Der 4-Billionen-Dollar-Mann

Es sah nach einem Routineauftritt aus, als der Börsensender CNBC Mitte Juli zwei Wall-Street-Größen vor die Kamera bat. Auf der einen Seite: Carl Icahn, Multimilliardär und Hedgefonds-Veteran, 50 Jahre im Geschäft. Auf der anderen: Larry Fink, ebenfalls schwerreich und Chef von BlackRock, dem weltgrößten Vermögensverwalter. Doch anstatt unter Gleichen nett zu plaudern, lieferten sich Icahn und Fink einen knallharten Schlagabtausch, über den die Banker und Investoren an der Wall Street noch heute staunend sprechen.

BlackRock, sagte Icahn, sei eine Bedrohung für die globalen Finanzmärkte. Es komme ihm vor, als schiebe dessen Chef Fink einen Bus voller ahnungsloser Anleger über eine Klippe, bis sie an einem "black rock", einem schwarzen Felsen, zerschellten. Dann erklärte Icahn dem nach Luft schnappenden BlackRock-Boss: "Ihr Unternehmen ist extrem gefährlich!"

Dass ausgerechnet ein Hedgefonds-Manager so schrill vor einer anderen Finanzfirma warnt, ist an sich schon ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher ist, dass Larry Fink Ziel der Attacke ist. Solche Töne ist der nicht gewohnt. Sein Unternehmen ist der mächtigste Finanzkonzern der Welt. BlackRock verwaltet 4,7 Billionen Dollar, umgerechnet 4,3 Billionen Euro. Zum Vergleich: Der Wert aller in Deutschland produzierten Produkte und Dienstleistungen im Jahr 2014 lag bei 3,8 Billionen Dollar. Zudem überwachen und analysieren BlackRocks Experten über ihre Computer Tausende Portfolios im Auftrag von Großanlegern. Dabei geht es einer Schätzung zufolge um fünf Prozent aller Finanzwerte weltweit – also aller Aktien, Anleihen, Kreditbriefe, Derivate, Zertifikate und so weiter –, die auf den Rechnern eines einzigen Unternehmens analysiert werden: BlackRock.

Von einem unauffälligen Büroturm in Manhattan aus spinnen Fink und seine Manager ihre Fäden um den Globus – und legen das Geld ihrer Kunden in Unternehmen an, auf die sie dann Einfluss haben: BlackRock ist Großaktionär bei den Finanzriesen JPMorgan Chase, Bank of America und Citibank. Es hält maßgebliche Anteile an Rüstungs- und Ölkonzernen. Und natürlich kontrolliert BlackRock Aktien von Apple, McDonald’s und Nestlé.

Auch Deutschlands Firmenwelt gehört zu Finks Imperium. BlackRocks Fonds sind zusammen die größten Eigentümer der im Deutschen Aktienindex (Dax) gelisteten Unternehmen. Bei der Deutschen Bank und der Deutschen Börse gehören die New Yorker zu den mächtigsten Investoren, phasenweise hielten sie dort in den vergangenen Monaten rund sechs Prozent der Anteile. Selbst beim börsennotierten Mittelstand, etwa dem schwäbischen Modemacher Boss und der Wohnungsbaugesellschaft Deutsche Annington, sind sie gut vertreten.

Wenn also in Deutschland Autos vom Fließband rollen, amerikanische Forscher Medikamente entwickeln, Bergleute in Brasilien Erz abbauen oder Arbeiter in Malis Goldminen schuften, dann profitieren BlackRocks Fonds. Deren Kunden sind Pensionskassen, Stiftungen, Versicherungen und Staatsfonds, etwa die Pensionskasse der Londoner U-Bahn und Alaskas Ölfonds. Sie alle vertrauen BlackRock ihr Geld an, auf dass der Konzern es durch Anlagen in Wertpapieren, Immobilien, Fonds oder Farmland mehre.

