Das kriegen nur die Wenigsten hin: dass die Gestalt zur Chiffre wird, zum allgemein gültigen Zeichen. Lagerfeld, der Geheimratskopf. Apple, die Frucht mit herausgebissener Ecke. Nike, der stilisierte Götterflügel. Als Insel hast du es schwer. Ein mehr oder weniger unförmiges Gebilde, was soll daraus werden? Ein Markenzeichen bestimmt nicht. Vielleicht reicht es für ein Motiv in einem Ratequiz. Ah, das müsste Dings sein, Sie wissen schon, Dings, mit dieser Ecke da unten.

Es sei denn, du bist Sylt. Sylt ist sein eigenes Logo, mit sich selbst identisch. Die Wirklichkeit ist zum Signet geworden, millionenfach verewigt auf Kaffeetassen und Autohecks und Badetüchern. Sylt ist ein Schatten seiner selbst, aber in dieser Kontur sind ganze Welten aufgehoben: Kindheitsglück und Teeniespäße, Naturschönheit und Society-Theater. Die Weite des Strands und die Enge der Schickimicki-Clubs. Die Höhe des Himmels und die Tiefen, in die man geschmacklich hinabsteigen kann an einem Abend am Ballermann, den es hier in verschiedenen Fassungen gibt, in der Flipflop-Version in Westerland, im Glitzerstil in Kampen.

Faszinierend bleibt: Man kann all diese Zutaten nach eigenem Belieben mischen und damit das Sylt-Profil auffüllen. Was in den Traum gehört, bestimmt man selbst.

Die offizielle, vom Marketing in Umlauf gebrachte Gestalt ist zugleich die Projektionsfläche, an die seit Generationen Besucher ihre persönlichen Wünsche heften. Sylt gehört sich selbst, als zeitloses Signet. Sylt gehört allen: als Wunschkulisse, Sehnsuchtsbühne.

Deshalb ist der Mythos der Insel nicht auszulöschen, durch korrupte Bauherren nicht und nicht durch eine Reklame, die noch das letzte Sandkorn verwertet. Sylt kann sich alles leisten: Aufschneidertum, Borniertheit, Gier und Arroganz. Die Menschen kommen trotzdem. Und träumen weiter. Wie schafft die Insel das?

Reist man also an, Westerland, mit dem Zug war man durch den norddeutschen Himmel gefahren, ein Blau wie herausgewischt aus Noldes Farbkasten und die Sonne eine Hand, die golden und feingliedrig durch die Wolken greift.

Vom Bahnhof hinein in die Friedrichstraße; es muss ein Fluch auf den Friedrichstraßen von Deutschland liegen, in Berlin ist sie hässlich und hier genauso. Shopping-Mainstream mit McDonald’s und Görtz, dazwischen die Schaufenster der Immobilienhändler: 100 Quadratmeter in List, 1,1 Millionen Euro. Ein Albtraum, gerade für die Einheimischen, die sich die Mieten oft nicht leisten können und den Erwerb gleich gar nicht. Wohlhabende Deutsche kommen fürs Ferienwohnungsbesitzerglück und Schweizer, klar, bei der Währung. Warum in Ascona blechen, wenn man hier für dasselbe alles schöner und größer kriegt? Aber der Leichtlohngruppenmensch drängelt sich erst mal vorbei an Teenagerpulks mit Sonnenbrillen, in deren Spiegelglas die Souvenirs verschwimmen. Keramik-Kitsch im immer gleichen Friesendesign und Porzellanmöwen namens Nadja und Olli.

Vorm Miramar – fünf Sterne und Porsche Cayennes säuberlich aufgereiht am Eingang wie beim Autohändler – löst man das Kurtaxenbillett. Und dann: Sprachlosigkeit. Wellen, Gischt, Licht von oben, eine dramatische Schneise durch die Wolken schneidend. Später, wenn die Kids Strandkörbe im Kreis gruppieren, jedes Ensemble ein kleiner Technoclub von eigenen Gnaden, aus dem die Beats hämmern und das betrunkene Glucksen dem Möwengeschrei hinterhersteigt, dann wird es noch besser, gerade weil der postkartenkitschige Traum einen Riss bekommt, eine Spannung entsteht. Euer Sylt: Party, Remmidemmi, Spaß. Mein Sylt: Besinnung, Einkehr, Ergriffenheit. Oder umgekehrt.