"Gemetzel!", schreit es schwarz-rot von Plakaten und Fahnen in Worms, und so schlendert man angeregt durch die Fußgängerzone, vorbei am Brunnen, über dessen Geplätscher sich Helden in Bronze abschlachten unter bronzenen Sprüchen: "Uns ist in alten maeren wunders vil geseit... Dô sprach der grimme Hagen..." Wie schön!

Man hat sich ja nie ganz zurechtgefunden im Durcheinander der Helden. Schon dass ihr Burgund um Worms herum zu finden war statt bei Dijon und Beaune – und dann die Weiber: Kriemhild und das Monster Brünhild; diese Eifersucht um den Naivling Siegfried, Drachentöter und Weiberbesteiger (im Schutz seiner Tarnkappe); die genealogische Inzucht mit all den Königen ohne erkennbares Volk: Gunther, Gernot, Giselher mit dem wilden Hagen, und dann noch dieser Etzel-Attila aus dem Hunnenland, der sich mit der rasenden Witwe Kriemhild vermählt und Ortlieb zeugt, der beide Reiche zusammenführen könnte: Heiden und Christen, Orient und Okzident in eins! Sehr kühn, sehr verwirrend. Sehr reich an Action, Mord und Blutbad jedenfalls.

Seit im Jahr 2002 die Stadt Worms ihre Nibelungen-Festspiele etabliert hat – immer mit Film- und Bühnenstars –, war man kühn um Abwechslung bemüht: gleiches Sujet, andere Version. Zuerst Moritz Rinkes witziger Szenen-Comic, von Dieter Wedel fulminant über Domtreppe und Lindenbäume verteilt, mit Fahrrädern und Jeep, Kettenhemd und Brunstgebrüll, später Hebbels Originaltexte im Versgedröhn, dann John von Düffels Komödie Leben des Siegfried und wieder Hebbel (jetzt bearbeitet von Meister Wedel), und nun wurde der Poet und Kulturmanager Albert Ostermaier um sein Nibelungenstück gebeten. Er schrieb Gemetzel.

Gezeigt wird es vor der Nordseite des grandiosen Doms. Die spektakuläre Südwand mit der berühmten Treppe zum Portal (auf der sich die Megären Kriemhild und Brünhild so fantastisch in die Haare geraten) will man gerade mit einem "Gemeindehaus" verbauen, und an den Häusern nahebei hängen verwitterte Plakate: "Schluss mit Nibelungen-Terror und Disco-Krach" – dort geht also nichts mehr.

Schön, Nordwand, auch prächtig. Vor allem muss man hierzu erst mal durch den wundervollen Heyl-Park flanieren, eine Wiesen- und Baumlandschaft mit Kieswegen und Brunnen und jetzt mit gastronomischen Zeltpavillons – da lacht man nur noch rau über Bayreuths Würstlkantine. Endlich dürfen wir auch zur Tribüne, auf einen der 1.300 Plätze (Tickets immerhin zwischen 50 und 100 Euro), sehen auf der breiten Bühne zwei hochragende Gestängetürme, martialisch bestückt mit Waffengerät, Beutegut, Leitern im Innern. Offenbar Kampfwagen. Erdacht hat sie Aleksandar Denić, der ja gerade in Bayreuth Frank Castorfs Ring des Nibelungen ausstattete. Der rechte Turm, mit maurisch-indischen Holzgitterchen und Altanen umrüstet, zeigt martialische Mammutstoßzähne und zuoberst einen Pagodenpavillon, woraus bisweilen König Etzel (Markus Boysen) röhrt. Im linken hausen die urigen Burgunden, denn er ist mit Aberdutzenden Geweihen behängt und von einem Riesentotenschädel getoppt und dornengekrönt; wir sind ja bei Christen. Orient gegen Okzident, Clash der Kulturen, dann mal los!

Ist nichts damit. Schon die erste Regieanweisung des Autors ("Drei nackte Nixen, ihre Kleider suchend") fällt ins Wasser: Es plätschert, und unsichtbare Damen brabbeln aus dem Off, nach Art von Macbeths Hexen. Ein "Narr" tritt auf mit dem Knaben Ortlieb – und von da an ist alles verspielt.

Der Regisseur Thomas Schadt, ein verdienstvoller Fernsehmann, beherrscht den breiten Raum so wenig wie das Verabreden mit dem Choreografen und den Musikern oder gar das Führen der Schauspieler. Die müssen stets plärren und draufdrücken, wodurch sie nur ein, zwei Tonstufen haben; wer aber nichts zu sagen hat, den lässt die Regie einfach stehen. Weil alle per Mikro sprechen, sucht man ständig die Bühne ab, um den Redner zu orten. Dabei wird entschieden viel geredet – doch beinah nichts getan. Denn Albert Ostermaier hatte die Idee, die Story aus Sicht des Knaben Ortlieb (geschrien von der sonst großartigen Alina Levshin) zu erzählen, in Rück- und Vorblenden: Wie war das mit Siegfried, wie mit Tante Brünhild, mit Hagen und mit der Liebe und dem Verrat? Und dann wird es eben gespielt, ohne dass deutlich würde, wer gerade wen darstellt und worum es dabei geht.

Einmal tritt Brünhild (Catrin Striebeck) als Selbstmordattentäterin mit Burka und Sprenggürtel auf – aber auch wieder ab. Hm. War wohl auch besser so. Da hätte der filmerprobte Regisseur halt eine zweite Darstellungsebene einziehen müssen: anderes Setting, anderer Stil (vielleicht in Stummfilmdrastik?) – irgendwas in der Art.

In Ostermaiers Stück gibt es "Tanzszenen", die das Erzählte pantomimisch interpretieren sollen; doch die dafür engagierte Truppe benimmt sich wie das "Neger-Ballett" einstiger Faschingsfeste, zappelt rhythmisch und pikst mit Speeren herum. Die Musikband schrummt aus den Türmen gitarralen Underground der frühen siebziger Jahre; alles, wie man so sagt, ohne Sinn und Verstand.

Albert Ostermaiers versonnene Texte sind schon beim Lesen arg verschlüsselt – schon da blickt man kaum durch die Figurenlage und ob’s Rückblende oder Gegenwart sein soll. Die Regie hat jedenfalls auch nicht weiter drüber nachgedacht. So ist das Resümee: ein langweilig-langwieriges Breitwandgestolpere – ohne jedes Gemetzel. Aber vor prächtiger Dom-Kulisse und mit großen Namen in sehr kleiner Ausführung.