Ein paar Windräder in Rheinhessen: Kaum der Rede wert, könnte man meinen. Für Stephan Schlitz aber sind die 14 bis zu 200 Meter hohen Windmaschinen beim Örtchen Fürfeld ein "Akt brutaler Zerstörung". Schlitz, Landwirt und Agrarsoziologe, kämpft deswegen gegen die Invasion der Windkraftwerke – und gegen ehemalige Verbündete: die Umweltschützer vom Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Der hatte den Windpark in Fürfeld zwar erst zu verhindern versucht. Er liege in einem wichtigen Zugvogelkorridor. Doch obwohl der BUND vor Gericht einen Baustopp erwirken konnte, legte er die Klage gegen den Windpark dann selbst zu den Akten. Stattdessen einigte er sich mit den Behörden auf eine nachzuholende Umweltprüfung. Sie sollte die vom Gericht gerügten Fehler "heilen".

Für Schlitz ist das Verhalten des BUND ein Zeichen dafür, wie eng der Verband mit der Windkraftlobby verbandelt ist. Auf dem Höhepunkt des Streits bekam er Besuch vom Schatzmeister des BUND in Rheinland-Pfalz – der zugleich stellvertretender Landesvorsitzender des Bundesverbandes Windenergie (BWE) ist. Später machten Mitglieder des BUND gegen den Landesvorsitzenden Harry Neumann mobil, einen Artenschützer alter Schule – bis er zurücktrat. Unter den Wortführern: ein Mitglied, dessen Firma den Windpark in Fürfeld geplant hatte.

Der Streit um Fürfeld ist das jüngste Beispiel für einen Konflikt, der den BUND spaltet. Mit dem Siegeszug der "Erneuerbaren" wächst nicht nur der Widerstand der betroffenen Bürger – auch das symbiotische Verhältnis von Teilen der Umweltbewegung mit der Erneuerbare-Energien-Branche wird zum Problem. Viele Unternehmen, die mit Wind, Sonne und Biogas ihr Geld verdienen, sind aus der Umwelt- und Antiatomkraftszene hervorgegangen. Gefördert von eigenen Lobbyverbänden, wollen die einstigen Ökoklitschen wachsen – und scheren sich wenig um ökologisches Kleinklein. Schließlich sind Windräder für sie Klimaschutz par excellence.

Ganz neue Fronten tun sich auf: Klimaschützer gegen Landschaftsschützer. Junge, global denkende Umweltaktivisten gegen regional verwurzelte Naturfreunde alten Schlags. Städter, die sich mittels Ökostromtarif ein grünes Gewissen kaufen, gegen Landbewohner, die sich von Windparks umzingelt sehen. Es ist eine Zerreißprobe für den BUND.

Man kann das in vielen Landesverbänden beobachten. In Bayern hat der Umweltschützer Enoch zu Guttenberg, der einst den BUND als deutschlandweite Organisation mit aus der Taufe hob, schon vor drei Jahren seinem Verband die Gefolgschaft aufgekündigt. Seither hält Guttenberg flammende Reden gegen den Ausbau der Windenergie. Der Freiherr ist auch Ehrenmitglied des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern, der dem BUND auf einem seiner Kernfelder nun Konkurrenz machen will. Auch im BUND Sachsen tobte vor zwei Jahren eine regelrechte Schlammschlacht. Bei der Wahl eines neuen Vorsitzenden kam es zu Tumulten und Vorwürfen. Auch hier war der Hintergrund der Konflikt zwischen Klima- und Naturschützern. Auch hier gründeten Windkraftkritiker einen Konkurrenzverband.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

In Rheinland-Pfalz aber tobt der Streit am heftigsten. Der frühere BUND-Landesvorsitzende Neumann ist überzeugt, dass mit der vorzeitigen Einstellung der Klage gegen den Windpark in Fürfeld eine Chance vertan worden sei, um bei Windkraftprojekten höhere Standards für den Artenschutz durchzusetzen. Für den Rückzieher macht Neumann die "Windlobby" im eigenen Verband verantwortlich. Sein Amtsnachfolger Holger Schindler hält dagegen: Man habe mit den Nachbesserungen in Sachen Artenschutz alle Ziele erreicht und sich keinem weiteren Prozessrisiko aussetzen wollen. "Wenn wir unterwandert sind, dann von Antiwindkraftinitiativen, die den Artenschutz nur als Vehikel nutzen, um ganz andere, rein egoistische Interessen durchzusetzen."

Das kann man als Seitenhieb auf Landwirt Schlitz verstehen, der die Windräder vor seiner Haustür wegbekommen will. Der sagt, es gehe ihm genauso um die durch die Windparks gefährdeten Vogel- und Fledermausarten. Mit seiner Bürgerinitiative unterstützt er eine neue Klage einer Bürgerin gegen den Windpark. Nach aktueller Rechtsprechung sei es möglich, Umweltfolgen als Eingriff in die Rechte von Privatpersonen zu werten. "Das ausschließliche Klagerecht der Umweltverbände in solchen Fällen ist damit Vergangenheit", sagt Schlitz. "Den BUND brauchen wir gar nicht mehr."