Sie stehen früher auf, als ihnen lieb ist, sprechen wildfremde Menschen auf der Straße an und drücken ihnen Broschüren oder einen 1.-August-Weggen in die Hand. Ohne freiwillige Helfer läuft nichts im Wahlkampf 2015. Aber wer tut sich das an – und was treibt diese Menschen auf die Straße?

Es sind Leute wie Tonja Kaufmann, 28, Martina Stöckli, 31, und Michel Savary, 49, die sich in diesen Wochen ins Zeug legen. Für ihre Idee. Für ihre Partei. Für sich.

Für Tonja Kaufmann ist der 31. Juli ein großer Tag. Sie hat dafür gesorgt, dass in Hausen AG für einmal ein veritabler Star auf der Nationalfeier-Bühne steht: Toni Brunner, Parteipräsident ihrer SVP. Kaufmann selber steht erst am Anfang ihrer politischen Ochsentour. Mit 17 Jahren trat sie in die Junge SVP des Kantons Aargau ein. Weil es, wie sie sagt, "immer wieder Probleme gab mit Ausländern nachts in Brugg". Dagegen wollte sie etwas unternehmen.

Jetzt steht Tonja, wie sie hier alle nennen, vor der Mehrzweckhalle und erzählt von der Rekrutenschule, die sie, "zum Glück!", trotz ihrer Körpergröße von nur 1,48 Meter habe absolvieren können. Die Köchin, die sich stets als "gelernter Koch" bezeichnet, ist froh, dass sie im Militär war. Nicht nur wegen des Französisch. Nein, Führungskompetenzen habe sie dort gelernt. Und sie erzählt, wie sie ihre Kollegen in der Feuerwehr motivierten, für den Gemeinderat zu kandidieren. Ihre Ressorts: Schule, Kultur, Kirche und Gesundheit. Ihre erste Aufgabe: den Seniorenausflug organisieren.

Auch heute Abend trägt Kaufmann Uniform: das offizielle Hemd der Gemeindebehörden. Sie begrüßt die Leute, die langsam eintrudeln. Derweil verteilt der Gemeindeammann weiße Fresszettel. Darauf: Der Text des Schweizerpsalms. Es ist für 550 Gäste "eingetischt". Mehr als sonst. Wegen Toni Brunner, der eine gute Stunde später in einem roten Ferrari herbeichauffiert und wie ein Popstar die Liedblätter zu Dutzenden signieren wird. Noch ahnt Kaufmann nicht, wie die Hausener ihren Parteipräsidenten empfangen werden. Sie ist nervös.

Viele freiwillige Helfer sind gar keine Parteimitglieder

Nervös war auch Martina Stöckli, als sie am 20. Oktober des vergangenen Jahres zum ersten Mal die Delegiertenversammlung einer Partei besuchte. Jene der FDP Luzern, die damals ihren Ständeratskandidaten nominieren wollte. Zur Auswahl stand Peter Schillinger, 55, verheiratet mit Roswitha, drei erwachsene Kinder, Nationalrat und Parteipräsident. Sein Kontrahent war: Damian Müller, 29, "dynamisch und zielorientiert", Kantonsrat – und ein guter Freund von Martina Stöckli. Sie kennen sich vom Reiten.

Stöcklis DV-Premiere verlief ganz in ihrem Sinne. Die Lokalzeitung bemühte tags darauf das volle Floskel-Repertoire: Vom "Paukenschlag bei der FDP", von "frischem Wind", von "Knochenarbeit" war da die Rede. Damian Müller, der Junge, hatte sich gegen den eigenen Parteipräsidenten durchgesetzt. Und mit ihm auch ein bisschen Martina Stöckli. Die Wirtschaftsprüferin ist seither für das Wahlkampfbudget zuständig. Es beträgt 80.000 Franken.

Stöckli sagt, sie sei skeptisch gewesen, als Damian mit der Politik angefangen habe. Müllers Finanzchefin steht vor seinem selbst gebauten Wahlkampfmobil, ein Piaggio-Dreirad, mit dem der Ständeratskandidat von Dorf zu Dorf tingelt. "Anpacken und umsetzen" lautet sein Motto. Stöckli macht Kaffee für die paar Männer und Frauen, die an diesem Samstagmorgen auf den Chäsi-Platz nach Triengen gekommen sind, um für Müller und sich selbst ein bisschen Wahlkampf zu machen. "Ich unterstütze Damian, wo ich kann", sagt Stöckli. Sie sei überzeugt, dass er am Boden bleibe, und hoffe einfach, dass er nicht enttäuscht werde. Persönlich könne sie sich aber "so etwas" nicht vorstellen. Also ein politisches Amt, die vielen Verpflichtungen, das Gebundensein.

Warum aber tut sie sich diesen Wahlkampf an? Ja, das sei eine gute Frage, sagt Stöckli. Zu Beginn sei sie von Damians Anfrage nicht begeistert gewesen. Nein sagen wollte sie aber auch nicht. Sie ist eine treue Seele. Sie könne einfach die Finanzen machen, habe sie ihm gesagt. Das tut sie für ihn, ein Freundschaftsdienst. Und weil das Engagement befristet sei: "Bis Ende Oktober, dann ist Schluss."

In der FDP ist Stöckli nicht. Sie wolle unabhängig bleiben, sagt sie. Für die Freisinnigen aber ist sie eine von ihnen. So wie Stöckli dürfte es vielen anderen Schweizern auch gehen, sagt Politologe Andreas Ladner von der Universität Lausanne. Sie sind Parteimitglieder – ohne es zu wissen. Wie kommt das? Ladner sagt, die Parteien würden das Mitgliederprinzip locker handhaben. Die FDP schätzt ihre Mitgliederzahl großzügig auf 120.000. Manche sind offiziell bei einer Kantonal- oder Ortspartei angemeldet, andere haben lediglich mal Infomaterial bestellt – und sind nun in irgendeiner Adresskartei verewigt.

Das Prinzip Chrüsimüsi gilt bei allen großen bürgerlichen Parteien: Mitglieder und Interessierte werden in den Kantonal- und Ortsparteien erfasst, ein einheitliches Anmeldeverfahren gibt es nicht. Die CVP geht von 100.000 Mitgliedern aus, die wählerstärkste SVP schätzt ihre Anhängerschaft auf 90.000. Präziser sind da die Sozialdemokraten und die Grünen. Bei ihnen ist nur Mitglied, wer regelmäßig einen Beitrag in die Parteikasse zahlt. Hinzu kommen Sympathisanten, die Geld spenden. Die SP gibt an, 30.000 Mitglieder und 20.000 Sympathisanten zu haben, bei den Grünen sind es 18.500 Mitglieder und 30.000 Unterstützer.