Oppositioneller in Russland zu sein bedeutet, alles zu riskieren: die eigene Sicherheit und Freiheit ebenso wie das Wohlergehen der Familie. Mein Vater Boris Nemzow wurde im Februar in Moskau auf offener Straße erschossen. Es war eine politisch motivierte öffentliche Hinrichtung: Die Gesellschaft sollte sehen, dass Kritik an Wladimir Putin und der Regierung einen das Leben kosten kann.

Viele Menschen in meinem Land leben in Angst (manche, darunter auch ich, haben es deswegen verlassen). Noch mehr sind gezwungen, zu schweigen und ihre wahren Ansichten über das Regime vor ihrer Umgebung zu verbergen.

Laut offizieller Statistik unterstützen 87 Prozent der Bevölkerung Putin. Das heißt aber auch, dass 12 Prozent sein Handeln unverhohlen missbilligen. Diese zwölf Prozent haben ein Recht darauf, politisch repräsentiert zu werden. Am 13. September findet eine Reihe von Regionalwahlen statt. Wird die Opposition zu diesen Wahlen zugelassen oder nicht – daran wird sich zeigen, ob die demokratischen Institutionen in Russland zu 100 Prozent vernichtet sind oder doch nur zu 87 Prozent.

Wie aber soll Oppositionsarbeit in einem Land wie Russland überhaupt funktionieren?

Die Unzufriedenen sind – wie einst die Dissidenten in der UdSSR – nicht einfach nur eine politische Bewegung, sondern eine Subkultur des Widerstands gegen die totale Lüge und Gewalt. Sie sind die Insel des gesunden Menschenverstands. Um dorthin zu gelangen, genügt es, sich die eigene Urteilskraft und eine europäische Verhaltenskultur zu bewahren (was im heutigen Russland nicht immer einfach ist). Allerdings führt das oft in die innere Emigration. Denn eines haben die Staatspropagandisten gelernt: ihren Gegnern den Mund zu stopfen. Wer in unserem Land mit etwas nicht einverstanden ist oder öffentlich kritisiert, dem unterstellt die Propaganda, er wolle den Maidan. Im kollektiven Bewusstsein der russischen Bürger bedeutet der Schauplatz der ukrainischen Revolution Blut und Gewalt.

Doch wo Mut ist, sind Mundstopfer und Mörder machtlos. Mein guter Freund Wladimir Kara-Mursa ist mutig. Er hat dazu beigetragen, dass der US-Kongress das Magnitski-Gesetz verabschiedete, das Sanktionen gegen Personen vorsieht, die in Russland Menschenrechte grob verletzen. Kara-Mursa ist Führungsmitglied der Partei Parnas, deren Co-Vorsitzender mein Vater war. Die russische Staatsführung hat also durchaus Grund, Wladimir nicht gerade wohlwollend zu begegnen.

Vor einigen Monaten erreichte mich dann eine Schreckensmeldung aus Moskau: Wladimir war auf die Intensivstation eingeliefert worden. Er lag im Koma, sein Zustand war lebensbedrohlich. Ich neige dazu, zu glauben, dass dieses Ereignis kein Zufall war – gut möglich, dass man ihn vergiften wollte. Auch auf die 2006 ermordete Journalistin Anna Politkowskaja war zwei Jahre vor ihrer Erschießung ein Giftanschlag verübt worden.

Wladimir befindet sich derzeit zur Reha im Ausland. Er ist noch sehr schwach, drängt aber schon wieder zurück in den Kampf. Ich kenne niemanden, der seine Ideale so viel höher schätzt als das eigene Leben. Auch wenn mich seine Furchtlosigkeit sehr besorgt – für mich ist Wladimir Kara-Mursa ein moralisches Genie.

"Ohne Nemzow fühle ich mich verwaist. Wir haben mindestens einmal wöchentlich miteinander telefoniert, er hat uns immer unterstützt. Wenn ich verhaftet wurde, rief er meine Frau an und beruhigte sie, und dann musste ich mir keine Sorgen machen." Diese Worte hat mir Jegor Sawin, Leiter des Nowosibirsker Büros der Parnas, am Telefon gesagt. Jegor ist Physiker, betreibt eine Pilzzuchtfirma und ist Vater von drei Kindern. In der Region ist er durch sein soziales Engagement bekannt geworden: Ihm ist es zu verdanken, dass Kindergärten gebaut und Straßen instand gesetzt wurden.

Im November 2013 wurde Jegors Betrieb durch einen Brandanschlag zerstört. In dem Gebäude hatten sich 50.000 Kopien eines Berichts befunden, in dem mein Vater Korruption und Missbrauch im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen in Sotschi anprangerte. Jegor hat seine Firma mühsam wiederaufgebaut. Nach der Ermordung meines Vaters im Frühjahr 2015 ließ der Inlandsgeheimdienst FSB Jegors Firmenräume immer wieder durchsuchen. Seine Frau erhielt Drohanrufe, sein Wagen wurde mit Blut übergossen.

All das hat Jegor nicht einschüchtern können: Er führt die Parteiliste an, mit der Parnas im September bei den Regionalwahlen antreten wird. Gleichzeitig kämpft er um ein Direktmandat. Jedoch hat die lokale Wahlbehörde mit Verweis auf die Ungültigkeit einiger Unterschriften die Registrierung der Parteiliste verweigert. Die Begründung liest sich geradezu komisch: Angeblich sollen einige der Unterzeichner – allesamt Inhaber eines russischen Passes – keine russischen Staatsbürger sein. Derzeit wird versucht, die Entscheidung der Wahlkommission anzufechten.

Das Wichtigste aber haben Jegor und seine Mitstreiter schon jetzt erreicht: Sie haben den Wählern in Nowosibirsk gezeigt, dass es in Russland eine reelle Opposition gibt, vor der sich das Regime so sehr fürchtet, dass es erneut bereit ist, das Gesetz zu brechen.

Dieses Regime versucht das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Deshalb ist es zum Scheitern verurteilt. Der beliebteste Slogan der russischen Opposition lautet: "Russland wird frei sein!" Ich glaube daran, dass es so kommen wird.

Mitarbeit: IGOR EIDMANN

Aus dem Russischen von DAVID DREVS