Was also wäre eine Lösung? Etwas mehr Konflikt in der Politik. Etwas mehr Selbstreflexion von Journalisten. Mehr Unterscheidung zwischen Information und Wissen, Fakten und Zusammenhang. Letztlich also: etwas mehr Vertrauen in die Urteilskraft der meisten Menschen, etwas mehr Glauben an die Aufklärung.

Von Bertolt Brecht stammt die Radiotheorie. Mit dem Aufkommen des ersten Massenmediums, so Brecht, hatte "man plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen". Nur müsse eben auch einer zuhören. Man müsse also, folgerte Brecht, den Rundfunk umfunktionieren zu einem "Kommunikationsapparat", der nicht nur senden, sondern auch empfangen könne.

Heute, sagt der Politologe Serge Embacher, sei Brechts Radiotheorie praktisch verwirklicht. Man könnte auch sagen: Brecht hat sich den Teufel gewünscht, den wir nun nicht mehr bändigen können. Dank moderner Medien können alle gleichzeitig senden und empfangen. Aufklärung 2.0. Denn Autoritäten zerstören, anzweifeln, den eigenen Verstand benutzen, das ist doch Aufklärung. "Wir sind endgültig in der Moderne angekommen", sagt Embacher. Politik ist eine Angelegenheit für alle.

Bei seinen Studenten beobachtet Serge Embacher ein großes Freiheitsgefühl, aber auch eine große Orientierungslosigkeit. Kürzlich stand das dröge klingende Thema "Programm der politischen Parteien" auf der Agenda. "Die meisten Studenten", so Embacher, "hatten unheimliche Probleme, sich dazu zu verhalten." Gibt Embacher eine Seminarklausur von 10 bis 14 Seiten vor, erntet er ein kollektives "Wie jetzt?". Die Studenten wollen wissen: 10, 12 oder 14 Seiten?

Es existiert eine Sehnsucht nach Autorität, nur wird den bestehenden Autoritäten nicht vertraut.

Martin Schweer von der Uni Vechta beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Thema Vertrauen. Er kommt aus der Organisationspsychologie. Früher haben vor allem Unternehmen bei ihm angefragt. Inzwischen, so Schweer, habe auch die Politik Vertrauen als Ressource erkannt – vor allem, seit sich diese Ressource als wahlkampfentscheidend erwiesen hat. Ob beim Thema Lebensmittelsicherheit oder Politik, die Ansprüche seien gestiegen, stellt Schweer fest. Früher musste man vieles glauben, heute kann man es überprüfen und feststellen: Stimmt das denn überhaupt? Und manchmal stimmt es eben nicht, was Politik und Medien behaupten.

Dass der Erkenntnisdurst dann häufig ausgerechnet in Verschwörungstheorien mündet, hält Schweer letztlich für ein Überforderungsphänomen: Die Verschwörungstheorie ist einfacher und somit stimmiger als die Wirklichkeit. Anders gesagt: Mit dem Vertrauen ist es wie mit dem Geld. Es ist nicht weg, es ist nur anderswo. Für die Demokratie ist das ziemlich katastrophal. Für den Einzelnen, wie Claus Petersen, aber funktioniert es, weil paradoxerweise gerade in einem ziemlich gut funktionierenden Staatswesen die eigenen Handlungen von der Politik gar nicht erkennbar berührt werden.

Auch Embacher hat verschiedene Studien zum Thema Vertrauen und Demokratieverdruss gemacht, die Ergebnisse sind niederschmetternd: Schneller als die Politik verlieren nur die Medien an Vertrauen. Schuld daran, glaubt Embacher, sei dennoch vor allem die Politik, die immer noch mehr auf Senden eingestellt ist als auf Empfangen, auch wenn heute alle wie wild Facebook, YouTube und Twitter nutzen, antworten und retweeten.

Schwarz-gelb, schwarz-grün, rot-rot, rot-grün, schwarz-rot – die Bundesrepublik kennt inzwischen viele politische Farbkombinationen – und trotzdem mehr oder weniger nur eine politische Richtung. Heraus kommt im Prinzip immer überall dasselbe. Die alten Ideologien wurden ersetzt durch eine Ideologie des Pragmatismus und Politik wurde ersetzt durch eine unpolitische Kümmer-Pose – "Kein Kind wird zurückgelassen". Zur Glaubwürdigkeit gehört aber auch, dass man Alternativen zulässt.

Embacher hat einen ganz praktischen Vorschlag, wie Vertrauen zurückgewonnen und mehr Bürgerbeteiligung erreicht werden könnte: "Die Wahlkampfkostenerstattung sollte an die Wahlbeteiligung gekoppelt werden."

Zur Aufklärung gehörte auch Kant und seine Befreiung aus der Unmündigkeit. Die war übrigens schon damals selbst verschuldet.

Früher lieferte die Weltanschauung den Kontext. Heute müssen wir ihn selbst herstellen. Das ist anstrengend. Aber wir haben es so gewollt.

Mitarbeit: Kerstin Kohlenberg

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