Es ist ein windiger Donnerstag, an dem Karoline Köber sich mit ihren Haaren in Marzahn verheddert. "Verfangen im Bezirk", scherzt sie und entwirrt ihre Strähne aus einem Ast. Dann klettert sie weiter, immer die Ahrensfelder Berge hinauf, ihrer Freundin Nicole Mühlberg hinterher, vorbei an Sträuchern und Bäumen. Als die beiden Frauen die Spitze erreichen, lächeln sie. Rechts können sie auf Brandenburg blicken, links auf das Hochhausmeer von Marzahn: Es ist rau und schön.

Hier oben werden sie vielleicht einmal thronen, die zwölf Meter hohen Marzahn-Buchstaben im Hollywood-Stil. Denn genau diese wollen Köber und Mühlberg hier anbringen: M-A-R-Z-A-H-N, in riesigen Lettern, auf dem Hügel über den Plattenbauten. Wieso eigentlich? "Wir wollen die Menschen dazu anregen, sich mit diesem Ort auseinandersetzen", sagt Mühlberg. Und sie wollen beweisen, dass Marzahn Humor hat.

Denn wer behauptet, dass dieser Berliner Stadtteil einen schlechten Ruf habe – der untertreibt: Plattenbauten, Arbeitslosigkeit und die Wortschöpfung "sozialer Brennpunkt": Das ist alles, was den meisten zu Marzahn einfällt. Vermutlich waren bereits mehr Berliner in New York als hier. Die Frage lautet: Wenn man als Stadtteil dermaßen verschmäht wird – kann man’s dann nur noch mit Ironie versuchen?

Köber und Mühlberg sind zwei lustige, schlagfertige Frauen, 29 und 30 Jahre alt. Sie haben sich das Projekt mit dem Hollywood-Marzahn-Schild ausgedacht und es Marzahn Hills getauft. Gleich um die Ecke, in den Plattenbauten des Viertels, sind sie aufgewachsen. Früher spielten sie in den Hinterhöfen, klingelten bei Freunden. "Kommste runter?", das sei der Satz ihrer Kindheit gewesen, sagt Köber. Ihre Eltern machten sich keine Sorgen, das Leben war ruhig, fast wie im Dorf, obwohl hier in den letzten Jahren der DDR etwa 170.000 Menschen lebten. "Es war ein eigener Kosmos", sagt Köber. Wenn man ins Zentrum von Berlin fuhr, ging es in "die Stadt".

Köber und Mühlberg haben gerne in Marzahn gelebt. Aber irgendwann zogen sie weg. Warum? "Weil es zum Erwachsenwerden dazugehört, das Nest zu verlassen", sagt Köber. Sie arbeitet heute im Kommunikationsbereich an einer Berliner Kunsthochschule, Mühlberg als Assistentin im Filmgeschäft. Beide wohnen anderswo in Berlin. An Marzahn habe das nicht gelegen, betonen sie. Die Frage nach dem Warum – die mögen Köber und Mühlberg nicht besonders. Denn oft verberge sich dahinter ein Also-war-Marzahn-doch-nicht-so-toll. Und das stimme einfach nicht.

Irgendwann haben Köber und Mühlberg ihre Bekannten gefragt, was diese mit Marzahn denn so verbänden. "Eine Antwort war: Schon der Name Marzahn wirke schroff", sagt Köber. "Er erinnere an Frau Mahlzahn – das ist die Drachendame aus Jim Knopf, die nur einen langen Zahn im Maul hat und Kinder quält." Doch das Marzahn, das sie kennen, sei bunter: Es sei ruhig und laut, grün und grau – "ein lebenswerter Ort für Kinder". Und Marzahn sei stolz auf seine Superlative: Hier gebe es die ehemals "modernste Hochhaussiedlung Deutschlands"! Die "dritthöchste Erhebung Berlins"! Und mit dem S-Bahnhof Wuhletal den "einzigartigsten S-Bahnhof Deutschlands, der S- und U-Bahnhof auf einer Plattform vereint"! Sie lachen.

Mit den Hollywood-Schildern wollen Köber und Mühlberg also gewissermaßen den Super-Superlativ schaffen. Die Idee kam ihnen vor drei Jahren. Sie ist ironisch gemeint – aber wie jeder gute Witz enthält sie einen Hauch Wahrheit: Ist nicht auch L.A. ein Ort, an dem alles zusammentrifft – Enttäuschungen und Träume? Irgendwann riefen die beiden den Bezirksbürgermeister an. Die Sekretärin sei erst verdutzt gewesen. "Hier kann doch nicht jeder ein Wahrzeichen hinstellen", habe sie gesagt. Doch wenig später durften sie vorsprechen.