Zur emotionalen Zwischenbilanz moderner vierzigjähriger Frauen gehört häufig die Erkenntnis, dass es in der Liebe bislang nicht so gut geklappt hat. Diverse kurze oder längere Beziehungen sind stumm oder lautstark in die Brüche gegangen, mit oder ohne Kinder, mit oder ohne Therapie. Die großen Gefühle verflüchtigen sich in kleine Alltäglichkeit, der Traum von Ewigkeit verwandelt sich in eine Realität eher kürzerer Dauer. Immer wieder sind es die falschen Männer, auf die frau sich – mal blind, mal sehenden Auges – einlässt. Wenn es denn unwahrscheinlicherweise einmal schön läuft, so droht nebenan der hässliche Beziehungsendkampf bei der besten Freundin als Menetekel, per Telefon oder in alkoholisierten Barnächten durchdekliniert. Die Angst trinkt immer mit.

Die männliche Seite des allgemeinen Beziehungsstatus-Kuddelmuddels sei hier leider, wie üblich, außen vor gelassen (es wäre, zugegeben, eine Angelegenheit, die einen wohl ratlos zurücklassen würde). Das Innenleben der Männer spielt denn auch im neuen Roman der Schriftstellerin Monique Schwitter keine große Rolle. Alles dreht sich in Eins im Andern vielmehr um ebenjene Erfahrungen mit der Liebe, die eine moderne Frau von ungefähr vierzig Jahren heute so gemacht hat. Ach, sagen wir es doch am besten gleich: So locker und virtuos, so unterhaltsam und intelligent, so präzise und vor allem gänzlich unlarmoyant ist in deutscher Sprache selten über Liebe heute geschrieben worden. Es gibt Gefühl und Leidenschaft bei Monique Schwitter, o ja. Aber sie spürt ihnen nach wie ein neugieriger Detektiv oder Ethnologe, verfolgt ihre chamäleongleichen Verwandlungen und möchte herausbekommen, was uns da passiert, wenn wir unverbesserlich lieben.

Die Ausgangsidee ist dabei so banal, dass sie jede/jeder schon einmal hatte, in besagten Barnächten oder beim morgendlichen Aufwachen: Was ist eigentlich aus den Verflossenen von einst geworden? Wie war das eigentlich genau mit denen – was war an ihnen das Besondere, woran können wir uns noch erinnern? Monique Schwitters namenlose Ich-Erzählerin überkommt die Erinnerung vor dem Computer an einem Freitagabend des Jahres 2013. Mit dem Roman hakt es – die Heldin ist Autorin –, die Kinder schlafen nebenan, ihr Mann ist wohl in seinem Zimmer. Und so googelt sie spontan den Namen ihrer ersten Liebe, Petrus – und erfährt prompt, dass er sich vor über vier Jahren in den Tod stürzte. Wie ein Film spulen sich jetzt Szenen aus ihrer beider Vergangenheit vor ihrem Auge ab. Ein gemeinsamer Winterspaziergang mit Freunden durch Schweizer Schnee vor zwanzig Jahren inklusive Stiefelproblemen und eines angekündigten Selbstmords.

Mit Petrus setzt ihr Männerreigen ein. Unsere Erzählerin beschließt, sie für ihr Buchprojekt fruchtbar zu machen: Zwölf Männer werden es sein, wie die Apostel, sie gibt ihnen zumeist die Namen von Jüngern Jesu – die womöglich am Ende die Botschaft der Liebe verkünden können? Gekonnt spielt Schwitter mit der doppelten Ebene: Sie, die Autorin, schreibt also ein Buch über eine Autorin, die ein Buch schreibt – und auch sonst überlagern sich alsbald die Handlungen; der Roman spielt mal in der erinnerten Vergangenheit, mal in der Gegenwart der Erzählerin, es wechselt hin und her, einiges wird erst angedeutet, später dann ausführlich analysiert – ein unsichtbares Netz verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Gerade mit solchen Kunstgriffen gelingt es Schwitter, die Intensität der Erinnerungsarbeit vorzuführen: Alle Gedanken kreisen plötzlich um die Zeit mit jenen Männern. Alles wird plötzlich gegenwärtig – vor allem die eigenen Gefühle von einst. Und wenn die Ich-Erzählerin mit ihrem Nathanael durch den Wald bei Buxtehude stapft, um dort unter einem Baum das künftige Grab seiner Eltern zu begutachten, das sein Vater für sich und seine demenzkranke Frau ausgesucht hat, und der Vater dieses Grab aber nur gewählt hat, weil seine Geliebte Julika es sich von ihm gewünscht hat, deren verstorbener Mann Fredi dort bereits liegt – dann scheint die Liebe plötzlich eine sehr kuriose, zudem pragmatisch handhabbare Sache zu sein.

