DIE ZEIT: Nehmen wir irgendein Datum! Was geschah am 28. Februar 2012?

Jill Price: Das war ein Dienstag ...

ZEIT: ... stimmt ...

Price: ... da habe ich mich auf das erste Treffen mit der neuen Direktorin der Schule, an der ich als Assistentin gearbeitet habe, vorbereitet. Und zwei Tage vorher war der schwarze Schüler Trayvon Martin von einem Wachmann erschossen worden.

ZEIT: Stimmt auch. Und welches ist der allererste 28. Februar, an den Sie sich erinnern können?

Price: 1977 ..., nein, 1976. Da war ich zehn Jahre alt. Das war ein Samstag, ich hatte Kopfweh, und als ich nachts aufwachte, habe ich geweint.

ZEIT: Erinnern Sie sich an jedes Detail jeden Tages?

Price: Nein, nicht Minute für Minute. Es ist mehr so, dass ich den Tag "sehe". Es geht viel um Gefühle.

ZEIT: Wie können wir uns das vorstellen?

Price: Es ist wie ein second screen, ein zweiter Bildschirm in meinem Kopf, da laufen ständig meine Erinnerungen wie ein Film. Alles kann in einem Sekundenbruchteil hochkommen, dafür ist kein Auslöser nötig. Es ist wirklich anstrengend, dauernd seine Vergangenheit gegenwärtig zu haben.

ZEIT: Und was kommt Ihnen da so in den Kopf?

Price: Ich kann keine einzelnen Erinnerungen beschreiben, so funktioniert das nicht.

ZEIT: Kann es sein, dass Sie über Ihre persönlichen Erinnerungen auch nicht sprechen wollen?

Price: Ja, stimmt. Ich bin keine Zirkusnummer.

ZEIT: Und können Sie diese Erinnerungen gar nicht kontrollieren?

Price: Nein, dafür gibt es keine Fernbedienung.

ZEIT: Wie und wann hat das angefangen?

Price: Als ich acht war, sind wir von New York nach Kalifornien gezogen. Das war der traumatischste Moment meiner Kindheit. Ich fing an, dauernd an die Vergangenheit zu denken, und seit ich 14 bin, erinnere ich mich an jeden einzelnen Tag.

ZEIT: Wie wirkt sich Ihr außergewöhnliches Erinnerungsvermögen auf Ihren Alltag aus?

Price: Ich fühle mich oft wie gelähmt. Ich hasse Veränderungen. Und ich trage ständig 49 Jahre an Gefühlen mit mir herum; alles fühlt sich so an wie an dem Tag, als es passiert ist. Ich hatte fünf depressive Episoden in den vergangenen 32 Jahren.

ZEIT: Waren Sie in Therapie?

Price: Immer wieder. Ich habe versucht, die Dinge zu relativieren, das große Ganze zu sehen – aber die Erinnerungen verschwinden nicht. Auch Antidepressiva haben nicht geholfen. Dann fand ich im Internet den Gedächtnisforscher James McGaugh von der University of California.

ZEIT: Konnte er Ihnen helfen?

Price: Er hatte noch nie von so etwas gehört, das hat mich völlig fertiggemacht! Aber es hat mir gutgetan, dass er sich für mein Problem interessiert hat. Ich hatte natürlich auf eine Antwort gehofft: Warum ich, warum nicht meine Eltern, mein Bruder? Die haben ein wirklich mieses Gedächtnis.

Würden Sie Ihr Supergedächtnis gern loswerden?

ZEIT: Wie reagieren die denn auf Ihr Supergedächtnis? Wie reagieren andere Leute?

Price: Die finden es faszinierend. Für meine Freunde ist es praktisch, dass ich auch ihr Leben erinnere.

ZEIT: Und wie ist das für Sie selbst, hat Ihnen Ihr phänomenales Gedächtnis auch mal geholfen?

Price: Ich habe eine Zeit lang beim Film als continuity supervisor gearbeitet, da musste ich zum Beispiel darauf achten, dass ein Schauspieler nicht zuerst die Kaffeetasse in der linken Hand hat und dann in der rechten. In so etwas bin ich gut. Mir ist es auch sehr wichtig, dass alles seine Ordnung hat.

ZEIT: Genießen Sie auch manchmal ein paar schöne Erinnerungen?

Price: Ja, schon. Ich erinnere mich gern an meine Kindheit. Wir waren eine große Familie. Das gibt mir ein kuscheliges, warmes Gefühl.

ZEIT: Das ist ja schon eine Weile her. An welche Erlebnisse aus letzter Zeit denken Sie gern?

Price: Ich habe keine richtig schönen Erinnerungen, seit ich 21 Jahre alt war. Damals ist meine Mutter beinahe gestorben. Dadurch bekam ich große Angst, geliebte Menschen zu verlieren. Und vor zehn Jahren wurde es absolut grauenhaft.

ZEIT: Was ist geschehen?

Price: Mein Mann ging morgens aus dem Haus und ist bei der Arbeit zusammengebrochen. Er hatte Diabetes. Sechs Tage später ist er gestorben. Wir waren erst seit zweieinhalb Jahren zusammen, ich hatte mich ganz schnell in ihn verliebt. Das war der erste spontane Moment in meinem Erwachsenenleben, dieses eine Mal habe ich mich nicht von meinem Gedächtnis zurückhalten lassen. Und dann war er plötzlich weg. Ich erinnere mich so oft an diesen letzten Tag mit ihm, und es fühlt sich noch genauso schrecklich an wie vor zehn Jahren.

ZEIT: Haben Sie Kinder?

Price: Nein, leider nicht. Ich habe immer davon geträumt. Ich war auch einmal schwanger, aber ich habe das Kind früh verloren.

ZEIT: Das klingt alles furchtbar. Wenn es eine Pille zum Vergessen gäbe – würden Sie die nehmen?

Price: Nein. Mein Gedächtnis ist, was ich bin.