Den Antisemitismus hat die arabische Welt komplett aus Europa importiert: mit Ritualmord, Satanskult und Weltverschwörung, und zwar lange vor der Gründung Israels. Die hakennasigen Juden könnten direkt aus dem Stürmer kommen, die Vernichtungsfantasien auch. Jetzt, nach 80 Jahren Hetze, eine unglaublich gute Nachricht.

Es ist eine ägyptische TV-Serie mit 30 Folgen – Haret al-Jahud, "Das jüdische Viertel" –, die im Fastenmonat Ramadan von Damaskus bis Kuwait ausgestrahlt wurde. Auch im Westjordanland, wo ein Palästinenser schwärmte: "So etwas zu sehen, hätte ich mir nie im Leben vorstellen können" – Juden in einem positiven Licht. Ein anderer: "Als ob wir alle in einem Haus lebten." Oder: "Wer ist der Jude, wer der Muslim? Die sehen alle gleich aus." Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas: "Das ist die einzige Serie, die ich mir anschaue."

Es ist eine Seifenoper über Juden in Kairo. Sie beginnt 1948 während des ersten arabischen Krieges gegen Israel. Die Heldin ist Leila, die Tochter eines jüdischen Kaufmanns, die sich in Ali, einen muslimischen Offizier, verliebt hat. Das kann nicht gut gehen: Romeo und Julia unterm Halbmond.

Ali gerät in israelische Gefangenschaft, Leilas Bruder setzt sich nach Israel ab, wo er einen Kibbuz gründet. Ali kann ausbrechen – nur um die Angebetete unter dem Hochzeitsbaldachin zu erblicken, wo sie einem Gemeindemitglied angetraut werden soll. In letzter Minute flüchtet sie wie die Braut in Die Reifeprüfung mit Dustin Hoffman. Bloß muss das Happy End noch warten, weil Ali die Treulose nun verschmäht. Und so weiter, 30 Folgen lang.

Verbotene Liebe (ARD), aber mit politisch-pädagogischem Anspruch, was auch die Intention gewesen sein muss. Im Hintergrund hört man den israelischen Ohrwurm Hava nagila. Respektvoll zeigt die Kamera Juden in der Synagoge, dann beim festlichen Sabbat-Mahl, inklusive der hebräischen Segenssprüche. Chassidische Tänze dürfen auch nicht fehlen. In einem Seitenhieb gegen die Traditionswächter mahnt Alis Schwester "Gleichberechtigung" an, weil die Frauen das Geschirr abräumen müssen, derweil die Brüder am Tisch lümmeln.

Keine Serie ohne Böslinge. Die Schurken aber sind nicht die Juden, nicht einmal die Israelis, sondern die Muslimbrüder, die General Abdel Sissi 2013 weggeputscht hat. Verdammt werden sie als autoritäre Frömmler, verlacht wird ihr Gründer Hassan al-Banna, der Coca-Cola verbieten will, weil es die Gesellschaft vergifte – wie die sexy Outfits, die Jüdinnen in der Serie tragen. Lakonisch murrt die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde: "Damals gab es noch keine Miniröcke."

Entscheidend aber ist die verblüffende Perspektive nach Jahrzehnten antisemitischer Indoktrination. Der Jude hat keine Hörner, der "Andere" ist einer von uns. Kann eine TV-Serie die Verteufelten vermenschlichen? Roots (1977) hat in Amerika das Bild der Schwarzen verändert, Brokeback Mountain über zwei schwule Cowboys das Bild der Homosexuellen. Die Columbia-Professorin Lila Abu-Lughod lehrt, gerade Seifenopern hätten die nationale Identität der Ägypter geformt. Könnte "Das jüdische Viertel" sie umformen? Just das muss der Zweck der von Sissi abgesegneten Übung gewesen sein. Jedenfalls war die israelische Botschaft in Kairo voll des Lobes, während die Filmkritikerin der Zeitung Al-Youm as-Sabi die Serie als "ein Muss in unserer Zeit" anpries. Im Osten was Neues.