Der lange Atem, der in ein aktives Leben mit Musik führt, beginnt meist mit einem kurzen Stück Holz. Das Ding kostet heute nur ein paar Euro und gilt als kindgerechte, ergonomisch tadellose Einstiegshilfe in die Welt der Instrumentalmusik. Doch in den meisten Fällen landet es früher oder später wieder in der Schublade. Dort nimmt es wenig Platz weg und wird nicht selten vergessen. Blockflöten mögen einen beträchtlichen pädagogischen Mehrwert besitzen: Schön klingen sie erst, wenn Könner sie spielen. Dann wird aus dem profanen Pusten und Prusten ein gottgefälliges Hauchen, Pfeifen, Flüstern, Lispeln, Trompeten, Posaunen, Brummen und Schnäbeln. Die unscheinbare Blockflöte kann fast alles, sie ist so wandlungsfähig wie die menschliche Stimme.

Vor allem wenn Dorothee Oberlinger sie spielt. Die 1969 in Aachen in eine Pfarrersfamilie geborene und im Hunsrück aufgewachsene Künstlerin spielt Blockflöte wie eine Süchtige, immerzu Verliebte. Und genau so erzählt sie auch von ihrem Instrument und ihrer Passion. Sie krallt sich Georg Friedrich Händel und tanzt mit ihm eine Nacht durch; sie schäkert mit Antonio Vivaldi und gibt ihm Küsse, die eine endlose Koloratur lang dauern; Telemann fühlt sie den Puls, und in Bachs Brandenburgischen Konzerten ist sie der Silberstreif über dem unschuldigen Streicherklang. "Bachs Musik verkörpert für mich Gnade", sagt sie, "manchmal kommen seine Töne geradewegs von einem anderen Stern." Oberlinger sitzt auf dem Sofa ihrer Kölner Wohnung am Rudolfplatz, im Nachbarzimmer turnt Söhnchen David herum. Doch den muss jetzt der Vater bändigen, denn die Mutter ist gerade gedanklich beim großen Johann Sebastian, kein leichtes Thema, aber ein ergiebiges.

Wer über die Kindheit hinaus Blockflöte spielt, bleibt nicht aus Verlegenheit oder Not bei ihr hängen. Das hölzerne Instrument verlangt nach einem Bekenntnis, gerade weil fast jeder damit so seine Erfahrungen gemacht hat und das eigene Unvermögen gerne projiziert. Dorothee Oberlinger ist eine solche Bekenntnismusikerin, rasch hat sie die erste musikalische Liebe ihres Lebens zu ihrer einzigen erkoren. Moderne Querflöte, das wäre nichts für sie. Die liegt nicht so günstig in den Händen, ist aus Metall, mit vielen Klappen, und hat meist im Orchester zu tun. Die Blockflöte hingegen wird zum glitzernden Solitär, wenn Dorothee Oberlinger sie ergreift, zu einem Geigerzähler für verborgene Kostbarkeiten. In einer vermeintlich belanglosen Sonate von Sammartini etwa spürt die Künstlerin einen langsamen Satz auf, in dessen hintergründige Schönheit sie sich rettungslos versenkt. Oder sie lässt – wie auf ihrer neuen CD The Passion of Musick – ein beinahe schlangenbeschwörerisches Stück namens Stingo aus dem England des 17. Jahrhunderts herüberwehen, das ihr Musizierkollege, der Gambist Vittorio Ghielmi, in einer Tanzsammlung des Musikverlegers John Playford gefunden hat. Und das elegische Parson’s Farewell dringt förmlich in mystische Bereiche ein: Was für eine fantastische, mit heißem und kaltem Atem belüftete Szenerie!

Bei The Passion of Musick handelt es sich um ein neu konzipiertes Programm mit offensiv folkloristischer, keltischer Tendenz. Wie da vieles mit vielem zusammenkommt, Schottland und Irland, wie Musik aus der Gebrauchs- in die Kunstsphäre übersiedelt, das ist fabelhaft. Und wenn am Ende Henry Purcell mit seinem Tanz für ein chinesisches Ehepaar im Dreivierteltakt das heitere Schlusswort spricht, ist die Welt "rund und vollkommen in Ordnung". Dieses Gefühl, sagt Oberlinger, stelle sich bei ihr immer dann ein, "wenn die Musik in mein Herz trifft". Dafür allerdings müsse der musikalische Gehalt stimmen: "Es darf nicht alles nur Nachtisch sein."

In der Branche gilt Dorothee Oberlinger als Primadonna ihres Instruments, die es bei aller Ernsthaftigkeit zu Prominenz gebracht hat; 2008 gewann sie den Echo Klassik. Doch für Allüren hat sie weder Sinn noch Zeit. Oberlinger versteht sich vielmehr als Teamplayer, der sich um die Atmosphäre in dem von ihr gegründeten Ensemble 1700 kümmert. Denn ohne Mitstreiter kommt die zarte Blockflöte kaum über die Runden. Gemeinsam macht es ohnehin mehr Spaß, der Barockmusik alles Meterwarenhafte auszutreiben. Ihre gründlich ersonnene, aber stets spontan wirkende Lust an der klanglichen Variation, der rhetorischen Finte und der zierlichen Sensation hat Dorothee Oberlinger weit nach vorn gebracht: Seit 2004 leitet sie als Professorin am Salzburger Mozarteum das Institut für Alte Musik. Seit 2009 verantwortet sie die Arolser Barockfestspiele.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

Die Vorstellung, die der durchschnittliche Musikliebhaber von einer Flöte spielenden Barockspezialistin haben dürfte, stößt bei Oberlinger rasch an Grenzen. Die Künstlerin hat nichts Verstaubtes, nichts von einem Bücher- oder Autografenwurm. Sie ist so erfrischend geblieben, wie ihre Interpretationen klingen – und wer ihr begegnet, könnte sie vom Augenschein her eher für eine Leistungssportlerin halten, eine Hochspringerin vielleicht.