Von Bad Aibling aus hatte die NSA im Kalten Krieg ihre Abhörantennen gen Osten gerichtet. Nach dem Fall der Mauer änderten sich die Zielvorgaben; nun galt das Interesse der NSA den Krisengebieten in aller Welt. Aber würde eine amerikanische Abhörstation auf deutschem Boden nicht ein Quell ständiger Irritation im bilateralen Verhältnis sein? Bei August Hanning stieß Hayden auf offene Ohren mit seiner Idee, die Anlage den Deutschen zu übergeben. Die Politik stimmte zu. "Also schlossen wir Bad Aibling", so Hayden.

Nicht ganz. Eine kleine Truppe amerikanischer Abhörspezialisten genoss weiterhin den Blick auf die Berge. Ein im Jahr 2002 vereinbartes Memorandum of Agreement regelte die Zusammenarbeit zwischen den Diensten. Sein Kern: Von Bad Aibling aus dürfen keine deutschen Bürger belauscht werden. Und informell einigte man sich auch darauf, dass keine deutschen Interessen verletzt werden sollten. Was genau damit gemeint war, ist bis heute unklar. Die Amerikaner jedenfalls verstießen in den Folgejahren aus deutscher Sicht massiv gegen Buchstaben und Geist der Vereinbarung.

In Bad Aibling gründeten BND und NSA eine sogenannte Joint Sigint Activity: Gemeinsam fangen sie per Satellit übertragene Signale aus dem Weltall ab. Praktisch muss man sich die bis heute andauernde Kooperation so vorstellen: Mehrfach täglich schickt die NSA neue Suchbegriffe, sogenannte Selektoren, nach Bad Aibling. Dort werden sie von amerikanischen Verbindungsleuten auf einen speziellen Server geladen. BND-Mitarbeiter leiten die Daten dann nach Pullach weiter, wo auch nach dem Umzug des BND in die Hauptstadt Berlin die Abteilung Technische Aufklärung (TA) geblieben ist. In Pullach nun prüfen die TA-Spezialisten die amerikanischen Selektoren; die Suchbegriffe werden in einem dreistufigen Filterprogramm "sanitarisiert", wie das der BND nennt, also auf rechtliche Unbedenklichkeit geprüft. Bei den Selektoren kann es sich um E-Mail-Adressen handeln, um Telefonnummern oder um IP-Adressen. Manchmal enthalten sie Klarnamen, manchmal ist auch für Experten kaum zu erkennen, wen oder was die Amerikaner ausspionieren wollen.

Über die Jahre ist das in Bad Aibling eingespeiste Suchprofil, also die Gesamtheit aller Selektoren der NSA, auf etwa 8,2 Millionen Begriffe angewachsen, schätzt Konstantin von Notz, Obmann der Grünen im NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages.

Wie jüngste Enthüllungen zeigen, hielten sich die Amerikaner nicht an die Zusagen von 2002; sie hörten mithilfe des BND nicht nur vereinbarungsgemäß Terroristen in Afghanistan oder im Mittleren Osten ab, sondern sie spürten auch europäischen Politikern, Spitzenbeamten und Unternehmen nach. Damit verletzten sie das Memorandum of Agreement. Wieder einmal tat sich ein großer Graben auf: Die Deutschen pochen auf die Einhaltung von Regeln, die Amerikaner übergehen sie großzügig, wenn sie ihnen im Wege stehen.

Das Abkommen war obendrein Grundlage einer weiteren Kooperation. Zwischen 2004 und 2008 spähte der BND für die Amerikaner auch das deutsche Kabelnetz aus, und zwar am "Frankfurter Knoten", einem der wichtigsten Internetverbindungspunkte der Welt. Auch dafür übermittelte die NSA massenhaft Suchbegriffe.

"Die Amerikaner zeigten uns, wie man die Kabel anzapft, im Gegenzug lieferten wir ihnen Daten", sagt Ernst Uhrlau, zu jener Zeit der Leiter der Abteilung VI im Kanzleramt und danach, von 2005 bis Ende 2011, Chef des BND. Die Frankfurter Operation hieß "Eikonal", so bezeichnen Physiker die Strecke eines Lichtstrahls. Die Telekom als Betreiberin des Netzes erhob allerdings rechtliche Bedenken. Daraufhin schrieb Uhrlau Ende Dezember 2003 einen Brief an die Telefongesellschaft, wonach das Kanzleramt die Maßnahme für rechtlich zulässig halte. Der damalige Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier, sagt Uhrlau der ZEIT, sei "inhaltlich unterrichtet gewesen, dass es ein Schreiben an die Telekom gegeben hat". Von einem "Freibrief" spricht Konstantin von Notz. "Dieser Brief ist ein Megaskandal, weil sich das Kanzleramt damit über das geltende Recht und die Verfassung hinweggesetzt hat", empört sich der Abgeordnete.

Was die Telekom offenbar nicht wusste: Der BND sollte auch im Auftrag der NSA abhören. Und was der BND wiederum den Amerikanern vorenthielt: Europäer sollten nicht ausgespäht werden, denn das hätte gegen deutsche Interessen verstoßen. Folglich sortierte der BND entsprechende Suchbegriffe der Amerikaner aus. Irgendwann jedoch merkte die NSA, dass sie nicht wunschgemäß bedient wurde, und bat um einen ungefilterten Zugang zum Kabelnetz. Doch der damalige Kanzleramtschef Thomas de Maizière lehnte das Begehren ab.

Die NSA war nicht amüsiert. 2008 zogen sich die Amerikaner frustriert vom Frankfurter Knoten zurück. Wieder einmal war das deutsche Pochen auf Gesetze stärker als das gemeinsame Interesse.

Und doch brauchen BND und NSA einander. Finanziell und technisch ist der amerikanische Geheimdienst dem deutschen weit überlegen. "Nach 9/11 haben die USA ihre Dienste technisch so aufgerüstet, dass sie Schritt halten konnten mit der Digitalisierung der Gesellschaft", sagt Christian Flisek, SPD-Obmann im NSA-Untersuchungsausschuss. Heute wanderten technisch versierte Mitarbeiter zwischen den IT-Firmen und den Geheimdiensten hin und her. Die Deutschen haben zweierlei zu bieten: eine für das Abhören bestens geeignete geografische Lage im Herzen Europas und Verbindungen in manche Länder, in denen die Amerikaner kaum oder nicht präsent sind. Ganz besonders in Russland profitiert die NSA vom Wissen des BND.

5. In Deutschland bleibt kein Geheimnis geheim

Beiden Regierungen ist eine enge Zusammenarbeit ihrer Nachrichtendienste wichtig. Am liebsten würden sie darum die NSA-Affäre hinter sich lassen. Wenn das so einfach ginge.

Auf dem G-7-Gipfel im bayerischen Elmau im Juni sparte man das Thema aus. Stattdessen demonstrierten Obama und Merkel pure Harmonie. Doch dann hagelte wieder ein neuer Abhörskandal dazwischen, und der Ärger begann aufs Neue.

So ging es auch im Frühjahr 2015 zu. Da erfahren wir: Jahrelang hat der BND für die NSA in Bad Aibling wohl auch europäische Ziele ausspioniert. Überdies: Die Liste unzulässiger Suchbegriffe, die der BND bereits nach eigener Prüfung aussortiert hat, umfasst knapp 40.000 Selektoren.

Der Bundestag will nun Klarheit. Der NSA-Untersuchungsausschuss verlangt, die Liste einzusehen. Die Regierung aber erklärt, das gehe nur mit Zustimmung der Amerikaner.