Das ist noch einmal gut gegangen – jedenfalls aus Sicht von Ahmed al-Fahad al-Sabah. Mit 44 zu 40 Stimmen, knapper als erwartet, hat sich das Internationale Olympische Komitee (IOC) vor ein paar Wochen für Peking als Ausrichter der Olympischen Winterspiele 2022 entschieden. Al-Sabahs Interesse für Biathlon oder Skispringen hält sich in Grenzen. Sein Lieblingssport ist die Beschaffung von Mehrheiten. Und das ist ihm erneut gelungen. Das IOC-Mitglied aus Kuwait galt früh als Unterstützer der chinesischen Bewerbung, obwohl diese alles verkörpert, wovon sich das Komitee im Zuge seiner vermeintlichen Reformanstrengungen verabschieden wollte: pompöse, überteuerte Wettbewerbe in undemokratischen Staaten, die mit einem Gewaltakt gegen die Umwelt die nötige Infrastruktur aus dem Boden stampfen. Nicht dass der Konkurrent Kasachstan in Sachen Menschenrechte ein Leuchtturm wäre. Aber in Almaty gibt es wenigstens ausreichend Schnee. Kasachstan, tröstete Al-Sabah die Verlierer, "ist in der Lage, ein anderes Mal zu gewinnen". Vorausgesetzt, es hat dann seine Hilfe.

Fürs Erste ist Al-Sabah mit einem anderen Großprojekt beschäftigt: Wer immer im Februar 2016 die Nachfolge Joseph Blatters antritt, er wird es mit dem Segen von Al-Sabah tun. Denn der übt maßgeblichen Einfluss auf den asiatischen und den afrikanischen Stimmenblock aus. Selten hat ein Mann so leise und effektiv so viel Macht im internationalen Sport ansammeln können wie der 51-jährige Scheich, Ex-Offizier der kuwaitischen Armee und Neffe des amtierenden Emirs. Die Liste seiner Ämter klingt zunächst wie die Beschäftigungstherapie eines Sprösslings aus reichem Hause, dem daheim langweilig ist: IOC-Mitglied seit 1992; Gründer der panarabischen Föderationen für Rudern, Segeln und Schießsport; Präsident der Asiatischen Handball-Föderation; Chef des Kuwaitischen Fußballverbandes ... Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Doch diese Postenhäufung ergibt zusammen mit Al-Sabahs Ruf als trink- und rauchfester Partylöwe eine stabile Stufenleiter zur Macht. Die bündelte der Kuwaiter 2012 mit seiner Wahl zum Chef der Vereinigung des Nationalen Olympischen Komitees (ANOC) und seinem Aufstieg zum Präsidenten des Olympischen Solidaritätsfonds.

Diese Gremien kennt außerhalb der Fachkreise kaum jemand. Im internationalen Sport sind sie Schaltstellen, der Fonds verwaltet einen Teil der Einnahmen aus den Übertragungsrechten der Olympischen Spiele und ist für den Zeitraum zwischen 2013 bis 2016 mit einem Budget von rund einer halben Milliarde Dollar ausgestattet. Damit kann man Gutes tun – und Loyalität ernten.

Egal, ob es um die Vergabe von Olympischen Jugendspielen, die Auswahl olympischer Sportarten oder die Wahl des Deutschen Thomas Bach zum Präsidenten des IOC ging: An entscheidender Stelle fiel in den vergangenen Jahren immer der Name Ahmed al-Fahad al-Sabah. All das, so glaubt Jens Sejer Andersen, Direktor der IOC- und Fifa-kritischen Initiative Play The Game, sei Teil "eines Masterplans des Scheichs", die Sommerspiele 2024 oder 2028 in ein arabisches Land zu holen.

Ein solcher "Masterplan" ist nicht neu. Internationale Sportpolitik wird seit je von Männerfreundschaften, Geld und den Umgangsformen einer Telenovela beherrscht. Allerdings haben sich die Summen geändert – und das symbolische Kapital, das mit den Megaevents des Sports verbunden ist. Neue Akteure sind aufgetaucht: die kleinen und jungen Golfstaaten. Diese haben dank Rohstoffreichtum zwar eine blitzartige ökonomische Modernisierung hinter sich. Doch mit Geld allein hält man keine Gesellschaft zusammen. Mehr Nationalgefühl und Identität müssen her. Den Mangel an schnellen politischen Reformen sollen sportliche Erfolge kompensieren. Nicht in Form von Pokalen und Medaillen, denn so schnell kann auch ein schwerreicher Golfstaat keine Spitzensportler erzeugen. Sondern mit spektakulären Megaturnieren, bei denen man sich dank Geld und Hightech über alle Widrigkeiten der Natur hinwegsetzt – in diesem Fall Wüstenlandschaften und Hitze. Ahmed al-Fahad al-Sabah ist der mit Abstand mächtigste Repräsentant dieser Generation arabischer Sportfunktionäre, die nicht nur nationale Euphorie daheim erzeugen sollen. Sie wollen auch nach außen demonstrieren, wie Kleinstaaten den Sport in außenpolitischen Einfluss umsetzen können. Subtle power, "subtile Macht", nennt man das.

Nicht dass man die "Kleinen" am Golf über einen Kamm scheren darf. Zwischen Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Kuwait oder Bahrain gab und gibt es immer wieder Kleinkriege, Familienfehden und politische Zerwürfnisse. Aber sie bilden eine Einheit, wann immer Kritik an ihren sportpolitischen Erfolgen und Ambitionen laut wird, egal, ob diese sich gegen das Formel-1-Rennen in Bahrain oder gegen die Fußball-WM in Katar richtet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 32 vom 06.08.2015.

Katar 2022 zu schützen dürfte deshalb eine der Prioritäten von Scheich Ahmed im Exekutivkomitee der Fifa sein. Das wiederum erhöht die Chancen des Bewerbers und Favoriten für das Präsidentenamt, Michel Platini. Der Franzose, lange Zeit ein Blatter-Zögling, hatte bei der skandalumwitterten Vergabe der Turniere 2018 an Russland und vier Jahre später an den Golfstaat für Katar gestimmt. Dass sein Sohn kurz darauf Europachef bei Qatar Sports Investment wurde, inzwischen Besitzer des französischen Clubs Paris Saint-Germain, halten die Beteiligten nicht für anrüchig, sondern für einen Zufall.

Gefahr droht Platini bis jetzt nur durch den Südkoreaner Chung Mong Joon, Sprössling der Dynastie um den Hyundai-Konzern und erklärter Blatter-Feind, der sich nun als Reformer des Weltfußballverbandes ins Spiel gebracht hat. Das glaubt dem Dauer-Fifa-Funktionär keiner so richtig. Außerdem ist der gigantische Fußballmarkt Asien das Revier eines anderen Scheichs, des Präsidenten der Asiatischen Fußball-Föderation, Salman bin Ibrahim al-Chalifa. Der stammt aus Bahrain und ist ein enger Vertrauter des kuwaitischen Scheichs Ahmed.