Sechsundzwanzig Jahre alt war der welschschweizer Dichter Philippe Jaccottet im Sommer 1952, und die Dinge, müsste man denken, liefen gut für ihn. Er bewohnte ein Maleratelier im 14. Arrondissement von Paris, er hatte sich gerade in die Malerin Anne-Marie Haesler verliebt, bis heute seine Frau, er sah der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes bei Gallimard, Frankreichs angesehenstem Verlagshaus, entgegen. Und doch will uns der Mann, der da in gewöhnlichen Schulheften alle paar Tage seine Gedanken und Beobachtungen festhält, nicht glücklich vorkommen.

"Abstumpfung", notiert er an einem Morgen, "ich wache auf, wie aus Gewohnheit, könnte aber gerade so gut darauf verzichten." Einige Tage später begrüßt er den Morgen noch finsterer: "Die ganze Nacht an Hölderlin gedacht: Ich friere und starre in den Winter, der mich umgibt. So eisern mein Himmel ist, so steinern bin ich. Doch wenn der Fall eines Menschen wie Hölderlin tragisch ist, wie wäre der von einem, der alles hat ausser der Einheit, die macht, dass ein Mensch wirklich lebt?"

Doch dann hellt sich die Stimmung unversehens auf. Jaccottet hat am 6. Juni erstmals den Dichter Francis Ponge besucht, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird; statt des düsteren Hölderlin liest er nun den lichtvollen Novalis; und statt trübe Selbstbespiegelungen zu Papier zu bringen, kopiert er in sein Heft einige von Novalis’ leuchtenden Fragmenten. Was aussieht wie eine Folge alltäglicher Lesefrüchte, hat es freilich in sich: Es sind in Wahrheit vier für Jaccottets ganzes weiteres Leben erstaunlich prophetische Seiten.

Man darf dem Unglück nicht den ganzen Platz überlassen

"Das Paradies ist gleichsam über die ganze Erde verstreut und daher so unkenntlich geworden – Seine zerstreuten Züge sollen vereinigt – sein Skelett soll ausgefüllt werden. Regeneration des Paradieses." Es muss eine traumwandlerische Sicherheit gewesen sein, die Jaccottet aus den Tausenden Fragmenten des Novalis gerade dieses wählen ließ. Als er es 1952 abschrieb, mag es nur die Sehnsucht eines Dichters ausgedrückt haben, der im überhasteten Paris seine lyrische Stimme nicht finden konnte. Doch ein Jahr später war Jaccottet selbst in einem fragmentierten Paradies angekommen. Er war mit seiner Frau im Oktober 1953 in das Dorf Grignan in der Drôme gezogen – um dem Pariser Betrieb zu entkommen und billiger leben zu können. Und nun erlebte er Tag für Tag eine Verzauberung durch das Licht, die Blumen, die Vögel, das Wasser. Grignans wilde Natur gab ihm die "Empfindung, an gewissen Tagen besser, das heisst voller, intensiver, wirklicher gelebt zu haben als an anderen" – so erstand wieder und erst recht Jaccottets poetische Stimme.

Doch auch die Richtung, in die sein poetisches Schreiben gehen sollte, hat Jaccottet mit einem Novalis-Fragment prophezeit. "Je persönlicher, localer, temporeller, eigenthümlicher ein Gedicht ist, desto näher steht es dem Centro der Poesie", schrieb Novalis.

Und es gibt noch eine dritte Prophezeiung. Seit einiger Zeit hat Jaccottet die konventionellen Gattungen der geformten Lyrik und der langen Prosa durch eine freiere, fragmentierte, tastende Schreibweise ersetzt, erst in den drei Bänden seiner La Semaison (Fliegende Saat) genannten Carnets (Notizbüchlein), dann in all seinen Veröffentlichungen. Auch diese neue Art des Schreibens hat er schon 1952 in den Novalis-Fragmenten seiner Schulhefte vorausgeahnt – die Fliegende Saat kommt aus Novalis’ Sämereien: "Die Kunst Bücher zu schreiben ist noch nicht erfunden. Sie ist aber auf dem Punct erfunden zu werden. Fragmente dieser Art sind litterairische Sämereien. Es mag freilich manches taube Körnchen darunter seyn – Indeß wenn nur einiges aufgeht."

Diesen Sommer, am 30. Juni, ist Philippe Jaccottet, der sich vor über sechzig Jahren so seherisch porträtiert hat, neunzig Jahre alt geworden. Gallimard hat ihn letztes Jahr durch die Aufnahme in die "Bibliothèque de la Pléiade" zum Klassiker geadelt, eine Ehre, die nur ganz wenigen Autoren zu Lebzeiten widerfahren ist. Jetzt legt Jaccottet eine weitere seiner berühmten Flugsaaten vor, eine spezielle indes. Gerettete Aufzeichnungen 1952–2005 lautet der Untertitel des Bandes Sonnenflecken, Schattenflecken . Er hat seinen dreißig Schulheften, die ihm als Quelle für seine semaisons gedient haben, in einem zweiten Durchgang nochmals einiges entnommen, was "der Veröffentlichung wert erschien". Der Band zeigt uns einen Jaccottet, den man so noch nicht gekannt hat.

Natürlich schweben auch durch dieses Buch seine naturmystischen Seifenblasen. "Das Abendlicht, wie eine Hand, die über die Dinge streicht, um sie zu beruhigen, ihnen zu helfen; so anders als das des Morgens", notiert er im November 1999. Im März 1994 betrachtet er einen Baum: "Der Feigenbaum mit seinen allerersten spriessenden Blättern ist in der Frühe wirklich ein hundertarmiger brennender Leuchter." Er reflektiert solche Eingebungen in Maximen: "Berichten von dem, was an Erhebendem bleibt im allereinfachsten Leben. / Jene Augenblicke, welche die Umrisse der Zeit sprengen. Und die in zu vielen Leben fehlen."