Manchmal ist es von Vorteil, wenn dein Feind ein Fanatiker ist. Denn Fanatiker sind paranoid, und auch die brutalsten, die Gotteskrieger des "Islamischen Staates", haben eine Schwachstelle: ihre Angst. Kehrseite des Hasses. Nebenwirkung der Allmachtsträume und des religiösen Wahns.

Unter kurdischen Kämpfern kursiert jetzt der Witz: Wovor hat der IS die größte Angst? Vor Frauen! Doch, wirklich. Denn ein Dschihadist, der von einer Frau getötet wird, ist kein Märtyrer, sondern eine Schande. Er kommt nicht ins Paradies. So lehren es die theologischen Einpeitscher des IS, und die Frommen und Naiven unter den Kämpfern glauben es – behaupten die Kurden. Sie sind selber Muslime, ihr altes arabisches Volk konvertierte im 7. Jahrhundert unter Zwang, doch heute sind sie im Nahen Osten eine säkulare Kraft. Sie bekennen sich fast alle zur Religionsfreiheit, und in ihren bewaffneten Verbänden (bei den Peschmerga, den YPG, der PKK) kämpfen immer mehr Frauen.

Seit einem Jahr werden die dringender denn je gebraucht. Seit der IS in die irakische Millionenstadt Mossul einmarschierte und mit schwerem Kriegsgerät die syrischen Städte Kobane, Palmyra, Hassaka verheerte, seit er die Dörfer in der Ninive-Ebene zerstörte, verteidigen die Kurden ihre alten Siedlungsgebiete im Irak und in Syrien. Vorige Woche erst eroberten sie Hassaka zurück, Brückenstadt zwischen Syrien und dem Irak. Sie wehrten Überfälle auf Christen ab und durchbrachen im Sindschar-Gebirge den Belagerungsring um die Jesiden. Doch nun bombardiert die Türkei die Nothelfer. Abends starten in der Südtürkei die Flugzeuge gegen die erfolgreichsten Feinde des IS, attackieren sie selbst dort, wo sie ihren wichtigsten Sieg errangen: in Kobane. Monatelang hatte der IS die Stadt belagert, bevor die Kurden sie einnahmen, da war sie zwar ein Trümmerhaufen – aber auch der Beweis, dass Gotteskrieger besiegbar sind.

Natürlich nicht ohne die kurdischen Frauen. Wo sie an der Spitze ihrer Truppen vorrückten, da verstecken sich Kämpfer des IS, erzählt der kurdische Psychotherapeut Salah Ahmad und lacht. Doch das ist kein Witz. Kaum einer kennt den Horror, den die Terrormiliz IS speziell für Frauen bereithält, besser als er. Ahmad arbeitet seit 1997 am Berliner Zentrum für Folteropfer und gründete die Jiyan Foundation, die heute acht Anlaufstellen für schwerst Traumatisierte in kurdischen Gebieten des Iraks, Syriens, der Türkei und Irans betreibt (siehe unser Interview auf dieser Seite). Doch auch einem erfahrenen Trauma-Experten wie ihm sieht man den Stress an, wenn er von den Vergewaltigungen durch den IS berichtet. Dagegen lebt Ahmad regelrecht auf, wenn er die kurdischen Kämpferinnen preist, ohne die so manche Stadt und sehr viele Flüchtlinge verloren gewesen wären.

Denn das ist die eigentliche Leistung der Kurden: Hinter ihren Frontlinien fanden im Laufe der letzten zwölf Monate ganze Heerscharen "Ungläubiger" Schutz, Verfolgte des IS, allein im Nordirak fast zwei Millionen. Dass Erdoğan nun die Kurden angreift, ist ein doppeltes Drama: Er schwächt den ersten, treuesten Bekämpfer des IS. Und er gefährdet Abertausende Überlebende, die ohne Ansehen ihrer Religion in den Kurdengebieten aufgenommen wurden, so im nordirakischen Erbil und in Dohuk. Auch dort fallen jetzt Bomben.

Emanuel Youkhana, der Direktor der christlichen Hilfsorganisation CAPNI, die von Dohuk aus die Flüchtlinge versorgt, musste in den letzten Tagen deren wachsende Panik dämpfen. "Sie fürchten einen neuen Krieg und packen schon ihre Rucksäcke." Die größte Furcht sei, dass der IS nachrückt, wenn die Kurden sich zurückziehen. Youkhana findet das völlig unwahrscheinlich, aber er fürchtet, dass die Bombardements die gesamte Region ins Chaos stürzen.

