Wer einmal Soldat war, wird den ersten Tag beim Militär schwer vergessen. Am späten Nachmittag meldete man sich bei der Torwache, nahm deren spöttischen Kommentar entgegen, suchte den Block, in dem die eigene Kompanie oder Batterie untergebracht war, meldete sich auf der Schreibstube, stapfte auf das zugewiesene Zimmer. Noch fühlte man sich als Zivilist, von Ahnungen schon angeknackst, aber noch in die eigene Kleidung eingepackt und, hoffentlich, mit den eigenen Büchern im Gepäck, um das Leben mit den bis dahin gefassten, vielleicht nicht falschen, doch meist naiven Interessen fortzusetzen.

Dann aber wendete sich alles. Der Gang in die Kleiderkammer, der Empfang der Uniform, mit Stahlhelm, das war das eine. Das andere waren die merkwürdige Stille, die Weite, die immer gleichen Blocks, die Ereignislosigkeit. "Nichts Träumerischeres als eine Kaserne" heißt es bei Gottfried Benn, in einem seiner größten Prosastücke, Block II, Zimmer 66, dem IV. Kapitel des Doppellebens. Bevor der Autor Benn sich der geistigen und moralischen Versumpfung der Deutschen im Nationalsozialismus zuwendet, beschreibt er die "völlig abgeschlossene Welt" der Kasernen. "Träume. Nicht die Träume des Ruhms und der Siege, der Traum der Einsamkeit, des Flüchtigen, der Schemen. Das Wirkliche ist in die Ferne gerückt."

Das wird in der Rommel-Kaserne Osterode kaum anders gewesen sein. Seit Jahren ist sie aufgegeben, nun soll sie ein Aufnahmelager für Flüchtlinge werden, ein "Vorzeigeheim" sogar. Der Schauspieler, Regisseur und Filmproduzent Til Schweiger will sich dafür einsetzen. Ein Freund, Wolfgang Koch, oder vielmehr dessen Firma Princess of Finkenwerder hat im vergangenen Jahr die Immobilie gekauft. Auch Koch spricht von einem Vorzeigeprojekt, das in Europa seinesgleichen suche. Schweiger denkt an Kinderbetreuung, vor allem die von traumatisierten Kindern, an Sportanlagen und an erste Arbeitsplätze in einer Fahrradwerkstatt und einer Näherei. Ob etwas daraus wird?

Schweiger hat sich vor Wochen im Netz für eine großherzigere Aufnahme der Flüchtlinge ausgesprochen und darauf eine Menge zustimmender Postings geerntet, allerdings auch viele üble Pöbeleien. Das scheint ihn nur bestärkt zu haben. Wie immer man seine Filme beurteilt, er erreicht mit ihnen und jetzt auch mit seinen politischen Äußerungen ein großes Publikum. Die angesehenen Schauspieler der maßgeblichen Theater sprechen zu einer politisch vorsortierten Zuhörerschaft. Hier haben politische Kundgebungen einen erbaulichen Charakter: Sie bestärken die Überzeugten in ihrer Überzeugung. Demokratie aber heißt, Mehrheiten zusammenzubringen, mit Leuten, die vorher anderer Meinung waren. Da wird Schweiger erfolgreicher sein als die meisten.

Die Rommel-Kaserne in Osterode © Alexander Koerner/​Getty Images

Was Schweiger leisten wird – die Behörden haben ihm und seinen Mitstreitern den Zuschlag noch nicht erteilt: Warten wir’s ab. Es ist auch weniger interessant als die Vorstellung, wie Flüchtlinge in eine Kaserne am Harz einziehen. Die abgedämpfte Atmosphäre, das Stille, Schattenhafte wird sie mit ihren so ganz anderen Schicksalen vielleicht weniger bedrücken als deutsche Rekruten. Aber nach Deutschland in den Harz zu kommen – wie mag das sein? Der Harz war eine Kernlandschaft des Reiches, von hier kamen die sächsischen Kaiser. Hier entwickelten sich der Bergbau und seine "Künste" wie die Wasser- oder Fahrkunst.

Der Harz wirkt heute vergessen. Es ist ein sehr eigenes Bild von Deutschland, das sich den Flüchtlingen zeigt. Aber es zeigt sich besonders einladend im Museum von St. Andreasberg, das nicht nur die Geschichte des Erzbergbaus ausbreitet, sondern auch die der Harzer Roller, jener besonderen Kanarienvögel, die hier gezüchtet wurden, mit weltweitem Erfolg. Jedes Jahr machten sich Züchter selbst mit ihren Vögeln auf die Reise, zu Fuß nach Hamburg, mit 210 Vögeln in einem Tragegestell auf dem Rücken, und dann zu Schiff nach New York. Es ist eine wunderbare Geschichte, so klein und groß, sie könnte den neuen Landsleuten gefallen. Die Walpurgisnacht kriegen wir später.