Beim Öffnen ihrer Post ist Susanna Nierth vorsichtig geworden. Briefe reißt sie nicht mehr sorglos auf. Die Ehefrau von Markus Nierth, dem Ex-Ortsbürgermeister von Tröglitz, schaut sich die Sendung erst genau an. Sie hat schlechte Erfahrungen gemacht. Vor einigen Wochen kam ein Brief an, der zunächst harmlos aussah. Nierth öffnete ihn, fasste hinein. "Ich habe mich noch nie so sehr vor Menschen geekelt wie in diesem Moment", sagt sie. Der Brief war gefüllt mit Exkrementen.

Es ist fünf Monate her, dass der 2700- Einwohner-Ort Tröglitz im Süden Sachsen-Anhalts bundesweit in die Schlagzeilen katapultiert wurde. Damals trat Markus Nierth als Bürgermeister zurück, weil er sich von Verwaltung und Politik allein gelassen fühlte: Rechtsextreme wollten vor seiner Tür aufmarschieren, um die Befürworter eines geplanten Flüchtlingsheims in dem Ort einzuschüchtern. Einen Monat später, in der Nacht zum 4. April, zündeten bislang unbekannte Täter die geplante Asylbewerberunterkunft im Dorf an. Der Name Tröglitz wurde zum Fanal für Ausländerhass und den hilflosen Staat.

Gleich nach dem Brand eilte Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) in den Ort. Es gab zwei Benefizkonzerte, Projektwochen in der Schule und im Kindergarten sowie im Juni noch einmal viele Presseberichte über Tröglitz, als dort Flüchtlingsfamilien eintrafen. Aber was kam dann?

"Nach dem Brandanschlag, den Politikerbesuchen und dem Medienrummel", sagt Susanna Nierth, "ist kein Ruck durch den Ort gegangen." Die Mehrheit wolle das Geschehene vergessen, so, als wäre nichts gewesen. "Aber das wäre ja ein fauler Frieden." Sie und ihr Mann engagieren sich mit anderen Einwohnern weiterhin für Flüchtlinge: Das Paar gehört zu den Paten der neun Asylbewerber, die seit zwei Monaten in Tröglitz leben. Drei junge Familien sind im Ort untergekommen – zwei aus Afghanistan, eine aus Indien. "Die begrüßen jeden, den sie auf der Straße sehen, und bedanken sich", sagt Nierth. "Man kann eigentlich nichts gegen sie haben."

Allerdings sind es derzeit nicht so sehr die Geflüchteten, die Gegenwehr hervorrufen. Sondern die, die sich für sie engagieren. "Es hat eine Verdrehung der Tatsachen stattgefunden", sagt Nierth. Jene, die rechtsextremen Hass verbreiteten, würden in Ruhe gelassen. "Und uns wird vorgeworfen, dass wir Tröglitz in Misskredit gebracht hätten." Sie merkt es an Briefen mit Schimpftiraden und Gewaltandrohungen, die sie erreichen – und eben an Post, die zum Himmel stinkt. "Wir stehen auch jetzt noch unter Polizeischutz", sagt Nierth.

Auch andere, die sich für Flüchtlinge einsetzen, machen ähnliche Erfahrungen. Einer, der in Tröglitz zu Hause ist, aber nicht namentlich genannt werden möchte, erzählt von Begegnungen mit Einwohnern, die er schon viele Jahre kennt. "Die grüßen nicht mehr, schauen abfällig, drehen sich weg", sagt er. Einmal sei ihm sogar zugeraunt worden: "Vergiss nicht, dass du Deutscher bist."

Die Stimmung im Dorf, sie ist zwar an der Oberfläche ruhig. Doch darunter brodelt es. Es gibt keine Anti-Asyl-Demos mehr; doch in Internetforen und Sozialen Netzwerken wird weiter gehetzt. Der Ort ist auch gespalten in der Frage, wer wohl den Brand gelegt hat. Einige zweifeln vehement an, dass es Rechtsextreme waren. Dabei fehlt noch eine heiße Spur zu den Tätern. Die Arbeit der 17-köpfigen Ermittlungsgruppe Kanister ist ins Stocken geraten. Zuletzt rief die Polizei mit einer Flugblattaktion alle Tröglitzer dazu auf, sich erneut an die Brandnacht zu erinnern. Zwei Hinweise trafen daraufhin ein. Er habe sich mehr erhofft, sagte dazu der Sprecher des Landeskriminalamtes.

Der Burgenlandkreis hält derweil an seinem Plan fest, insgesamt 40 Flüchtlinge in Tröglitz unterzubringen. "Vorrangig Familien", so Sprecherin Ursula Weise. Weil noch nicht geklärt sei, wo sie wohnen werden, gebe es aber noch keinen Zeitplan. Wenn es allerdings so weit ist, werde es erneut Demonstrationen geben, meinen viele im Dorf. "Das wurde im Internet schon angekündigt", sagt Susanna Nierth. Und der Tröglitzer, der unerkannt bleiben möchte, sagt: "Wenn noch mehr Flüchtlinge kommen und vielleicht sogar Dunkelhäutige darunter sind, dann wird es wieder Theater geben."

Straftaten gegen Asylbewerberheime und Flüchtlingsunterkünfte kommen in ganz Deutschland vor.  Im ersten Halbjahr 2015 waren fast schon so viele wie im gesamten Jahr 2014.