Die jüngste Geheimdienstaffäre gehorcht einem vertrauten Schema. Der Chefankläger leitet Ermittlungen gegen zwei Blogger ein; die Medien heulen auf; die Regierung misst den Wind und lässt den Generalbundesanwalt fallen. Harald Range weiß nicht, wie ihm geschieht. Schließlich muss er nach dem "Legalitätsprinzip" ermitteln, wenn eine Anzeige kommt, hier vom obersten Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen. Dann die Gegenwelle.

Der Verein der Bundesrichter spricht von "rechtswidriger Behinderung". Die einstige FDP-Justizministerin fordert, "die Unabhängigkeit der Generalstaatsanwälte zu stärken". In der Tat: Wie kann die Exekutive – Justizminister Maas – einen aufrechten Ankläger nach kurzem Prozess abservieren, und zwar mit der "Netzgemeinde" der Wutblogger und Twitter-Agitatoren als selbst ernannter Jury? Hat der Staat nicht das Recht, seine Geheimnisse zu schützen?

Die Spiegel-Affäre II ist das nicht. Die Ermittlung gegen netzpolitik.org wurde gestoppt, Range verjagt. Redakteure wurden nicht verhaftet, Räume nicht durchsucht. Der Spiegel hatte auch keine Verschlusssachen enthüllt, sondern die inkriminierte Titelstory Bedingt abwehrbereit anhand öffentlicher Quellen verfasst. Es war ein verfassungswidriger Durchgriff des rachsüchtigen Verteidigungsministers Franz Josef Strauß. Er wurde entlassen, der Spiegel war salviert. Die junge Demokratie hatte ihre Feuerprobe bestanden.

Gegen diese Fast-Tragödie wirkt die "Rangelei" wie eine Farce. Dennoch widerspiegelt sie eine tiefere Wahrheit: Die Deutschen mögen ihre Dienste nicht, weder den BND noch die Gegenspionage, die jetzt verschämt "Verfassungsschutz" heißt. Kein Wunder, hat sich doch der totale Überwachungsstaat mit Gestapo und SD, dann der Stasi, in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Dem BND hängt noch immer seine Vergangenheit am Hals. Ein ehemaliger Hitler-General, Reinhard Gehlen, hatte ihn gegründet und Profis aus den alten SS-Netzwerken rekrutiert.

Jede Regierung hält seitdem Abstand, ganz anders als etwa der US-Präsident, der täglich den Lagebericht vom Director of National Intelligence bekommt. Die Regierung betrachtet den Dienst eher als Schmuddelkind denn als legitimes Instrument der nationalen Sicherheit – manchmal mit üblen Folgen.

In den Achtzigern baute Libyens Gaddafi mithilfe deutscher Firmen eine Giftgasfabrik in der Wüste. Die westlichen Dienste hatten es ausbaldowert, der BND auch. Bloß blieben die Berichte im Bermudadreieck des Kanzleramtes liegen – bis Reagan seinen Freund Kohl bei dessen Washington-Besuch in die Mangel nahm. Kohl fand es "unerträglich", ohne "Beweismittel" auf die "Anklagebank" zu geraten. Die hatte der BND jedoch längst geliefert. Düpiert steckte das Weiße Haus die Causa der New York Times, die mit der Kolumne Auschwitz in the Sand Furore machte. Erst jetzt lief die Bonner Maschinerie an – zum Schaden der Republik wie des Verhältnisses zu Amerika.

Was den Blick wieder nach vorn richtet, auf den ungeliebten BND und den noch weniger geschätzten Verfassungsschutz. Der BND fingert im Ausland herum, der Verfassungsschutz zu Hause, also im Geltungsbereich des deutschen Gesetzes. Kaum mehr zählen lassen sich die Skandale und Affären, die dem Bundesamt und den Landesämtern anhängen: Ost-Agenten in den eigenen Reihen, Lauschangriffe, Beobachtung der "Linken", Überwachung von Journalisten und Anwälten, zuletzt die Pannen beim Kampf gegen Rechtsextreme – vom V-Mann-Einsatz bis zum NSU-Prozess.

Gelegentlich ist es nützlich, wenn die Exekutive nicht genau weiß, was die Dienste treiben, ob jenseits der Legalität im Ausland oder in der Grauzone des Gesetzes im Inland. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß, reimt der Volksmund. Die Anglos reden von plausible deniability, von Fehltritten, die sich glaubhaft abstreiten lassen. Kommt es raus, rollen nur die Köpfe der unteren Chargen.

Bloß ist Abstand ein doppelköpfiges Ding. Die Brandmauer schützt die Exekutive vor Peinlichkeiten, aber auch die Dienste vor dem allzu scharfen Blick. Das wirft das demokratietheoretische Problem der parlamentarischen Kontrolle auf, das noch jeden Skandal begleitet hat, also Staatsgeheimnis vs. liberaler Rechtsstaat, Prinzip gegen Prinzip.