Im äußersten Südosten der USA hat sich am Dienstag dieser Woche etwas Ungeheuerliches ereignet: Die überschuldete amerikanische Karibikinsel Puerto Rico hat Insolvenz angemeldet. Einfach so. Es gab keine Rettungsgipfel, keine Hilfsprogramme und keinen Aufschrei amerikanischer Wirtschaftsnobelpreisträger. Barack Obama hatte persönlich bei Angela Merkel interveniert, damit die Deutschen einen Staatsbankrott in Griechenland verhindern. Sein eigenes Griechenland aber lässt der Präsident fallen. Ein klassischer Fall amerikanischer Doppelmoral?

Ja, einerseits. Amerikanische Regierungen lösen Probleme von jeher gerne mit dem Geld anderer. Im Fall Griechenland: mit dem der Europäer. Immer wenn es in den laufenden Verhandlungen um ein drittes Hilfspaket für die Griechen um einen Eigenbeitrag geht – etwa in Form zusätzlicher Mittel des Internationalen Währungsfonds, dessen größter Anteilseigner die USA sind –, fallen dem amerikanischen Finanzminister viele gute Gründe ein, warum das gerade keine gute Idee sei.

Er ist eben auch ein Gefangener innenpolitischer Machtverhältnisse. Insbesondere die Republikaner achten sehr genau darauf, dass im Namen der Solidarität nicht zu viel amerikanisches Steuergeld ausgegeben wird. Verglichen mit den Konservativen im amerikanischen Kongress, ist die Unionsfraktion im deutschen Bundestag eine freigiebige Truppe. Deshalb hat Washington die Pleite in Puerto Rico nicht verhindert. Und deshalb haben die Amerikaner ein natürliches Interesse daran, die Kosten der Griechenlandrettung bei den europäischen Steuerzahlern abzuladen.

Andererseits ist die Krise in der Karibik mit der in Europa nicht vergleichbar. Der Zusammenbruch Griechenlands hätte auf dem Balkan ein Machtvakuum erzeugt, das andere nur zu gerne gefüllt hätten. Die Gefahr, dass Wladimir Putin sich Puerto Rico einverleibt, dürfte allein schon wegen der geografischen Lage eher gering sein.

Wichtiger noch: Puerto Rico wird nicht zusammenbrechen, nur weil der puerto-ricanische Staat Konkurs anmeldet. Als sogenanntes assoziiertes Gebiet ist die Insel fest in die föderalen Strukturen der USA integriert. Das bedeutet vor allem: Die Puerto Ricaner zahlen in die amerikanischen Sozialkassen ein und erhalten Zuwendungen aus Washington. Und die Banken des Landes sind der US-Bankenaufsicht unterstellt. Wenn ihnen das Geld ausgeht, werden sie mit amerikanischen Steuermitteln saniert.

Diese institutionellen Vorkehrungen nehmen einer Pleite einen großen Teil ihres Schreckens. Denn wenn die Regierung von Puerto Rico ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, dann ist das für die Bürger zwar nach wie vor unangenehm, unter anderem weil die Staatsbediensteten womöglich ihre Gehälter nicht pünktlich ausbezahlt bekommen. Anders als im Fall Griechenland aber wird durch die Insolvenz nicht das gesamte Staatswesen erschüttert. Es gibt bis jetzt jedenfalls keine Diskussion über einen "Puxit", einen Austritt Puerto Ricos aus der US-Währungsgemeinschaft. In den USA gehen sogar regelmäßig Städte und Gemeinden bankrott, ohne dass die Zukunft des Dollar oder der Vereinigten Staaten von Amerika infrage gestellt würde.

Die europäische Währungsunion aber ist so konstruiert, dass jeder Staatsbankrott den Kontinent zu spalten droht. Das liegt daran, dass die Europäische Zentralbank den Banken eines Pleitestaats kein Geld mehr zur Verfügung stellen darf – und wenn der Geldkreislauf unterbrochen ist, geht in einer modernen Volkswirtschaft nichts mehr. Deshalb kommt ein Zahlungsverzug einem finanziellen Todesurteil gleich, das sich ohne fremde Hilfe nur durch die Wiedereinführung einer eigenen Währung abwenden lässt.

Die Lehre aus dem karibischen Nichtdrama ist also diese: Die Währungsunion muss so reformiert werden, dass sie überschuldete Mitgliedsstaaten nicht automatisch an den Rand des Zusammenbruchs bringt. Entweder (die Maximallösung) durch Souveränitätsverzicht und eine gemeinsame Kasse oder (die Minimallösung) durch die Einführung eines Verfahrens für eine geordnete Staatsinsolvenz mit einem europäischen Rettungstopf für die Banken.