Letztens wieder in der Kantine, bei Senfeiern mit Kartoffelpüree, Essen Nummer zwei, 3,50 Euro. Der Kollege mit der berüchtigten feuchten Aussprache hebt zu einem Vortrag an über die Medienkrise. "Print", sagt er, und man denkt, hätte er doch lieber "Online" gesagt, denn schon mit dem "Pr" schießt ein Stück Eigelb zwischen seinen Zähnen hervor und landet auf der Serviette der Sekretärin. Alle schauen peinlich berührt, aber dann doch gebannt auf die entstandene Form: Ist das ...? Das ist doch ...! Eine Insel! Sylt.

Am Nachmittag, zu Hause. Das Kind hat einen Wutanfall. Packt das gerade getuschte Bild, es sollte ein Elefant sein, doch die Erziehungsberechtigte hielt es für eine Frikadelle mit Schwanz. Durch das Zimmer fliegen bunte Fetzen, das Kind heult voller Entrüstung. Betroffen schaut der Erwachsene zu Boden – und siehe da: Da ist doch dieser Schnipsel: inselförmig. Sylt. Wie schön wäre es, jetzt dort zu sein.

Am Abend. Der Gatte kehrt zurück, Rennradtour nach der Arbeit, einmal Zollenspieker und zurück. Bei Reitbrook plötzlich eine Kröte auf der Fahrbahn, Gatte bremst, Prell- und Schürfwunden von der Wade bis zur Schulter. Am Arm ein Bluterguss. "Schatz, was ist das denn?", ruft sie. Er schaut leidend wie John Wayne nach einem Gefecht mit zwanzig Indianern. Sie lächelt voller Mitgefühl. Und denkt: Sieht doch eigentlich ganz schön aus, dieser lange, dunkle Fleck. Sylt hat mir schon immer gefallen.

Kennen Sie das? Wenn überall Wunschbilder auftauchen? Wenn Sie überall diese markante, unverwechselbare Form erkennen (mit einer anderen Insel geht das nicht, Föhr zum Beispiel sieht selbst perfekt nachgezeichnet aus wie ein unter dem Tisch festgeklebter Kaugummi)? Dann sind Sie wahrscheinlich urlaubsreif. Inselreif.

Wir auch. Deshalb sind wir dem Traum gefolgt. Und nach Sylt gereist. Also: eine Sommerausgabe von der Lieblingsinsel der Hamburger.

DIE ZEIT