Überall in Berlin hingen gelbe Zettel und riefen LIEBE. Annonciert wurde "ein leicht verständlicher Vortrag aus spiritueller Sicht mit Mahalila Das" über den Unterschied zwischen echter und falscher Liebe. Das Kernthema der Ostkurve! Nichts wie hin!

Im Keller des Mantra-Yoga-Treffs versammelte sich ein halbes Hundert untätowierter Berliner. Mahalila Das erwies sich als jugendfrischer Bayer. Er predige keinen Glauben, sondern sei autorisiert, das ewige Wissen der Veden zu offenbaren. Vor seinem Referat intonierte Herr Das ein kollektives Mantra. Er ließ ein Örgelchen wimmern und sang vor: "GAUR-RA-ANG-GA, NITAI-GAUR, HARIBOL. Und nun alle!" Und wieder von vorn, zwecks Vertreibung der argen Alltagswelt, in der wir wie hungrige Wölfe nach Liebe suchen.

Und was finden wir? Leiden, die Folge der Lust. Die will in Wahrheit nur eigene Befriedigung, immer wieder. Wird diese Gier frustriert, kann der Mensch zum Mörder werden. Unsere gesamte Welt organisiert sich nach Körpergelüsten, von der Wiege bis zur Bahre. Unser Körper aber bildet sowenig unsere Essenz wie unsere Kleidung. Wesenhaft sind wir ewige individuelle Seele, ungeboren und unsterblich. Es wird Zeit, dass wir Körpersklaven uns endlich als Wesen der Liebe begreifen. Echte Liebe ist wie strahlendes Licht, Pseudoliebe wie tiefe Finsternis.

Fast schien mir, das wüsste ich schon. Behutsam ging ich, als die Weisheit von Mahalila Das zum fünften Mal dasselbe Ziel erreichte. Draußen wimmelten die Berliner Wölfe. Eine ewige Seele, inkarniert in einem Nachtbusfahrer, maßregelte eine ungehorsame Polin. Die Zarte wusste das Gebrüll nicht zu deuten, aber ich. Der Mann suchte Liebe. Das verschwieg ich beiden, vorsichtshalber.