An seiner Oberfläche handelt das Stück, wie der Titel sagt, von der blutigen Eroberung Mexikos durch die Spanier und vom Untergang des Aztekenreichs. Artaud sah darin einen Stoff, der "die Vorstellung, die Europa von seiner entscheidenden Überlegenheit hat, in sich zusammensacken" lässt, woraus Wolfgang Rihm 1992 ein überschießend kraftvolles, sinnliches, hoch gestisches Musiktheater gemacht hat. Wenn Konwitschny Rihms zwischen Innen- und Außenwelt changierende, subversiv-poetische (und von Ingo Metzmacher und dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien extrem gut hörbar gemachte) Musik nun zum Anlass nimmt, das Politische ins radikal Private zu wenden und die Knechtung und Ausrottung der Azteken als Krieg der Geschlechter zu erzählen, ja als Walsersche "Zimmerschlacht", dann wähnt man sich betrogen: um die rare Chance, den Finger in eine klaffende gesellschaftliche Wunde zu legen.

Dieser "Fidelio" beschert dem Sommer erschreckende Wahrhaftigkeit

Vielleicht ist Konwitschny aber einfach nur ehrlich. Das schicke Apartment, das der Bühnenbildner Johannes Leiacker über einem Autofriedhof schweben lässt, ist Sinnbild nicht zuletzt für unsere raffgierige Ichsucht, unsere Unfähigkeit, überhaupt noch über das Eigene hinaus zu denken. Daran gehen Montezuma und Cortez zugrunde (Angela Denoke und Bo Skovhus, beide überragend), sie verschwindet, und er, der, ohne zu töten, nicht leben kann, schnitzt sich die Pulsadern auf. Was für eine Botschaft.

Tot ist auch Florestan am Ende von Beethovens Fidelio, jedenfalls in Claus Guths Lesart, und dieses Sterben eines Geschundenen, politisch Verfolgten und zu spät Geretteten beschert dem Salzburger Opernsommer Augenblicke von erschreckender Wahrhaftigkeit. Jonas Kaufmann ist Florestan und mag er der Partie stimmlich auch mit einigem Forcieren begegnen, einigen Manierismen (von Franz Welser-Möst und den Wiener Philharmonikern durchaus dazu ermutigt), so trifft er einen darstellerisch doch ins Mark: Der Held, der sich unter dem Befreiungsjubel des Volkes die Ohren zuhält, der schwersttraumatisiert ist und selbst die Liebe seiner Frau Leonore alias Fidelio nicht mehr erträgt (sehr sauber, sehr anrührend: Adrianne Pieczonka) – ist dies nicht auch ein Alter Ego des Künstlers und Startenors schlechthin, der Gesang und Welt und Welt und Gesang nicht mehr zusammenbringt?

Wie Kaufmann durch Guths psychedelische Doppelgängerschattenwürfe und Christian Schmidts minimalistischen Raum taumelt – ein Kabinett, das von einem schwarzen, Kaaba-artigen Quader durchdrungen wird und später mit einem Kronleuchter prunkt – und wie er am Schluss, für ein paar wenige Glückstakte nach dem Sextett, mit Leonore nach vorne an die Rampe stürmt, nur um dort zusammenzubrechen, ausgerechnet dort: Das lässt hoffen, dass die Kunst die Zeichen der Zeit verstanden hat. Und daran arbeitet.