Was dem Börsianer der Kurszettel und dem Astrologen das Horoskop, ist dem Fußballschlaumeier das Bundesliga-Tippspiel zum Saisonbeginn. Welcher Club beflügelt diesmal die Fantasie der Anhänger, wem schenkt der Fußballgott in letzter Minute einen klassenerhaltenden Freistoß? Jedes Jahr aufs Neue brüte ich über dem Papier der Deutschen Akademie für Fußballkultur zu Nürnberg, auf dem ich für die interne Tipprunde die Platzierungen der 18 Vereine zum Saisonende notieren soll. Aber so schwer wie diesmal war’s noch nie. Zwischen Platz 2 und 16 ist für beinahe jeden nahezu alles drin.

Wen, zum Beispiel, schicke ich – nach den Absteigern Darm- und Ingolstadt – in die Relegation? Etwa schon wieder den HSV? Die haben doch gerade erst den Telekom Cup gewonnen! Da dauerten die Spiele zwar nur 45 Minuten, aber den Sieg haben die Hamburger bereits wieder derart pomadig-lässig durchgewinkt, als seien sie damit schon für die Europa League im nunmehr volkseigenen Stadion qualifiziert. Dann vielleicht Stuttgart? Noch so ein von früherer Größe verblendeter Zitterkandidat der vergangenen Spielzeit. Hat mit neuem Trainer gerade die Scheich-Millionäre von Manchester City weggefegt, damit ist man doch reif für die Champions League! In Hannover wird es bei einer Annäherung an die Abstiegszone diesmal noch früher vom Clubchef und gelernten Hörgeräte-Akustik-Meister Martin Kind derart auf die Ohren geben, dass die Liga-Führung den Spielern zum Schutz ihrer Menschenrechte einen einstelligen Tabellenplatz garantiert. Bleibt die Berliner Hertha. Wenn nicht alles täuscht, vertraut sie auch weiterhin darauf, dass hauptstädtisches Denken allein schon Tore schießt. Kann natürlich sein, irgendwann wird ja auch der Flughafen fertig. Aber nicht im kommenden Jahr.

Und oben? Meister sind und bleiben die Bayern, weil es in der Bundesliga kein Elfmeterschießen gibt und Wolfsburg selbst mit Kevin de Bruyne nicht hinter das Münchner Geheimnis kommt, wie man auch Gurkenspiele noch gewinnt. Doch dahinter und bis hinab zu Platz 12, 13 werden sich die alten und neuen Mittelmächte balgen. Leverkusen will mal wieder den Markenkern polieren, sonst ist auch das Alleinstellungsmerkmal Vizekusen bald dahin. Dortmund wird an der Ernährungsumstellung auf Thomas Tuchel zu knabbern haben und sich vorläufig mit Magerkost à la 1 : 0 gegen österreichische Holzschnitzer begnügen müssen. Augsburg und Gladbach zollen ihren europäischen Abenteuerfahrten Tribut, da kann Lucien Favre noch so groß gucken und so viel rotieren, wie er will. Auf Schalke könnte unverhofft etwas wachsen – wenn es dem neuen Coach André "Bodenständig" Breitenreiter wirklich gelingt, seiner Belegschaft zu vermitteln, dass Fußball ein Lauf- und kein Für-viel-Geld-rumsteh-Spiel ist. In Bremen stellt sich allein die Frage, ob die Magie von Viktor Skripniks Schlittenhundeblick noch wirkt. Ansonsten sollten diesmal 17 Freistoßtore von Zlatko Junuzović für Platz 7 reichen.

Zu gewinnen gibt es bei der akademischen Spökenkiekerei übrigens nur Wurst und Wein aus Franken, verlieren kann man das Wichtigste: seinen Ruf als Experte. Denn wenn alle Mitmacher genug Mumm beweisen, wird die Tippliste auf www.fussball-kultur.org öffentlich; ich kann mich also Woche für Woche zum Gespött aller wahren Auskenner machen. Aber warum sollte es dem Fußballreporter besser ergehen als den Spielern auf dem Platz?