DIE ZEIT: Dies sind Nachrichten aus Sachsen im Sommer 2015: In Dresden wird ein Buttersäure-Anschlag auf eine künftige Asylbewerberunterkunft verübt, beim Aufbau eines Flüchtlingscamps werden DRK-Mitarbeiter angegriffen. Und Ärzte sprechen von einer "humanitären Katastrophe", die sich dort ereigne. Wo, Frau Köpping, sind wir hier eigentlich?

Petra Köpping: Wir sind in einer sehr schwierigen Situation. In anderen Bundesländern gibt es ein gewisses Grundverständnis für Flüchtlinge. Klar, wenn es anderswo heißt: "Wir brauchen ein neues Asylbewerberheim", dann jubeln die Anwohner auch nicht unbedingt. Aber sie verstehen es. In Sachsen erleben wir teilweise den blanken Hass. Das muss man deutlich so sagen. Was uns von anderen Ländern unterscheidet, ist die Meinungsbildung. Sätze wie "Irgendwo müssen die Menschen doch bleiben" oder "Ich war 1989 selbst Flüchtling", solche Kommentare würde ich bei uns gern öfter hören. In Sachsen höre ich leider zu viele Stimmen, die Flüchtlinge total ablehnen. Ich saß bisweilen in Veranstaltungen und habe gefragt: Wie sähe denn Ihr Lösungsvorschlag aus? "Mauer hochziehen", kam als Antwort. Das erschreckt mich.

ZEIT: Ist es wirklich so, dass wir mit der Zahl an Flüchtlingen überfordert sind?

Köpping: In Sachsen lebten 1990 insgesamt 4,7 Millionen Menschen. Heute sind es 700.000 weniger. Jetzt soll es ein unlösbares Problem sein, 30.000 Menschen aufzunehmen? Das kann nicht sein. Wir können das logistisch packen.

ZEIT: Die Vorfälle in Dresden zeigen ein anderes Bild: Innerhalb eines Tages musste dort ein Zeltcamp für 1100 Menschen entstehen, es soll anfangs an Toiletten und sogar an Babynahrung gefehlt haben, berichten Helfer. Beteiligte Ärzte bezeichneten die medizinische Versorgung als Katastrophe. Hat Sie das nicht alarmiert?

Köpping: Die Aussagen der Ärzte haben mich in der Tat erschrocken. Es gab in den Anfangstagen sicherlich erhebliche Probleme. Man hat Menschen unterschiedlichster Nationalitäten auf engstem Raum versammeln müssen. Diejenigen, die dort gearbeitet haben, haben ihr Bestes gegeben, davon bin ich überzeugt. Es ist viel verbessert worden: Es gibt nun festangestellte Ärzte im Camp.

ZEIT: Sachsens Landesdirektion, die für diese Unterkunft zuständig ist, hat sich mit einigen Ehrenamtlichen überworfen. Der Sprecher des Bündnisses "Dresden für alle" wurde regelrecht aus dem Camp geworfen.

Köpping: So etwas ärgert mich sehr. Dass es anfangs einmal chaotisch läuft, ist noch nachvollziehbar. Dass Ehrenamtliche auch einmal mehr fordern, als realistisch ist, mag auch sein. Aber ich halte es für taktisch unklug, die Engagiertesten vom Hof zu jagen. Das ist kein gutes Zeichen.

ZEIT: Wieso ist Sachsens Regierung eigentlich überrascht davon, dass Tausende Flüchtlinge ins Land kommen? Das deutet sich seit Monaten an.

Köpping: Wir haben uns bislang auf die Prognosen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verlassen. Das sagt uns regelmäßig, wie viele Asylbewerber voraussichtlich untergebracht werden müssen. Aber diese Prognosen waren zu niedrig. Damit so etwas nicht wieder passiert, werden wir von vornherein mehr Kapazitäten für Flüchtlinge schaffen. Wir werden uns nicht mehr nur auf die Zahlen des BAMF verlassen. Wir wollen Anwohner besser vorbereiten; auch damit Fremdenfeinde nicht mehr die Gelegenheit bekommen, Stimmung zu machen.

ZEIT: Wie erklären Sie sich die nicht selten fremdenfeindliche Stimmung in Sachsen?

Köpping: Das Thema Zuwanderung wurde lange Zeit nicht wirklich angepackt. Ich war viele Jahre lang Landrätin im Leipziger Land und kann mich daran erinnern, dass wir auch damals schon viele Asylbewerber hatten, aber tatkräftige Bemühungen um Integration hat es in Sachsen früher nie gegeben. Wir haben die Flüchtlinge meistens in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, sie mit Sachleistungen versorgt, ihnen eine Residenzpflicht auferlegt, sodass sie den Landkreis nicht verlassen durften. Damit waren die Asylbewerber fast unsichtbar. Als ich im vergangenen Jahr mein Amt als Integrationsministerin angetreten bin, waren im Haushalt 175.000 Euro für Integrationsleistungen vorgesehen. Das ist so gut wie nichts.