Doch BlackRocks Einfluss geht über solche Beteiligungen hinaus: Fink und seine Leute beraten Finanzminister und Dutzende Notenbanken – darunter auch die Europäische Zentralbank. Kurz gesagt: Keine Regierung, keine Behörde hat einen so umfassenden und tiefen Einblick in die globale Finanz- und Firmenwelt wie BlackRock. Und diese Macht nennt der Starmanager Carl Icahn nun "sehr gefährlich".

Icahn könnte recht behalten, vor allem, weil BlackRock für viel mehr steht als für den Aufstieg eines einzelnen Unternehmens. Es steht für die wachsende Macht der Schattenbanken, jener Finanzinstitute, die sich außerhalb der Bankenregeln bewegen. Dazu zählen auch Vermögensverwalter wie BlackRock.

Begonnen hat BlackRocks Aufstieg 1988 in einem Hinterzimmer. Das Unternehmen startete als Nebengeschäft von Blackstone, einer Private-Equity-Gesellschaft. Solche Gesellschaften beteiligen sich an Unternehmen, um die Anteile nach einigen Jahren mit großem Gewinn abzustoßen. Fink sollte für die Firmenjäger das Geschäft mit Anleihen und Rentenpapieren aufbauen. 1994 gründete er mit sieben Mitstreitern eine von vielen kleinen New Yorker Investmentfirmen. Nichts sprach dafür, dass aus BlackRock in nicht einmal drei Jahrzehnten der größte Vermögensverwalter der Welt werden würde, ein Riese, der selbst die heute 125 Jahre alte Allianz im Bereich Geldverwaltung längst auf Platz zwei verdrängt hat.

Zu verdanken hat BlackRock diese spektakuläre Entwicklung ausgerechnet den düsteren Tagen der Finanzkrise. Fink war einer der Pioniere, die in den achtziger Jahren jene Hypothekenpapiere ausheckten, deren massenhafte Implosion 2008 in einer großen Finanzkrise gipfelte. Ihre Kenntnis und Erfahrung machten Fink und sein Team zu begehrten Experten für Investoren und Banker, die mit den komplexen Finanzinstrumenten und deren Auswirkungen überfordert waren. Von einer Klitsche wurde die BlackRock-Truppe zur ersten Adresse der Branche.

Schattenbanken sind nicht immer sofort als solche zu erkennen

Nicht nur Wall-Street-Vertreter klopften bei Fink an. Bald kamen Anrufe von der US-Notenbank, selbst US-Finanzminister Tim Geithner verkehrte regelmäßig mit dem BlackRock-Chef – per Vornamen. Das Unternehmen erhielt Aufträge von fast allen großen Zentralbanken der Euro-Zone, um die Bilanzen der ihnen unterstellten Kreditinstitute zu prüfen. Dabei profitierte BlackRock davon, dass es – anders als die Konkurrenz wie Goldman Sachs – einen sauberen Ruf genoss. Während kein Politiker oder Zentralbanker mehr öffentlich mit Bankern auf Du und Du stehen wollte, galten Fink und seine Truppe als Vertreter der Anlegerseite, quasi als Verbündete. Die "Guten" der Branche zu sein, das propagieren BlackRocks Vertreter nach Kräften. Bis heute geht Fink auf Distanz zur Bankenwelt: "Wir sind nicht Wall Street", sagte er in einem Interview.

Gleichzeitig profitiert das Unternehmen vom Rückzug der Banken aus vielen Geschäften. Zum einen zwangen Verluste und Abschreibungen die Finanzinstitute zur Schrumpfkur. Zum anderen sahen sich die Banker nach dem großen Knall strikteren Regeln gegenüber. Sie müssen nun mehr eigenes Kapital vorhalten als früher und dürfen nicht mehr so viel spekulieren. Während die Banken Hunderttausende Jobs strichen und Bereiche abstießen, ging Fink auf Einkaufstour.