"Die unschätzbare Hilfe der Peschmerga war die militärische Absicherung unserer humanitären Arbeit, die Rückeroberung vieler Orte und die Rettung ganzer Familien. Vor allem aber brachten sie den heimatlosen Christen und Jesiden Hoffnung: Bei uns seid ihr sicher und geschützt." Youkhana, selbst Pastor und Archimandrit seiner Kirche, betont, dass kein Hilfsbedürftiger wegen seines Glaubens diskriminiert wurde. Wen auch immer CAPNI mit Hilfsgütern versorgen wollte: die Peschmerga begleiteten die Konvois, sicherten neu errichtete Gesundheitszentren und mobile Kliniken. Ähnlich tolerant agierte die christliche Assyrer-Miliz Dwikh Nawscha die in der Ninive-Ebene an vorderster Front kämpft. In der Offensive arbeiten kurdische Peschmerga und christliche Dwikh Nawscha zusammen: sie stoppten den Vormarsch des IS gegen Alkosch in der Ninive-Ebene. Sie befreiten 35 assyrische Christendörfer am Fluss Khabour.

Diese Kooperation über Glaubensgrenzen hinweg ist keine Kleinigkeit im gefährlichsten Religionskonflikt der Welt. Youkhana sagt es so: "Licht ist immer schön, aber am schönsten ist das Licht, das in tiefer Dunkelheit scheint." Der IS habe viele Christen und Jesiden entwurzelt, ihre Habe sei unwiederbringlich verloren, ihre Heimat vielleicht auf Jahre unbetretbar: "Die Hilfe der kurdischen Regierung im Nordirak ist die einzige Zukunftsaussicht für viele." Über eine halbe Million Menschen flohen 2014 allein ins Gouvernement Dohuk – welches Land in Europa hätte das friedlich bewältigt? Hätte sofort die Hilfsorganisationen unterstützt?

Trotzdem fehlt Geld für alles und jedes: Medikamente, Kleidung, Wasser, Strom, Nahrungsmittel. Im Winter erfroren die Flüchtlingskinder beinahe in den Notunterkünften. Jetzt herrschen Temperaturen um die 50 Grad Celsius. Die Helfer sehen täglich Bilder der Verwüstung, wo auch immer der IS abzieht: zerbombte Kirchen, gesprengte Moscheen, verminte Straßenzüge. "Die Zerstörungswut ist unvorstellbar", sagt Youkhana. "Ich habe Jesidendörfer in der Region Sindschar gesehen, die vom IS befreit wurden: Dort war alles, selbst das letzte Mobiliar zertrümmert. Die Höfe waren niedergebrannt. Alle Läden und Scheunen zerstört. Wir fanden keinerlei Anzeichen von Leben mehr. Der Plan des IS war offensichtlich, alles bisherige Leben zu zerstören und alles künftige zu verhindern." Schlimmer sei nur das Schicksal der gefangenen und Versklavten. Noch Hunderte, vielleicht sogar Tausende sind derzeit in der Hand des IS. Manchmal versuchten die Kirchen vor Ort, sie freizukaufen, doch ihre Mittel reichen nicht. Und die Vereinten Nationen halten sich raus.

Noch treffen die türkischen Bomben, die im Nordirak abgeworfen werden, keine Kämpfer der PKK, sondern einzelne Dörfer in den Bergen, also Zivilisten. Doch für die Flüchtlinge zerstört die Bombardierung der Kurden jegliches Gefühl von Sicherheit. Es ist ungefähr so, als wäre ein Loch in der Frontlinie, die den IS und seine potenziellen Opfer voneinander trennt. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, der letzten Herbst die Flüchtlinge in Erbil besuchte, sagt jetzt: "Angesichts der großen Gefahr, in der die Menschen im Nordirak sich durch den Islamische Staat nach wie vor befinden, ist es vordringliche Aufgabe aller, diese Menschen zu schützen." Er fürchte, dass durch das türkische Bombardement von kurdischen Stellungen im Nordirak und durch terroristische Gegenattacken nun ein neuer Schauplatz der Gewalt aufgemacht wird. "Die Gewalt muss von beiden Seiten sofort gestoppt werden, um der Aussöhnung zwischen Kurden und Türken wieder eine Chance zu geben. Das ist auch im Sinne der Flüchtlinge, die auf Schutz durch Kurden und Türken angewiesen sind."