Zwei der bekanntesten politischen Philosophen unserer Zeit, beide aus derselben Generation, haben ein Buch über Freiheit geschrieben. In einem Punkt stimmen sie überein: Freiheit und Gerechtigkeit gehören eng zusammen, behaupten sie, und zwar so, dass Gerechtigkeit über Freiheit zu bestimmen ist – gerecht ist eine Gesellschaft genau dann, wenn sie allen Mitgliedern Freiheit ermöglicht. In allen anderen Punkten könnten die Bücher unterschiedlicher kaum sein. Das betrifft die Erläuterung der These genauso wie die Anlage der Bücher und den philosophischen Stil.

Otfried Höffe, emeritierter Professor in Tübingen, schreibt in seiner Kritik der Freiheit. Das Grundproblem der Moderne über Freiheit in allen möglichen Bereichen: des Menschen Freiheit von der Natur durch Technik und Medizin, ökonomische Freiheit, Freiheit in Wissenschaft und Kunst und über personale Freiheit, Autonomie. Er beschreibt jeweils einerseits den Wert der Freiheit und andererseits die Probleme, die mit ihrer Ausübung einhergehen können. Höffe spricht von Freiheit als Prinzip der Moderne, als Konstituens sowie als Aufgabe des Menschen. Er diskutiert Themen von der Präimplantationsdiagnostik über interkulturelles Strafrecht bis zum Alltagsstress. Es ist ein Angebot, zu erfahren, was Höffe zu all dem derzeit denkt.

Ganz anders bei Philip Pettit, der aus Irland stammt und an der Universität in Princeton lehrt und ehemals die spanische Regierung unter José Luis Zapatero beriet. Erstens bietet er in seinem Buch Gerechte Freiheit zunächst eine präzise Auslegung des Freiheitsbegriffs in einem bestimmten Bereich. Zweitens lädt er dazu ein, diese Idee von Freiheit im Detail nachzuvollziehen, sowohl was ihre Begründung als auch was ihre Folgen in der Umsetzung betrifft. Dazu werden viele feine Unterscheidungen gezogen, etwa zwischen Herrschaft, Kontrolle, Einfluss und Lenkung.

Was den Zusammenhang zwischen Freiheit und Gerechtigkeit betrifft, so skizziert Höffe grob sein liberales Programm (wobei er den Schwerpunkt umdreht, im Vergleich zu seinem einflussreichen Buch Politische Gerechtigkeit in den Achtzigern, als noch Gerechtigkeit der Ausgangspunkt war): Er geht von negativer Freiheit aus, also von der Idee, frei von Zwang zu sein, weiß aber als "aufgeklärter" Liberaler, dass für einen gerechten Staat darüber hinaus auch positive Freiheit nötig ist, also die Befähigung zu bestimmtem Handeln. So hält er Unterstützungen durch den Sozialstaat für geboten, warnt aber vor einem "Wohlfahrtsstaat", in dem die Freiheit durch Abhängigkeit von Versorgungsleistungen wieder verloren ginge.

Pettit reicht so ein Handlungsspielraum in einem fest gefügten System von Grundfreiheiten nicht aus. Er unterscheidet zwischen Freiheit als Nichteinmischung und Freiheit als Nichtbeherrschung und hält Letztere für die entscheidende Idee (dabei richtet sich seine Kritik mehr gegen rechtsgerichtete Libertarier, die Freiheit als Nichteinmischung für den einzigen Wert halten, als gegen aufgeklärte Liberale wie Höffe). Diese Idee veranschaulicht er zunächst an Nora, der Protagonistin in Henrik Ibsens gleichnamigem Sozialdrama. Nora hat einen gutmütigen Mann, Torvald, der sie machen lässt, was sie will. Dennoch sei sie nicht im relevanten Sinn frei. Das wäre sie erst, wenn Torwald nicht nur faktisch nicht eingreifen würde, sondern wenn er gar nicht die Macht hätte, das zu tun. Wenn sie also nicht von ihm beherrscht würde. Dieses Verständnis von Freiheit überträgt Pettit auf Bürger und Regierungen und nennt es ein republikanisches, das er dezidiert nicht mit der Politik der namensgleichen Partei in den USA verwechselt wissen will, sondern als Wiederaufnahme des verloren gegangenen Freiheitsverständnisses des antiken Roms.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Diese Idee hat mehr zur Folge, als es zunächst den Anschein haben mag. Während Höffe eine traditionelle Legitimation bestehender Demokratien skizziert, werden nach Pettit die Demokratien, in denen wir leben, dem Ideal der Nichtbeherrschung für alle nicht gerecht. Die üblichen Wahlen garantierten nur irgendeinen Einfluss des Volkes auf die Gesetzgebung durch die Regierung. Damit übe das Volk, demos, aber noch nicht die entscheidende Kontrolle, kratos, aus. Es fehle die Lenkung, also organisierter und gezielter Einfluss. Deshalb müsse zum Wahlsystem unter anderem ein weiter gehendes "System öffentlicher Kontrolle" als bisher dazukommen, das wahlunabhängige Institutionen wie Interessenorganisationen und Ombudsmänner enthalte, um Regierende anfechten und regulieren zu können. Damit sollten Minderheiten besser geschützt und Politiker und Lobbyisten am Missbrauch ihrer Ämter und ihrer Macht gehindert werden. Dem naheliegenden Einwand, solche quasikonstitutionellen, die Wahlen umgehenden Vorkehrungen schränkten die Macht des Volkes ein, begegnet er offensiv: Im Gegenteil würden sie diese erst ihre Wirkung entfalten lassen. Denn nur so sei ein gleicher Einfluss aller Mitglieder garantiert – es gilt nicht nur die Stimme der Mehrheit.

In dieser Richtung mag man in Deutschland schon mehr umgesetzt sehen als in den USA, sodass diese Mahnungen dort noch stärker wirken als hier. Staatliche Wahlkampfunterstützung für Parteien, die er auch anspricht, ist hier zum Beispiel, anders als in den USA, die Regel. In jedem Fall aber bekommt man in diesem Buch ein argumentatives Instrumentarium an die Hand, mit dem sich die grundlegenden Elemente der Demokratie und ihre Umsetzung noch einmal neu unter die Lupe nehmen lassen. Allein Pettits Anspruch, mit dem Buch, wie es im Untertitel heißt, insgesamt einen "moralischen Kompass für eine komplexe Welt" zu liefern, scheint etwas übertrieben. Ein für alle moralischen Fragen geltendes Prinzip, wie es etwa Immanuel Kants kategorischer Imperativ ist, bietet er nicht. Doch was er bietet, das breitet er in ebenso nüchterner wie eleganter Sprache, von Karin Wördemann gekonnt übersetzt, so klar und transparent in seinen Details aus, dass man in jedem Moment weiß, woran man ist – und wo und wie man gegebenenfalls mit Kritik einsetzen könnte. Das vermittelt beim Lesen ein schönes Gefühl von intellektueller Freiheit – das man mit seiner Idee von politischer Freiheit durchaus für verwandt halten kann.