Claus Hipp zu treffen ist, als würde man einen alten Bekannten besuchen. Man hat ungezählte Male in Werbespots erlebt, wie er über saftige Wiesen und goldgelbe Äcker spaziert. Wie er im Trachtenjanker von Nachhaltigkeit schwärmt und den Satz sagt, der ihn und sein Unternehmen verbindet: "Dafür stehe ich mit meinem Namen." Wie gefangen der Unternehmer in dieser Rolle ist, das erfährt man erst im Gespräch. Claus Hipp ist 76 Jahre alt und dabei, die Führung seines Unternehmens an seine Kinder zu übergeben. Jetzt muss er die Menschen an ein neues Gesicht gewöhnen. Und er führt eine Art Doppelleben: Unter seinem Geburtsnamen Nikolaus Hipp malt er Bilder, in denen viele Farben zu abstrakten Formen verschwimmen. Diese Explosionen mag man ihm gar nicht zutrauen: Der Senior spricht so ruhig wie jemand, der das Feld bestellt hat.

DIE ZEIT: Herr Hipp, an der Wand hängen Ihre Bilder, vor Ihnen liegt Ihr Buch Kompendium für Kunststudenten. Wo ist der Babybrei?

Claus Hipp: Hipp bietet weit mehr als Babybrei. Aber das Unternehmen ist nur ein Teil meines Lebens. Und dort arbeiten Menschen, die vieles besser können als ich. Deswegen bin ich in der Lage, auch viele andere Dinge machen zu können.

ZEIT: Wie schwer fällt es, zwischen den Rollen als Künstler und Unternehmer zu wechseln?

Hipp: Ganz gleich wo – ich bin überall ganz ich, ob ich in Pfaffenhofen am Schreibtisch sitze oder in meinem Atelier in einem verlassenen Forsthaus im Wald an der Leinwand stehe.

ZEIT: Sie stehen so persönlich für Ihre Marke ein wie kaum ein anderer Unternehmer. Worauf haben Sie dieser Rolle zuliebe verzichtet?

Hipp: Die Bekanntheit ist eine Verpflichtung, ich bin kein Privatmann, der tun kann, was ihm gefällt. Würde ich wie ein Rowdy Auto fahren, würde das der Firma schaden. Und als ich mir endlich wirtschaftlich einen Porsche leisten konnte, konnte ich ihn mir vom Image her nicht mehr leisten.

ZEIT: Sind Natur und Nachhaltigkeit für Hipp vor allem gute Verkaufsargumente?

Hipp: Nein, dahinter steht Überzeugung. Meine Mutter hat mich in der Verantwortung zur Schöpfung erzogen. Später wurde ein Wegbereiter des organisch-biologischen Landbaus mein Mentor.

ZEIT: Sie wurden 1938 geboren. Wie haben Sie den Zweiten Weltkrieg erlebt?

Hipp: In meiner Erinnerung sind Fliegerangriffe, der Geruch verbrannter Häuser, Schutthaufen in den Straßen und mein Onkel, der ins KZ Dachau kam, weil er sich mit den Nazis angelegt hatte. Und ich erinnere mich an die Flüchtlinge in den Baracken, denen meine Mutter Essen gebracht hat.

ZEIT: Wie sehr hat Sie diese Zeit geprägt?

Hipp: Dass unsere Familie in solch einer schwierigen Zeit Haltung bewahrte, hat mir geholfen, auch später Anfeindungen auszuhalten – etwa von Menschen, die von unserem Konzept des Ökolandbaus nichts gehalten haben. Mein Vater Georg hat uns immer vorgelebt, dass wir uns an den Werten und nicht an anderen Leuten orientieren sollen.

ZEIT: Ihr Vater hat eine Konditorei mit Bauernhof in den ersten industriellen Hersteller von Säuglingsnahrung verwandelt. Wie hat er aus Ihnen einen Unternehmer gemacht?

Hipp: Er hat mich streng erzogen, das habe ich gebraucht. Und er hat mir früh Verantwortung übertragen: Mit 16 durfte ich den Hof leiten und musste unseren Verwalter entlassen, weil er ihn nicht so biologisch führen wollte wie ich.

ZEIT: Damals war Bio eben ungewöhnlich.

Hipp: Viele sahen in mir einen Spinner, aber ich war überzeugt, dass dem ökologischen Landbau die Zukunft gehört. Ich hatte recht: Viele Großbauern, die gegen Bio waren, gibt es heute nicht mehr.

ZEIT: Als Sie 29 waren, starb Ihr Vater plötzlich. Waren Sie überhaupt reif dafür, das Unternehmen ganz zu übernehmen?

Hipp: Wie mein Vater tot dagelegen ist, da war mir sofort klar, dass ich weitermachen muss. Wenn Sie Kinder zur Selbstständigkeit erziehen, dann kommen sie über solche Situationen hinweg.

ZEIT: Und über spätere Durststrecken?

Hipp: Als mein Vater gestorben ist, wollten viele Mitbewerber die Firma kaufen. Wir waren angreifbar – trotzdem habe ich Nein gesagt. In den 1990er Jahren hatten wir unsere schwerste Krise, weil wir uns mit unserem wichtigsten Kunden nicht einig wurden. Da fehlten uns dann 20 Prozent Umsatz.

ZEIT: Der Drogerie-Discounter Schlecker nahm Ihre Produkte damals aus dem Sortiment, weil Sie bei den Preisen nicht nachgeben wollten.

Hipp: Das war eine harte Zeit, wir mussten Hunderte Stellen streichen. Aber es war richtig: Zwei Jahre später konnte Schlecker nicht mehr ohne uns.

ZEIT: Ihr Bruder Georg war bis 2010 in der Geschäftsführung, ihr Bruder Paulus ist es noch heute. Haben Sie den beiden manchmal nachgegeben?

Hipp: Oft habe ich eingelenkt. Sonst könnte ich mich nicht durchsetzen, wenn ich mal auf einer Sache bestehe. Einige in der Familie waren zum Beispiel dagegen, so radikal auf Biolandbau zu setzen. Da habe ich nicht mit mir reden lassen.