Norbert Lammert ist Präsident des Deutschen Bundestages, und er kann sehr, sehr gut Reden halten. Nicht reden kann er nicht ganz so gut. Nun hat er gefordert, die Legislaturperiode von vier auf fünf Jahre zu verlängern. Begründung: Das sei eine "schlichte Frage der Zweckmäßigkeit". Außerdem gebe es dafür eine "haushohe virtuelle Mehrheit" im Hohen Hause.

Nun ja, beginnen wir mit dem zweiten Argument: Das Schwierige und zugleich das Heiße am Politikersein liegt doch darin, dass man alle vier Jahre gekündigt werden kann. Das ist aufregend, aber gefährlich, also quasi undeutsch, denn die Deutschen haben es lieber umgekehrt. Wer die Abgeordneten also fragt, ob sie sich diesen Stress etwas seltener antun wollen, bekommt dafür bestimmt eine Mehrheit, die aber hoffentlich auf ewig virtuell bleibt.

Wenn eine Regierung, etwa die jetzige, schon nach zwei Jahren ihren Koalitionsvertrag abgearbeitet hat, warum will man sie dann weitere drei Jahre in den Warte- respektive Plenarsaal setzen, anstatt wie bisher nur zwei? Lammert möge sich bitte für einen Moment vorstellen, was in seinem Bundestag los wäre, wenn es die tollen Krisen nicht gäbe. Nichts wäre los, gar nichts.

Und überhaupt: Wenn die Politik sich immer mehr beschleunigt, warum sollen sich die Legislaturperioden verlängern? Wer sich die gute alte Zeit zurückwünscht, als Gesetze noch mit der Laubsäge gemacht und Reden für die Ewigkeit gehalten wurden, der möge zehn Jahre alten Jack Daniel’s trinken, aber keine Sommerinterviews geben.

Ist dem Bundestagspräsidenten noch nicht aufgefallen, dass die Parteiprogramme heute fast keine Rolle mehr spielen, weil sie zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung schon überholt sind? Auch was die Abgeordneten im Wahlkampf so alles versprochen haben, wird immer schneller gegenstandslos, nicht weil sie gelogen hätten, sondern einfach weil sich ganz andere Themen, drängendere, dramatischere umgehend in den Vordergrund schieben.

Wenn er wirklich den Rhythmus des Bundestages an den der Wirklichkeit anpassen wollte, müsste Lammert fordern, dass die Legislaturperiode auf drei Jahre verkürzt wird. Dafür bekäme er allerdings keine Mehrheit, nicht mal eine virtuelle.

Dass die vielen Wahlkämpfe die Politik von der Arbeit abhalten würden, auch so ein Lammert-Argument, ist ohnehin nur ein schlechter Witz. Wir können froh sein, wenn es vor der nächsten Wahl überhaupt einen Wahlkampf gibt! Nicht wahr, Herr Albig?