2009 übernahm BlackRock den Fondsanbieter BGI von der britischen Barclays Bank. So wurde das Unternehmen über Nacht zum führenden Anbieter von sogenannten exchange-traded funds, zu Deutsch: börsennotierten Indexfonds. Diese ETFs investieren in Unternehmen eines ausgewählten Index – einem Wertpapierkorb aus Aktien oder Anleihen. Weil sie keinen Fondsmanager brauchen, ermöglichen sie es Kleinanlegern, sich ohne große Kosten an einer Vielzahl von Unternehmen zu beteiligen. An der Wall Street gelten sie als eines der wenigen boomenden Geschäfte: In knapp einem Jahrzehnt sind 2,7 Billionen Dollar in die neuartigen Fonds geflossen, eine Billion davon in BlackRocks ETF-Sparte.

BlackRocks schiere Größe macht das Unternehmen zur Ausnahmeerscheinung. Aber das Wachstum der Firma ist auch Teil eines Trends. Während sich Öffentlichkeit, Politiker und Aufseher nach der Krise darauf konzentrierten, die Banken zu bändigen, wuchsen die Finanzinstitute jenseits des klassischen Bankensektors, Schattenbanken wie BlackRock. Das Financial Stability Board (FSB), ein Gremium der 20 größten Wirtschaftsnationen, das nach der Katastrophe von 2008 gegründet wurde, definiert sie als Formen der "Kreditvermittlung, die außerhalb des regulären Bankensystems stattfinden". Sie unterliegen nicht den Regeln von Banken, die Zugang zur Zentralbank haben und Spareinlagen annehmen dürfen, für die eine staatliche Einlagensicherung geradesteht; die aber auch strenge Vorschriften erfüllen müssen.

Schattenbanken sind eine andere Quelle für Kapital. Hedgefonds zum Beispiel können Kredite gewähren oder für Unternehmen Anleihen begeben, die sich viele Gläubiger, die Anleihekäufer, teilen. Auch BlackRock-Fonds, die solche Anleihen halten, gehören zum Schattenbanksektor.

Das Kapital in Schattenbanken umfasst heute FSB-Berechnungen zufolge 75 Billionen Dollar. Der Betrag entspricht 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, das die in der FSB-Statistik erfassten Länder erwirtschaften. Von 2008 bis 2014 fiel der Anteil der klassischen Banken am Finanzgeschäft von 49 auf nur noch 45 Prozent. In den USA umfasste die dunkle Seite des Kapitalmarktes 2013 mit 25 Billionen Dollar sogar 5 Billionen mehr als der traditionelle Bankensektor. Ein Trend, der sich angesichts des Rückzugs der Banken verschärfen dürfte.

Das Gefährliche daran ist, dass das Finanzsystem weniger kontrollierbar wird. Schattenbanken sind nicht einmal für Aufseher immer sofort als solche zu erkennen. So galten Geldmarktfonds – Investmentfonds, die nur in kurzfristigen und sehr liquiden Wertpapieren anlegen – vor der Krise als bessere Sparkonten für Großanleger, als langweilig und sicher. Das änderte sich, nachdem die Investmentbank Lehman Brothers 2008 pleitegegangen war. Weil er in Lehman-Papieren investiert war, ging auch ein großer Geldmarktfonds bankrott; andere gerieten ins Wanken. Das bedrohte die gesamte Wirtschaft. Denn es stellte sich heraus, dass die langweiligen Fonds eine entscheidende Rolle als Finanziers für Unternehmen in allen Branchen spielten. Derart brisant war der drohende Ausfall dieser billionenschweren Schattenbanken, dass er gar Konzerne wie General Electric in Finanzierungsnot gebracht hätte.

