Quatschen, sagt Lutz Wreide, ist Bewältigung, und deshalb unterhalten sich die Leute in Drage gerade, sooft sie können. Sie beugen sich über die Hecken und flüstern sich Gerüchte zu. Sie stehen auf den Feldwegen beisammen und erzählen sich, was sie über der Hecke gehört haben, oder sitzen auf den Bänken am Spielplatz und tauschen aus, was sie alles wissen – und was sie alles nicht wissen. Über die Schulzes, über Vater Marco, Mutter Sylvia und Miriam, die Tochter, zwölf Jahre alt.

Immer geht es um das Loch, das vor drei Wochen in ihre Dorfgemeinschaft gerissen wurde. Als drei Menschen einfach aus Drage verschwanden und mit ihnen die Gewissheit, über Leben und Tod, über Abkehr und Heimkehr, über Verrat und Verzweifeln, und als stattdessen dieses große Vielleicht Einzug hielt: Vielleicht kommen sie wieder. Vielleicht sollten wir nach Verstecken suchen und nicht nach Leichen. Vielleicht gibt es für alles eine ganz harmlose Erklärung. Vielleicht dürfen wir weiter hoffen.

Aber die Hoffnung, sagt Lutz Wreide, "die Hoffnung ist das Schlimmste".

Lutz Wreide, 46, hofft seit acht Jahren. Damals verschwand schon einmal ein Mensch aus Drage, dem Dorf in der Nähe von Winsen: der damals 28-jährige Helge M. Von einem Tag auf den anderen war er fort, wie aus dem Leben gerissen und vielleicht ist er ja doch noch am Leben, das weiß keiner. Helge M. war ein guter Freund von Lutz Wreide. Nun, acht Jahre später, sitzt Wreide auf der Veranda seines Fachwerkhauses in Drage, in dem schon seine Eltern und seine Großeltern wohnten, und raucht und verscheucht Fliegen und sagt: "Die entscheidenden Informationen für das Warum fehlen. Das zermürbt uns."

Vielleicht meint er damit Helge M. oder vielleicht auch die Schulzes, von denen zwei bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe am Dienstag immer noch unauffindbar waren und vielleicht ja noch am Leben sind. Immer wieder: vielleicht. Damit müssen sie jetzt klarkommen in Drage. Nur wie?

Anfangs wurde vermutet, Schulzes seien in Urlaub

In Deutschland gelten 4000 Erwachsene als vermisst, dazu gut 2500 Kinder und Jugendliche. Jeden Tag werden beim Bundeskriminalamt bis zu 300 Menschen zur Fahndung ausgeschrieben – und gleichzeitig genauso viele wiedergefunden. Das heißt: Die meisten tauchen schnell wieder auf. Etwa die Hälfte aller Vermisstenfälle klärt sich binnen einer Woche, innerhalb eines Monats können 80 Prozent aufgeklärt werden.

Aber drei Prozent der Vermissten sind auch nach einem Jahr noch verschwunden. Für die Angehörigen heißt das ein Jahr bohrende Ungewissheit. Doch es geht noch schlimmer: In der Datei "Vermisste / Unbekannte Tote", in der das Bundeskriminalamt alle Vermisstenmeldungen sammelt, werden sogar Menschen geführt, die seit 30 Jahren verschwunden sind. Solange ein Verschwundener nicht tot aufgefunden wird, ist er verschwunden. Wie hält eine Gemeinschaft das aus?

Uwe Harden, der Bürgermeister von Drage, sagt: "Wir können nicht einfach weitermachen, ohne einen Abschluss." Die Hamburger Psychotherapeutin Monika Deininger, Expertin für den Umgang mit plötzlichem Verlust und Suiziden, sagt: "Freunden und Verwandten droht ein langes Hin und Her zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Viele bleiben darin stecken."

Der Kriminalfall der Familie Schulze beginnt an einem Donnerstag vor drei Wochen. Am 23. Juli, morgens um 7.30 Uhr, fährt Marco Schulze im grauen Dacia Sandero seiner Frau die Elbstorfer Straße entlang. In Stove, vier Kilometer vom Haus der Familie entfernt, wird der 41-Jährige das letzte Mal gesehen. Schulze fährt noch vorbei an einer Pferdekoppel, um die er sich früher gekümmert haben soll, fährt vorbei am Kindergarten und an der Freiwilligen Feuerwehr. Dann biegt er links ab ins Neubaugebiet und parkt das Auto in der Hauseinfahrt neben seinem grünen Opel Astra. Hier verliert sich die Spur zu Marco Schulze.

Am Freitag wird die Familie in einer Polizeiwache in Winsen an der Luhe, zehn Kilometer entfernt vom Wohnort, als vermisst gemeldet. Die Hinweise seien aus dem Arbeitsumfeld der Eltern gekommen, heißt es von der Polizei. Noch am selben Tag fahren Beamte zum Haus der Familie. Die Fenster sind gekippt, drinnen die Katzen Bruno und Hannah. Schnell finden die Polizisten die Personalausweise und Reisepässe der Familie, ihre Handys. Alles ist da, nur von den Schulzes keine Spur.