An einem Wasserloch am Wüstenrand blüht er auf. Dort macht er Kunst, die keiner wirklich versteht, aber alle so hip finden, dass seine Rivalen beunruhigt sein müssen. Wobei hip nicht das richtige Wort ist. Thomas Juliers Installationen, Bilder, Tonspuren oder Lichtskulpturen sind digitale Lyrik auf Screens und Files. Es sind die Poeme eines vermeintlichen Nerds.

Doch der Nerd ist kein weltflüchtiger Computerbruder oder lichtscheuer Kunstdiener. Thomas Julier aus Brig ist ein klassischer Bildersammler und Weltbeschreiber. Für Beat Streuli, den Schweizer Fotografen in Brüssel, zählen seine Reflexionen der Realität zum Aufsehenerregendsten in der hiesigen Kunstszene.

Der Walliser hat letzten August in Marfa, in Donald Judds legendärer texanischer Wüstenei, Marlene Dietrich zu neuem Leben erweckt. Seitdem ist auch den Skeptikern klar: Dieser Künstler stellt die Fragen des neuen Medienzeitalters. Er behandelt und installiert zum Beispiel das Verschwinden von Körpern. Mit akustischen und visuellen Bits und Bytes, Ausschnitten aus Filmen der Hollywood-Ikone, assoziierte er in Marfa eine Kette von Referenzen an Popkultur und Philosophie. Und die Dietrich, dieser blaue Engel der Fantasie, erhob sich unter den Fingern des helvetischen Texas-Cowboys wie ein Phönix aus der Asche.

Der Fotograf und experimentelle Filmemacher ist ein Lichtkünstler, und wer mit ihm über seine Arbeit spricht, wird feststellen, wie die Begriffe slick und shiny echohaft ins eigene Vokabular immigrieren. "Slick" und "shiny", so spricht Julier. Das ist Oberfläche, das meint die zeitgenössische Glätte in der Kunst und in den Medien, die vermeintlich undurchdringlich ist. Was macht sie mit uns, diese glatte Oberfläche der Screens, auf denen wir uns ein Bild von der Wirklichkeit machen? Über solchen Fragen brütet Julier.

In Berlin entwarf Thomas Julier eine neue Art der Großstadtfotografie

Das Ergebnis sind flüssige Werkformate. Sie werden immer wieder verändert und in unterschiedlichen Settings präsentiert. Sie vereinen wie die filmische Dietrich-Reflexion ein Kontinuum an Bedeutungen. Die Installation trug in der Wüste von Marfa den schön paradoxen Titel Sag mir, wo die Blumen sind.

Im Oktober wird sie in Zürich nochmals gezeigt, unterstützt von der Dietrich-Spezialistin Elisabeth Bronfen und dem Julier-Spezialisten und Dozenten Martin Jaeggi. Und zwar im ehemaligen Krematorium Sihlfeld. Das Krematorium als Kino des Medienzeitalters. Haben Film und der Friedhof nicht eine ähnliche Funktion?, fragt sich der Künstler. Beide machen Körper glaubhaft, die längst tot sind – unter der Erde oder im Himmel, je nach Glaube und nach Geschmack.

Glauben und Geschmack sind Dinge, die Thomas Julier beschreiben. Den Glauben an den eigenen Weg und die Geschmacksbildung des Belesenen und heimlichen Literaten.

Thomas Julier ist in Brig aufgewachsen, wo sein Vater einen Shop besaß, der Touristen mit den gängigen Wallis-Gadgets beglückte. Dass ihm der Junior dabei keine große Hilfe war, überrascht nicht; aber auch von anderer, weniger marktgängiger, zeitgenössischer Kunst blieb er unbefleckt. Brig, das Oberwallis erlebt der Jugendliche als Insel, und wie jede Insel hat man hier den Vorteil, dass die relative Abgeschiedenheit das Geschmacksorgan schärft. Für den Fall des heute 32-Jährigen gilt das ohne Frage. Er ist der Vertreter einer Generation Kunstschaffender, die den Erfolg nicht an andere delegiert, sondern in die eigenen Hände nimmt. Es gilt, keine Zeit zu verlieren: Kaum aus dem Ei geschlüpft, gründet man Off-Spaces und lanciert sich als Brand, noch bevor Diplome einen offiziell ermächtigen, erfolgreich zu sein.

