Seriöser Journalismus bedeutet, dass, wo immer möglich, aus Originaldokumenten zitiert wird. Nur so können wir gegen Propaganda kämpfen, und nur so kann jeder die Fakten unabhängig beurteilen. Es ist unerlässlich, Dokumente zu veröffentlichen, wie netzpolitik.org es getan hat, zumal wenn es um Dinge geht, die wie Science-Fiction anmuten, wenn wir darüber informieren wollen, dass Massenüberwachung stattfindet und sich öffentlicher Kontrolle entzieht. Weil es im Interesse einer demokratischen Öffentlichkeit ist, haben meine Kollegen und ich Tausende von Geheimdokumenten publiziert. Jeder Angriff auf Markus und Andre ist ein Angriff auf uns alle. Der eine oder andere Kollege mag um Gnade bitten, ich dagegen rufe alle Journalisten und die gesamte Öffentlichkeit auf, sich solidarisch zu erklären.

Ich habe bei meiner investigativen Arbeit mit engagierten und angesehenen Kollegen von NDR und WDR, von der Süddeutschen Zeitung, vom Spiegel, von Heise online, von Le Monde und anderen Medien gearbeitet. Ich spreche nur für mich und nicht für meine Kollegen, aber ich finde es unsinnig, dass einzig gegen Andre Meister, Markus Beckedahl und ihre unbekannten Quellen ermittelt wird. Ich fordere die Generalbundesanwaltschaft hiermit auf, gegen uns alle zu ermitteln. Wenn investigativer Journalismus eine Straftat ist, sind wir alle schuldig. Wenn Markus und Andre verurteilt werden, bin ich bereit, ebenfalls ins Gefängnis zu gehen. Ich weiß, dass viele so denken wie ich. Wir werden die Gefängnisse aus den gleichen Gründen mit unserem Körper füllen, wie wir die Zeitungen mit unserer Tinte füllen. Der lange und kurze Marsch durch die Institutionen hat begonnen. Überall, in Deutschland und auf der ganzen Welt, ist nun bekannt, welche Journalisten bedroht sind.

Die Kollegen von netzpolitik.org werden sich durch die Ermittlungen nicht einschüchtern lassen. Aber wir wissen nicht, wie frühere und künftige Quellen auf diese Vorfälle reagieren werden. Indirekt wird also die gesamte Arbeit des Blogs behindert. Man wird davon ausgehen können, dass Gespräche der Kollegen überwacht werden. Mit diesem Irrsinn muss Schluss sein.

Wenn Geheimdienste im Dunkeln agieren, kann eine demokratische Gesellschaft nicht über die Rechtmäßigkeit dieser Aktivitäten diskutieren. Für diese Debatte müssen Journalisten Informationen bereitstellen, selbst wenn einzelne Amtspersonen oder Behörden das anders sehen. Was für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft notwendig ist, kann nicht gleichzeitig "Landesverrat" sein. Wir Journalisten werden weiterhin Missstände aufdecken, wie es nach Artikel 5 des Grundgesetzes unser Recht ist. Die Enthüllungen werden so lange weitergehen, wie es die Verhältnisse notwendig machen.

AUS DEM ENGLISCHEN VON MATTHIAS FIENBORK

Wie ein Künstler in einem Projekt eine Möglichkeit fand die Überwachung umzukehren, erfahren Sie in diesem Video.

Kunstprojekt - Wir überwachen zurück!