einen Rest Ruppigkeit bewahren. Sie gehört hierher und ist so erfrischend wie der steife Wind, der den Wellensteyn-Westen-Trägern ihre Sektgläser umweht.