Kritiker wie Alt-Investor Icahn befürchten, dass sich ähnliche Kettenreaktionen auch in anderen Bereichen ereignen könnten. So etwa in dem auf hochgerechnet 1,5 Billionen Dollar angeschwollenen US-Markt für Unternehmensanleihen mit schlechtester Kreditbewertung. Seine Hauptkritik im TV-Duell mit Fink galt in diesem Zusammenhang den BlackRock-Anleihe-ETFs. BlackRock-Chef Fink sieht sich zu Unrecht am Pranger. "Total falsch" sei Icahns Warnung. Die ETFs trügen zur Transparenz des Marktes bei und machten ihn sicherer. Auch in Interviews besteht er regelmäßig darauf, kein Risiko für das Finanzsystem darzustellen. BlackRock lege lediglich das Geld seiner Kunden an.

Viele Bankenregulierer sind nervös

Tatsächlich tragen Verluste bei den Anlagen BlackRocks die Investoren. Im Gegensatz zu Banken riskieren die Vermögensverwalter auch keine staatlich garantierten Einlagen. Und sie finanzieren anders als die Pleitebank Lehman nicht einen Großteil der Anlagen über Schulden.

Die neuen Herren des Geldes schüren dennoch Risiken für die Allgemeinheit. Denn Geldverwalter wie BlackRock wollen stets besser abschneiden als ihre Wettbewerber. Keiner will der Letzte sein, wenn es darum geht, verlustreiche Aktien abzustoßen. Das kann im ungünstigsten Fall zu einer Verkaufswelle führen, die sich verselbstständigt und die Preise der Wertpapiere einbrechen lässt. Wie bei den Hypothekenpapieren, wie bei den Geldmarktfonds. Auch ein angeschlagener Vermögensverwalter könnte einen solchen fire sale ausbrechen lassen. Weil er Anleihen, Aktien, Rohstoffe schnell abstoßen muss, wenn Investoren aus Angst ihr Geld zurückwollen. Das kann eine Kaskade von Verkäufen auslösen – vor allem, wenn ein großer Spieler wie BlackRock involviert ist. Ähnlich sieht es mit der Gefahr des Herdentriebs aus, die das Washingtoner Office of Financial Research konstatierte, eine Art Sturmwarnungsbehörde für die Finanzbranche. Dieser Trieb lasse alle in die gleiche Richtung rennen, weil sie die gleichen Anlagen haben wollten, was Preise in die Höhe treiben und Spekulationsblasen aufpumpen könnte.

BlackRock will davon nichts wissen. Gegenüber der ZEIT erklärt das Unternehmen, auflaufende Verluste und Schwankungen des Marktes könnten nicht automatisch zu einem Massenrückzug von Anlegern und einem fire sale führen. Doch selbst die Investorenlegende Bill Gross, jahrzehntelang an der Spitze des BlackRock-Rivalen Pimco, warnte kürzlich in einem Brief an Investoren, neue Regeln hätten die Banken zwar sicherer gemacht, aber die Risiken seien in einen anderen Teil des Finanzsystems gewandert. Und Schattenbanken müssten im Gegensatz zu Banken nicht einmal Reserven für Notfälle bereithalten.

Auch viele Regulierer sind nervös. Eine der wenigen konkreteren Überlegungen besteht darin, große Vermögensverwalter wie BlackRock als "relevant für das Finanzsystem" einzustufen. Die Konzerne wären dann mit einer Art Gefahrenaufkleber versehen und besonderer Aufsicht unterworfen. Dagegen hat BlackRock schnell seine Lobbyisten mobilgemacht. Inzwischen scheint der Vorschlag nicht nur in Washington, sondern auch beim FSB vom Tisch zu sein. BlackRock erklärte auf Anfrage der ZEIT , um eine Systemkrise zu verhindern, sei ein Regulierungsansatz, der sich auf einzelne Anlageprodukte beziehe, besser geeignet als die Regulierung einzelner Unternehmen.

Als vor fast sieben Jahren die Hypothekenkrise im Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers gipfelte, schien das der Höhepunkt und gleichzeitig das Ende der Dominanz des angelsächsischen Finanzkapitalismus. Doch der Aufstieg BlackRocks macht klar, dass es lediglich der Beginn eines neuen Kapitels war.