Erfolgreich war Julier in seinem ersten Beruf, als Mediamatiker an der Datenbank. Doch statt sich in Tabellenkalkulationen zu verwirklichen, faszinierte ihn schnell das Medium Fotografie. Er zog temporär nach Berlin, studierte an der Zürcher Hochschule der Künste und war unter Gleichaltrigen stets auf der Überholspur.

Seine Karriere glückte rasant, schon während des Studiums wurde er von einer Galerie vertreten. Er stellte in jungen Kunsträumen von überregionaler Bedeutung seine Kollegen aus – und wurde selbst ausgestellt.

Die entscheidenden Schritte aber geschahen in Berlin, gemeinsam mit dem Schweizer Künstler Cédric Eisenring. Die ersten Ergebnisse ihrer Zusammenarbeit, die in verschiedenen Formaten an vielen Orten in der Schweiz zu sehen waren, hatten solch eine Resonanz, dass sie im Fotomuseum Winterthur gezeigt – und sogar in die Sammlung übernommen wurden. Books and Videos (oder auch Prussian Summer) heißen sie, entstanden zwischen Februar und August 2009 an der Spree: Mit Digitalkamera, Laptop und Drucker postulierten die beiden eine neue Art von Dokumentarfotografie. Eine Großstadt-Physiognomie oder "Großstadt-Symphonie, die zugleich Gegenwartskommentar und Formenspiel ist", kommentierte damals der Julier-Kenner Martin Jaeggi.

Man verglich ihn schon mit Fischli/Weiss: Da zog er die Reißleine

Doch manchmal geht sogar Schnellen Schnelles zu schnell. Julier fand sich atemlos in New York wieder, in einem Atelier des Kantons Wallis. Dort sollte er mit Galeristen und Marketingprofis strategische Gespräche über seine Kunst und seine Konzepte führen, und dabei stellte er fest, dass eine Portion Naivität vielleicht hilfreich sein mag, doch nicht immer und überall. Galerien nämlich sahen in Julier/Eisenring bereits die Nachfolger von Fischli/Weiss, diesen siamesischen Kunstzwillingen, bei welchen man den einen nicht ohne den anderen denken kann – und will.

Das wollte Julier für seinen Weg so nicht akzeptieren. Auf dem highway to art heaven bremste er ab, er schlug eine Ausstellung aus, nach der sich andere die Finger bis zu den Ellbogen lecken: eine Schau im Swiss Institute in New York.

Julier wollte seine künstlerische Ankunft in Amerika lieber später und dann im Nirgendwo der Wüste inszenieren. Heute sagt er, dass er inhaltlich wieder dort Anschluss gefunden habe, wo er in Berlin gestanden habe. Es geht vor allem darum, die eingeschriebenen Ideologien jeder Technik zu überlisten, Fehler zu wagen, Fehler produktiv zu machen.

Um den Swiss Award 2015 beispielsweise, den er natürlich gewann, bewarb er sich mit einem Screen, der während der Arbeit zu Boden fiel. Das Gerät liefert seitdem unabsehbare Fehlleistungen: Fehlfarben nach Juliers Geschmack.

Für seine Kunst geht er nicht nur in die geografische Wüste, sondern mindestens so emphatisch auch in die Werte-Wüste. Er erlaubt sich zudem, unzeitgemäß langsam zu sein, gesammeltes Material liegt oft ein, zwei, drei Jahre auf irgendeiner Festplatte; und er genießt das Privileg, ein Künstler zu sein, der immer genau weiß, oder wissen will, was er tut.

Und das bedenkt er wohl. In diesen Tagen im elterlichen Brig oder dann in Fiesch in einem 700-jährigen Holzhaus. Dort feilt er an Files und Templates und sammelt das Beste oder das Schlechteste aus unseren virtuellen Welten.

Doch etwas unterscheidet ihn von den anderen Vertretern seiner postmedialen Generation: Thomas Julier, vielleicht den Bergen um ihn herum geschuldet und dem Tal, dem man nur entkommen kann, wenn man sich in der Jetztzeit anderswohin begibt, ist auch einer, der oft unterwegs ist. Er beamt nicht bloß seine Avatare in Anderswelten. Nächstens zeigt er seine Arbeiten ohne Titel im Offspace Riverside in Worblaufen bei Bern, kommendes Jahr im Kunsthaus Glarus und in seiner alten Heimat Martigny.

Ist das die Rückkehr eines verlorenen Sohnes? Für Neues verloren ist einer vielleicht bloß, wenn er immer hierbleibt.