So malt man doch nicht mehr – Seite 1

Da steht er also inmitten des Infernos, steif und seltsam ungerührt, als könnten ihm die Flammen nichts anhaben, als wäre es gleichgültig, dass sie seine Skizzen und Gemälde verschlingen und im nächsten Augenblick gewiss auch ihn, den Maler Arno Rink. Er bleibt stehen mit steifen Armen, mag sein Leib auch verdampfen. Er ist ein Monument der eigenen Vergeblichkeit.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet dieses Gemälde zwar im Katalog gezeigt wird, nicht aber in der Ausstellung, die gerade in Rostock läuft und die erstmals das Œuvre dieses Malers, der gerade 75 wurde, in voller Größe ausbreitet. Es ist kein Zufall, weil das Bild so überdeutlich vorführt, was in vielen Künstlern der DDR damals, zur Wendezeit, vor sich ging. Wie ihnen so ziemlich alles abhandenkam, woran sie gearbeitet, wofür sie gestritten hatten. Wie sie attackiert wurden von westlichen Kollegen. Wie ihre Kunst in Flammen stand.

Von alldem jedoch, von DDR & BRD & den Rückkopplungen auf Werk und Wirkung, soll in dieser Ausstellung möglichst wenig zu sehen sein. Sie verzichtet selbst im Katalog auf jede historische Einordnung. Sie will nicht erklären, was es für den Maler Rink hieß, in der SED zu sein und als Rektor die Hochschule in Leipzig zu leiten. Sie mag die ewigen Fragen nach Staatskunst und Widerstand nicht stellen. Die Kunst ist die Kunst und alles andere bestenfalls gehobener Stammtisch.

Zumindest für den Augenblick kann man für den Rigorismus dankbar sein. Viel zu oft ist Rink in den letzten Jahren einzig in seiner Rolle als Hochschullehrer befragt und bewundert worden. Ihm vor allem verdankt sich das, was als Neue Leipziger Schule die erstaunlichsten Erfolge einfuhr, mit Neo Rauch, Tilo Baumgärtel oder Michael Triegel. Wie gut Rink selber malt, was ihn prägt und ausmacht, geriet darüber fast in Vergessenheit – und kann erst jetzt in aller Tiefe erkundet werden. Eine Erkundung, die grandiose und kuriose Funde aufbietet. Denn so malt ja heute keiner mehr.

Längst haben sich die Augen der meisten Betrachter an das Raue und Ruppige der Gegenwartsmalerei gewöhnt. An den Schmiss und die Freude an selbstironischen Gesten. An die Coolness vor allem. Wie fremd also muss den Augen das vorkommen, was Rink so wichtig ist: akribisch in der Technik, waghalsig in der Komposition und ohne jede Angst vor deftigem Pathos. Wie bei Caravaggio werden seine Bilder zur Bühne, werden die Figuren ins Schlaglicht getaucht, mystisch überhöht.

Im Westen war die menschliche Figur aus der Malerei weitgehend getilgt oder bestenfalls noch als geschundene Existenz gelitten. Bei Rink darf sich, mal drastisch, mal lüstern, auch die Wohlgestalt zeigen, vor allem die weibliche. Nackt ist sein Mensch und begehrenswert!

Der Westen ist nun da, wo der Osten schon war

Rink kennt weder Scheu noch Scham, auch nicht, wenn er tief hineingreift in die große Kiste der Ikonografie, den Manieristen genauso huldigt wie den Surrealisten und munter Verweise auf die Kreuzabnahme oder den Ikarus-Mythos in seine Bilder hebt. So hatte es Rink bei seinen Lehrern Tübke und Heisig gelernt: sich vorbehaltlos aus dem Fundus der Kunstgeschichte zu bedienen. Während Westkünstler noch dem Fortschrittsdenken folgten und ein jeder die Malerei neu denken, neu erfinden sollte, pflegte man in den Ateliers der DDR ein entspannteres, ja freieres Verhältnis zur Geschichte, bar aller Originalitätszwänge.

Unterdessen haben sich die Dinge bekanntlich gewandelt, man könnte sagen, der Westen ist nun da, wo der Osten schon war. Auf geniehaftes Gehabe geben jüngere Künstler nicht mehr viel, dafür wird wild zitiert, reproduziert, collagiert. Die beliebteste Kunstform der Gegenwart ist die Konstellation, etwa bei Dan Vo oder Camille Henrot, die lauter seltsame, banale oder auch erregende Dinge frei im Raum arrangieren, auf dass sich irgendein gehobener Sinn entfalte. Ähnlich verfuhr und verfährt Rink, wenn er entlegene Motive geschickt ineinanderblendet – Muschelesser, schwebendes Kruzifix, eine rothaarige Nackte –, ohne dass es besonders kurios wirkte. Allenfalls stört man sich daran, wie überladen die Bilder oft wirken, wobei sich tiefere Bedeutung kaum entschlüsseln lässt. Aber auch das, leere Suggestivität, ist ja anderer Gegenwartskunst nicht unbedingt fremd.

Nur selten durchbricht Rink die eigene Perfektion

Nur eines fehlt Rink, und das unterscheidet ihn doch erheblich von den aktuellen Kompilationsmeistern: die Lässigkeit des Ausdrucks. Nur in kurzen Phasen erlaubt er sich einen lockeren, suchenden Pinselstrich. Nur selten durchbricht er die eigene Perfektion und gönnt der Farbe ein Eigenleben, unkontrolliert, offenporig. Die Kunst war ihm in DDR-Zeiten zu wichtig, um sie mit vermeintlichen Mätzchen zu bestreiten. Und diesem Drang zur hohen Geste folgte er auch später noch.

Dabei besitzt er durchaus ein Talent für ironische Anmerkungen, vor allem, wenn er sich selber malt. Eines seiner Bilder heißt Es regnet in Venedig und zeigt das aschgraue Gesicht des Künstler, das sich unter dem Tropfengeprassel ebenso auflöst wie sein plastiktütenhafter Schutzmantel. Ein anderes Mal präsentiert Rink seinen Kopf, abgehackt, wie er zu Füßen einer nackten Judith liegt, die ihr Antlitz unter rotem Tuch verbirgt – als wäre der Künstler ein Opfer seiner erotischen Fantasien.

Es ist dieses leichtfertige Spiel mit der eigenen Rolle, den Obsessionen, das Rink zum großartigen Künstler macht. Zu gerne hätte man erfahren, wie er zu der Leichtfertigkeit fand. Hätte auch wissen wollen, was es in DDR-Zeiten für ihn hieß, stilistisch einem Salvador Dalí anzuhängen, der unter Faschismusverdacht stand. Hätte hören wollen, wer Rinks Bilder bestellte, kaufte, wie sie gedeutet wurden. Die Ausstellung aber schweigt. Vielleicht meint sie, das sei angemessen für einen Maler wie diesen. Rink aber mit seinem wechselvollen Werk, das ebenso fern wie aktuell erscheint, hätte dann doch mehr Neugier verdient.

Bis zum 18. Oktober (www.kunsthallerostock.de).