Wer eine Orgel baut, braucht Holz. Er braucht Zinn, in Barren, möglichst rein. Er braucht Rinderknochen und Mammutzähne, er braucht die Haut von Schafen und Kängurus. Er braucht Werkzeuge, die es nirgendwo zu kaufen gibt. Er braucht, vor allem, Zeit.

Philipp Klais hat das Orgelbauen von seinem Vater gelernt, er hat als kleiner Junge neben der Werkbank gespielt, er wusste, wie eine Orgel klingt, bevor er sprechen konnte. Die Werkstatt, die Klais leitet, hat sein Urgroßvater im Jahr 1882 eröffnet. Heute zählen die Orgeln, die dort gebaut werden, zu den besten der Welt. Sie stehen im Kölner Dom und in den Twin Towers von Kuala Lumpur, im größten Konzertsaal von Buenos Aires und im Pekinger Nationaltheater.

Die Werkstatt der Klais Orgelbau GmbH & Co. KG liegt im Norden von Bonn, ein rostroter Backsteinbau an einer lauten Straße. Hier, zwischen Aldi-Markt und Shisha-Lounge, zimmert Philipp Klais an einem kleinen Stückchen Ewigkeit. "Wir verkaufen ja kein Produkt", sagt er. "Wir verkaufen Klang."

Im Hof lagern Baumstämme, frisch angeliefert, Bergfichten aus dem Vorarlberg. Drinnen stehen elektrische Sägen und Hobel, Schraubstöcke, Ambosse, Werkzeugschränke. Es riecht nach frischem Holz, nach Harz und warmem Leim, auf den Dielenboden hat sich ein Film aus feinem Sägemehl gelegt. Männer in Wollpullovern und blauen Latzhosen feilen, hobeln, schmirgeln, aus einem Kofferradio schrammelt eine Bluesgitarre. Philipp Klais steht mittendrin, die Spitzen seiner schwarzen Lederschuhe vergraben in einem Haufen Holzspäne.

Im deutschen Orgelbau arbeiten etwa 2.000 Menschen, sagt der Bund Deutscher Orgelbaumeister. Eine kleine Welt, man kennt sich. Man liest Fachzeitschriften, die Orgel International heißen oder Das Musikinstrument, man trifft sich auf der Kirchenmesse Gloria. In dieser Welt ist keiner so erfolgreich wie Philipp Klais. Er ist Weltmarktführer. 70 Prozent seiner Kunden bestellen ins Ausland. Demnächst wird Klais in Taiwan ein Instrument einweihen. Vor Kurzem bekam er einen Auftrag in Budapest.

Mehr als drei Jahre kann es dauern, bis eine Orgel fertig ist. Dann kommt ein 40-Fuß-Container in den Hof der Werkstatt gefahren. Dann wird die Orgel – in Einzelteile zerlegt und in Holzkisten verpackt – behutsam eingeladen und verschifft. Klais bucht immer einen Platz in der Mitte des Containerschiffs. Da wackelt es am wenigsten. Angekommen in Peking oder Singapur, baut er die Orgel wieder auf.

Es gibt in Deutschland viele Weltmarktführer. Kleine Mittelständler, die eine Nische gefunden haben. Firmen, die Zahnbürsten produzieren oder Buchbindemaschinen, Rollen für Krankenhausbetten oder die Clips, mit denen man Wurstpellen verschließt. Sie alle haben sich radikal spezialisiert, sie alle sind erfolgreicher als ihre Konkurrenten. Und doch gibt es etwas, was Klais von ihnen unterscheidet: Sein Unternehmen wächst nicht. In Zeiten, in denen er expandieren könnte, erliegt er der Versuchung nicht. "Ich wüsste nicht, warum", sagt er. Klais baut nicht mehr als vier Orgeln gleichzeitig. Seine Belegschaft liegt konstant bei 60 bis 70 Mitarbeitern. Wenn Klais einen Auftrag bekommt und keine Kapazitäten hat, dann stellt er keine neuen Leute ein, er schlägt den Auftrag aus. Es gibt nicht viele wie ihn.

Für Orgeln in Asien nimmt Klais Teak, in Köln baut er mit Eiche und Fichte

Im hintersten Winkel seiner Werkstatt tritt Klais in eine dunkle Kammer. Hier lagern Dutzende silbrig glänzender Barren, jeder 37 Kilo schwer. "Unser Fort Knox", sagt Klais. Die Barren sind der Rohstoff für die Orgelpfeifen: Zinn, 99,997 Prozent rein.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Nebenan in der Gießerei steht ein kräftiger Mann mit Schweißerhelm und blauem Arbeitsanzug, die Hände in derben Handschuhen, die Ärmel hochgekrempelt, er schwitzt. Er rührt in einem Kessel, der von der Decke hängt. Auf 300 Grad erhitzt er die Zinnbarren, bis sie flüssig sind. Er steckt ein Thermometer ins flüssige Zinn, dann gießt er die Masse in eine Form und streicht sie aus. Bis es zu einem flachen Blech erkaltet, das aussieht wie matte Alufolie. Später werden die Bleche zugeschnitten, gebogen und zu Orgelpfeifen verlötet. Sie werden einmal das Kirchenschiff von St. Joseph in Bonn mit ihrem Klang erfüllen. Bis dahin darf sie niemand mehr mit bloßen Fingern berühren – der Schweiß auf der Haut könnte die Pfeifen verstimmen.