Wenn Chris Lintott abends seinen Computer ausstellt und auf sein Rad steigt, um von der Fakultät zu seinem Häuschen im Norden von Oxford zu fahren, schalten seine Helfer am anderen Ende der Welt die Rechner an: in Auckland, in Philadelphia, in Chennai. Aber auch die in München oder in Düsseldorf. Jeden Tag, jede Nacht kommen sie wieder, obwohl Lintott sie nicht bezahlt, obwohl er kaum einen von ihnen kennt. Sie hocken dann stundenlang vor ihren Rechnern, bestimmen in mühevoller Kleinarbeit die Formen von Galaxien oder jagen nach Planeten, die unserer Erde ähneln könnten. Lintotts Helfer sind Rentner, Hausfrauen, Schüler und Busfahrer. Die wenigsten verstehen die komplizierten Formeln, mit denen Lintott arbeitet. Doch ohne ihre Hilfe wäre Chris Lintott aufgeschmissen. Ohne sie hätte er wohl niemals die grüne Wolke entdeckt.

Chris Lintott, 34, Professor für Astrophysik an der Universität Oxford, hat vor sechs Jahren eine Plattform für Hobbywissenschaftler gegründet. Dort werten ganz normale Leute wissenschaftliche Datensätze aus, die so groß und komplex sind, dass sie für einzelne Forscherteams nicht zu bewältigen wären. Zooniverse heißt die Plattform, bis heute haben sich dort 1,3 Millionen Nutzer registriert. Sie halten Ausschau nach Asteroiden und helfen so, Himmelskörper zu finden, die der Erde gefährlich werden könnten. Sie übertragen Wetterdaten aus Logbüchern mittelalterlicher Seefahrer und ermöglichen damit die Konstruktion besserer Klimamodelle. Sie kartieren Tiere im Serengeti-Nationalpark und machen deren Wanderbewegungen sichtbar.

Menschen sind besser als Computer, weil sie sich ablenken lassen

Lintott bindet Laien in die Forschung ein und verwirklicht so Projekte, die anders womöglich nie zu finanzieren wären. Er überträgt die Idee der crowd, der global vernetzten digitalen Gemeinschaft, auf die Wissenschaft. Citizen science, Bürgerwissenschaft, nennt er das Prinzip.

Lintotts Büro ist zweieinhalb mal zweieinhalb Meter groß, ein gläserner Würfel im Institut für Physik an der Universität Oxford. Auf dem Tisch und in den Regalen stapeln sich Studien, Briefe und Opernbroschüren, die Fensterscheiben hat Lintott mit Formeln bemalt. "Ich hatte gehofft, Sie räumen hier schon einmal auf", sagt er zur Begrüßung und lässt sich auf den Schreibtischstuhl fallen.

Der Computerbildschirm vor ihm zeigt eine Wolke im All, in fluoreszierendem Grün und dunstig wie Zigarrenqualm. Voorwerp nennen die Astronomen sie, das ist Niederländisch und bedeutet "Ding". Eine holländische Grundschullehrerin hat die Wolke zufällig auf einem Foto entdeckt – eigentlich war sie auf der Suche nach Galaxien, die sie für Lintotts Forschungsplattform klassifizierte. Die Lehrerin erzählte im Onlineforum der Zooniverse-Forscher von ihrem Fund. Lintott rief einen Freund an, der sein Teleskop auf das Objekt im Sternbild Kleiner Löwe richtete. Von da an hatte die Astrophysik ein neues Rätsel zu lösen: Was hat es auf sich mit dieser Wolke, die außerhalb der Milchstraße liegt, viele Millionen Lichtjahre entfernt? Mit diesem riesigen grünen Schleier, groß wie eine Galaxie, 50.000 Grad heiß, ohne einen einzigen sichtbaren Stern?

Als Lintott 15 war, verbrachte er die Sommerferien auf der Sternwarte. Zum Stolz seiner Eltern, einem Postboten und einer Verkäuferin, hatte der junge Chris die Aufnahmeprüfung für die Torquay Grammar School bestanden, eine besonders gute Schule in der Grafschaft Devon. Auf deren Campus stand ein Observatorium, das sich mit der Erdrotation drehte. Der Spiegel des Teleskops hatte einen Durchmesser von einem halben Meter. Aber das Beste, sagt Lintott, seien die Lehrer gewesen: "Die gaben uns einfach den Schlüssel."

So machte es sich Lintott mit Freunden im Observatorium bequem, sie ließen sich Pizza liefern und richteten ihren Blick in die Weiten des Alls, Nacht für Nacht. Sie nahmen Doppelsterne ins Visier, den Orionnebel und die Planeten des Sonnensystems. Lintott begann, Bücher über Astronomie zu lesen, und wenn Anwohner glaubten, ein Ufo zu sehen und aufgeregt im Observatorium anriefen, dann erklärte ihnen Lintott geduldig, dass es sich nicht um Außerirdische handelte, sondern um die Venus.

Lintott erklärt gerne, er redet in kurzen, klaren Sätzen, mit sonorer Stimme und gestochenem Oxford-Englisch. Er gibt dem Laien das Gefühl, dass es sich bei der Astrophysik eigentlich um eine ganz einfache Sache handelt. Schon während seines Studiums an der Universität Cambridge trat er als Experte bei der BBC auf, in der Astronomie-Sendung The Sky at Night. Heute moderiert er die Sendung gelegentlich. Er steht dann da, ein Professor, der mit kindlicher Freude über Kometen und Asteroiden spricht. Ein großer, wuchtiger Mann mit pausbäckigen Wangen, der aussieht wie ein kleiner Junge, den man in ein frisch gebügeltes Hemd gesteckt hat.

In der Schule, sagt Lintott, werde Wissenschaft oft missverstanden: als Ansammlung von Fakten, die man auswendig lernen muss. "Dabei geht es doch um das Entdecken!" Bei Zooniverse können schon Sechsjährige zu Forschern werden. Zum Beispiel, indem sie auf Fotos aus der Antarktis Pinguine markieren – und damit einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zum Verständnis eines Ökosystems liefern. Um neue Laienforscher zu gewinnen, besucht Lintott Schulen und erzählt dort von Zooniverse. Nach einem dieser Besuche schrieb ihm eine 16-jährige Schülerin: "Ich möchte Astronomin werden und mit Dir zusammenarbeiten." Lintott lud sie ein, als Praktikantin in das Projekt einzusteigen. Heute studiert das Mädchen Astrophysik in Cambridge.