DIE ZEIT: Herr Seibert, die meisten Menschen bauen als Kind ihre erste Sandburg. War das bei Ihnen auch so?

Calvin Seibert: Ja, obwohl ich in den Bergen von Colorado aufgewachsen bin, weit weg vom Meer. Ich habe in den Sandhaufen von Baustellen gespielt, nicht das typische Umfeld, aber irgendwo muss man ja anfangen, nicht? Damals wurde in meiner Heimatstadt ständig irgendwo gebaut. Ich hatte also beste Übungsbedingungen.

ZEIT: Gewöhnliche Sandburgen sehen oft aus, als wäre jemand über einen vollen Eimer Sand gestolpert. Könner neigen dagegen zu Disney-Schlössern mit Zinnen und Türmchen. Warum sind Ihre Werke so ganz anders?

Seibert: Als Junge träumte ich davon, eines Tages Architekt zu werden. Später begann ich, mich mehr für bildende Kunst und Skulpturen zu interessieren, ich habe dann auch Kunst studiert, aber die Liebe zur Architektur ist immer geblieben. Das sieht man meinen Werken sicher an. Ich mag vor allem Architekturmodelle, Betonfundamente, Stahl- oder Holzgerüste. Für mich sind die meist spannender als fertige Gebäude.

ZEIT: Gibt es einen Baustil, der Sie besonders fasziniert?

Seibert: Der Brutalismus der sechziger Jahre hat mich schon geprägt, Gebäude wie Marcel Breuers Skihotel in Flaine, in den französischen Alpen. Daher kommen die harten Konturen und wuchtigen Formen meiner Sandburgen. Auch Bilder von George Grosz inspirieren mich. Oder Sakralbauten wie die Kapelle Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp von Le Corbusier, die Wotrubakirche in Wien, die Autobahnkirche San Giovanni Battista von Giovanni Michelucci bei Florenz. Manchmal schwebt mir so etwas vor, wenn ich zu bauen beginne.

ZEIT: Mit welchen Werkzeugen arbeitet ein Profi-Sandburg-Architekt wie Sie?

Seibert: Die sind ganz schlicht: ein paar dünne Plastikstücke mit abgekanteten Seiten, einige Plastikkellen ... Wasser und Sand mische ich in einer Kuhle unterhalb meines Bauplatzes. Der Sand muss so nass sein, dass er gerade eben noch die Form behält. Dann baue ich die rohen Konturen des Gebäudes. Packe Sand dazu, schneide welchen weg, bis die Oberflächen glatt sind. Dafür geht die meiste Zeit drauf: Kanten glätten und Ecken herausarbeiten. Etwas dazugeben, etwas wegnehmen und dabei immer wieder die Werkzeuge am Ärmel sauber wischen.

ZEIT: Wie sieht für Sie ein typischer Tag am Strand aus?

Seibert: Am liebsten arbeite ich in den frühen Morgenstunden oder am Nachmittag. Das Licht ist dann weicher, und die Sonne brennt nicht so. Manchmal pausiere ich eine Weile, aber für einige meiner Burgen brauche ich durchaus zehn Stunden oder mehr, da muss ich durcharbeiten.

ZEIT: Bauen Sie auch mal länger als einen Tag an einem Projekt?

Seibert: Eine Sandburg vom Vortag ist zu trocken, um noch mal was an der Form zu verändern, aber ich kann natürlich neue Gebäude daneben- oder um sie herumstellen, dann wächst das Ganze zu einer Stadt oder einem Campus.

ZEIT: Sie müssen ganz schön viel Zeit haben ...

Seibert: Ich habe im Moment keine Anstellung. Deswegen bin ich auch so oft am Strand.

ZEIT: Haben Sie nicht manchmal Lust, einfach in Ruhe auf dem Handtuch herumzuliegen?

Seibert: Für mich gibt es in diesem Sinn keine freien Tage. Dafür mag ich Sandburgen viel zu gern. Ich arbeite hart, klar, und abends bin ich oft todmüde. Aber es ist eine sehr schöne Müdigkeit.

ZEIT: Wer sind die natürlichen Feinde Ihrer Arbeit? Neidische Kinder? Wellen?

Seibert: Hin und wieder erwischt mich mal eine Welle und reißt mich und die Burg um. Aber eigentlich habe ich es mittlerweile ziemlich gut raus, einen Platz zu finden, an dem meine Sandburg zwar vom Wasser bedroht wirkt, aber nicht weggeschwemmt wird. Heißer, trockener Wind ist viel schlimmer. Und die Möwen muss ich immer verscheuchen. Die sind ständig auf der Suche nach einem Aussichtspunkt in Wassernähe.