Dabei sind ihre Männer natürlich keineswegs gleichrangig. Da gibt es Andreas, den Bruder von Petrus, mit dem einmal eine kurze Affäre passierte; es gibt den dünnen Softie Thomas, der sie nach einer Lesung anmailte und etwas tröstete im denkbar größten Schlamassel mit ihrem Mann Philipp (darauf kommen wir noch). Es gibt den alternden, eklig heruntergekommenen Großregisseur Tadeusz, den sie urplötzlich in Zürich wiedertrifft: Sie hatte sich einst erst auf ihn eingelassen, nachdem seine Frau fälschlich Verdacht geschöpft hatte. Doch vor seinen perversen Sexspielen war sie alsbald geflohen.

Und es gibt das Herzklopfen, aus dem nichts wird, das nur in ihrer Imagination lebt. Wie zum Beispiel beim auffallend hübschen, ansonsten durchaus problematischen 17-jährigen Mathieu aus Togo, den sie in Hamburg unterrichtet. Der flirtet ein bisschen mit "Madame", und Schwitter lässt es im Klassenzimmer höchst gekonnt knistern; unsere Heldin chattet schon ganz gern mit ihm via Facebook – küssen will sie aber nicht: "Mathieu, bitte lass das."

Rasch drängt sich bei der Lektüre die Frage auf, was die Ich-Erzählerin dieses Romans mit ihrer Schöpferin zu tun hat. Beider Ähnlichkeiten sind sicher nicht zufällig. Die in Hamburg lebende Monique Schwitter wurde 1972 in Zürich geboren, sie startete fulminant eine Schauspielkarriere, die sie unter anderem ans Hamburger Schauspielhaus führte. Daneben begann sie zu schreiben; seit ein paar Jahren hat sie sich gänzlich darauf verlegt; ihre Erzählungen und Romane sind hochgelobt und preisgekrönt; das "Nathanael"-Kapitel las sie neulich leider vergeblich beim Bachmann-Wettbewerb. Es gibt in ihrem Leben so wie im Roman eine Hündin und zwei Kinder, deren Vater Bühnentechniker ist. Diese Liste von Ähnlichkeiten ließe sich fortsetzen, allein sie ist irrelevant. Denn Schwitter verwandelt hier nicht knausgardesk ihr Leben in Kunst, sondern entwirft aus vermeintlich, womöglich autobiografischen Bruchstücken ein fantasievolles Panorama zeitgenössischer Liebesarten.

Bleiben noch die wichtigen Männer in diesem Leben einer Vierzigjährigen – doch halt, waren sie nicht alle ähnlich, nur anders wichtig? Wie auch immer: Es gab den "Zwölfjahresjakob", Schauspieler wie sie ("eine perfekte Hügellandschaft" ist sein Gesicht), dessen Kind sie beide nicht wollen. Die Langzeitbeziehung ging in einer Fernbeziehung verloren. Und schließlich Philipp, ihren sympathischen Mann und den Vater ihrer Kinder, der Bühnentechniker, der so versiert und beweglich erscheint – und der mit seiner geschickt getarnten Spielsucht vor dem Sparbuch des Kindes nicht haltmacht und die Familie völlig ruiniert. Es gehört zu den zurückhaltenden, durchaus anrührenden Verwandlungen dieses Buches, dass ihre Liebe zu ihm dennoch stärker zu sein scheint als diese private Katastrophe. "Ich schreibe mir hier und jetzt ein glückliches Ende", schlägt sie im Roman vor. Dazu musste sie jedoch gen Zürich reisen, spontan die Familie in Hamburg zurücklassend, in die Vergangenheit, zum toten Petrus und dessen einsamem Freund Simon – und zu einem weiteren toten geliebten Mann. Sie erinnert sich an das erschütternde Sterben ihres Bruders im Krankenhaus: "Ich schreibe, seit Du gegangen bist."

Monique Schwitter gelingt mit diesem Roman ein Röntgenblick in die weibliche Seele von heute. Wie in einer Matrjoschka-Puppe erforscht ihre Heldin ihre Männer, "einer im Andern", dringt weiter vor in ihren Gefühlen, ohne Bitterkeit, "eins im Andern" – eine großartige Konstruktion. Und all das wirkt gar nicht konstruiert, sondern dank der Sprache von Schwitters ganz naturwüchsig: mit großem Tempo, schnellen, assoziativen Gegenschnitten und Überblendungen, lakonischen Dialogen, stimmigen Tonlagenwechseln und schönstem Sinnieren wird hier erstaunlich perfekt erzählt. Da verzeihen wir der stiefeltragenden Heldin auch den kitschigen Therapeutenschlusssatz: "Ich habe gehen gelernt." Denn wir haben in dieser Apostelgeschichte noch einmal gelernt, dass Liebe etwas Göttliches ist, mit zum Glück unbefriedigend irdischen Wesen.