Compton. Man hört das Wort, und sofort stellen sich Bilder ein. Verkommene Straßen. Billige Häuser mit verbranntem Rasen im Vorgarten, Bullterrier, die im Hinterhof bellen. Jugendliche mit Halstüchern in den Farben ihrer Gangs. Compton, ein Vorort im Südosten von Los Angeles, galt als Kulisse für den amerikanischen Albtraum. Rassenunruhen, rivalisierende Banden, Crack – bis in die frühen nuller Jahre war der Ort das Schreckgespenst von Politikern und Soziologen. Was alles schiefgehen konnte im Schmelztiegel Amerika, hier war es schiefgegangen.

Heute sehen die Statistiken anders aus: 30-prozentiger Rückgang der Gewaltverbrechen, 80 Prozent bei Diebstählen, immenser wirtschaftlicher Aufschwung. Aber im Kollektivgedächtnis der globalen Konsumentengemeinde wird Compton eine Welt im Ausnahmezustand bleiben, mit Drive-by-Shootings und Dealern an jeder Ecke. Dafür wird auch der Film Straight Outta Compton sorgen, die Geschichte von fünf Männern, die 1988 ein epochales Rap-Album aufnahmen. Das Produktionsbudget belief sich auf 30.000 Dollar, Drogengeld, das Eazy-E, ein Mitglied der Gruppe, beschafft hatte. Die Texte stammten von O’Shea Jackson, der später als Ice Cube erst Pop-, dann Filmkarriere machen sollte. Den Sound kreierte ein gewisser Andre Young: schwer federnde Jazzbeats, funkig raspelnde Gitarren und dazwischen Fiepsen, als drehte man einer Polizeisirene den Saft ab.

Fuck Tha Police heißt der berühmteste Song, keine Radiostation wollte ihn damals spielen, MTV lehnte die Ausstrahlung des Videos ab. Und doch wurde das Stück zum Hit: Alle wollten hören, wie N.W.A, die "Niggaz with Attitudes", mit der Polizei umspringen. "Beat a police out of shape and when I’m finished bring the yellow tape" – "Ich hau einen Bullen zu Brei, und wenn ich fertig bin, hol ein Absperrband". Durch den Song geriet die Gruppe ins Visier des FBI. Was für eine Reklame.

Aus Andre Young wurde Dr. Dre, der reichste Musikproduzent der Welt. Geschätztes Vermögen: 800 Millionen Dollar. Letztes Jahr verkaufte er seine Kopfhörerfirma Beats für 3 Milliarden Dollar an Apple, seitdem wird er in Amerika vor allem als Entrepreneur gesehen. An Highschools in Compton gibt es heute Wirtschaftskurse mit dem Titel "Dre 101". Teenager tragen Dr-Dre-T-Shirts, nicht mehr mit dem Aufdruck "Most dangerous Group in the World", dem damaligen Werbeslogan von N.W.A., sondern mit "Compton’s First Black Billionaire". Der Afroamerikaner Andre Young hatte eine Haltung, sie war stramm kapitalistisch, und wenn, wie Warhol sagt, die größte Kunst die des Geldverdienens ist, dann ist Young einer der größten Künstler der Popmoderne. Seine Musik hat Generationen inspiriert, sicher, aber die Welt gezeichnet hat er mit jenem kleinen "b", das auf den Kopfhörern prangt. Von den weißen Nerds aus der Google-Zentrale bis zum Fußballprofi aus Deutschland: alle gebrandmarkt mit seiner Geschäftsidee.

Vielleicht befremdet es ihn deshalb selbst ein wenig, wie seine Vergangenheit ihn einholt als Kino-Glorifizierung einer Ära, die Schießereien, Gruppensex und Frauenhass als thematische Standards für Rapsongs etablierte. Und vermutlich wundert sich Amerika darüber, wie gut diese Stücke über rassistische Cops und Gewalt gegen schwarze Teenager zur gegenwärtigen Lage passen, zum Lynchmord in Charleston, zu den Übergriffen in Ferguson, Baltimore und Florida.

Weil Hip-Hop ein aggressives Medium ist und Innovation grundsätzlich als Wettbewerb versteht, hat Dr. Dre sich in den Verteilungskampf um Chartsplätze eingemischt und eine neue Platte vorgelegt. "Vom Film inspiriert", heißt es offiziell, aber vermutlich war der Film einfach eine gute Gelegenheit, wieder selbst in Erscheinung zu treten als musikalischer Protagonist. Dre ist ein furioser Produzent, er hat Snoop Dogg entdeckt, 50 Cent, Eminem, zuletzt Kendrick Lamar, die vielleicht stilprägendsten Rapper der letzten 20 Jahre. Aber sein lang angekündigtes Album Detox war so oft verschoben worden, dass es zum Fetisch wurde – gerade dank seiner Abwesenheit.

Jetzt also Compton, eine 15 Songs umfassende, düstere Besichtigung der Verhältnisse. In den Texten geht es wieder um Polizeigewalt, um Rassismus und Armut. Die Hip-Hop-üblichen Apotheosen des kapitalistischen Siegers einschließlich Sixpack, Bentley und Whirlpool-Gespielin fehlen gänzlich. Klanglich ist das Ganze eine Neufassung des N.W.A.-Stils, mal schrammelnd, sägend, mit dräuenden Pianos und Bässen, so tief, als wummerten sie aus der San-Andreas-Spalte herauf. Und dann wieder soulige Lässigkeit und Eleganz. Dr. Dre ist in seiner eigenen Postmoderne angekommen und legt sich nun selber aus, mit noch komplexeren Beats, noch raffinierteren Sounds.

Und was wird aus Compton? Der Produzent hat seine Villa in den Hollywood Hills verkauft, es heißt, er wolle zurückkehren. An jenen Ort, den er vor 27 Jahren mitgeschaffen hat.