Vor einigen Wochen hat der Bundesinnenminister seine Statistik zur politisch motivierten Kriminalität für das Jahr 2014 vorgestellt.

Politisch motivierte Ausländerkriminalität, womit unter anderem die Unterstützung terroristischer Vereinigungen wie des IS gemeint ist: sprunghafter Anstieg bei den Gewalttaten um 133,5 Prozent auf 390 Fälle.

Linksextremismus: 8113 Straftaten, Zahl der Gewalttaten auf dem hohen Niveau der Vorjahre bei 1664 Fällen.

Bilanz der rechten Szene: 17.020 Straftaten, Anteil der Gewalttaten stark steigend, nämlich um 22,9 Prozent auf 1029 Fälle.

Das Ministerium fasst es so zusammen: "Die Zahl der politisch motivierten Gewalttaten hat seit Beginn der Erfassung 2001 einen absoluten Höchststand erreicht." Allein im vergangenen Mai wurden laut Bundesregierung 68 Menschen durch Rechtsextreme und 39 durch Linksextreme verletzt.

Man blickt von Deutschland aus gern kopfschüttelnd auf Konflikte anderswo: Schlimm, dieser Rassismus in Amerika! Unglaublich, die Homophobie in Russland! Und können die Türken nicht endlich mal die Kurden in Ruhe lassen? Dabei gibt es Hass auch heute hier bei uns. Offenbar haben wir ihn gar nicht abgeschafft. Oder er ist wieder da. Wie konnte das passieren?

Juliane Grossmann schreibt seit 2006 ein Blog über den jüdischen Alltag in Berlin. Sie ist einiges gewohnt an Antisemitismus, sagt sie. Sie wurde 1976 geboren und ist in der DDR aufgewachsen. Religiös zu leben war dort kaum möglich. Koscheres Essen bekam man nicht. Ständig musste man Repressalien befürchten, zum Beispiel nicht zum Studium zugelassen zu werden. Als die Mauer fiel, hatten alle jüdischen Gemeinden der DDR zusammengenommen 400 Mitglieder. In den 2000er Jahren, als Juliane Grossmann studierte, jobbte sie im Jüdischen Museum in Berlin als Aufsicht. Nett aussehende ältere Touristen aus Bayern, in Multifunktionsjacken gekleidet, erklärten ihr, warum es doch für alle Beteiligten besser wäre, wenn sämtliche Deutschen jüdischen Glaubens nach Israel auswandern würden. Andere Besucher empfanden die aufwendigen Sicherheitskontrollen im Museum als Gängelung und sagten zu den Kartenabreißern: "Das ist ja wie im KZ hier." Oder: "Das ist wohl eure Rache an uns." Im Pausenraum des Museums lag ein Buch aus, in dem die Mitarbeiter solche Erlebnisse notierten.

In den Wochen, als in Berlin die antisemitischen Parolen durch die Straßen hallten, erhielt Juliane Grossmann einen Kommentar von einem anonymen Blog-Leser.

"Nirgendswo auf der Welt gibt es ein anderes Volk dass so verhasst ist wie ihr Juden. Es ist keine Angelegenheit seit 1933; schaut in die Geschichte. Ihr Juden seit keine Menschen, sondern eine Krankheit, das man vermeiden muss. Eines Tages wird für euch Juden ein böses Erwachen geben, so dass ihr sogar Hitler um Hilfe bitten werdet."

Diesmal hatte Juliane Grossmann keinen jener älteren Herren vor sich, die sie sich im Museum dann immer zum Spaß in SS-Uniform vorgestellt hatte. Vor ihr leuchtete nur der Bildschirm ihres Rechners. Kein Name stand unter dem Kommentar, keine E-Mail-Adresse. Es war eine Stimme aus dem Nichts, kein Gesicht, keine Geschichte.

Juliane Grossmann schaffte nicht, was ihr im Museum immer gelungen war, nämlich zu denken: Was soll’s, manche Leute kommen eben nicht klar. Stattdessen las sie die Zeilen wieder und wieder. Sie suchte nach einem Hinweis, der ihr doch etwas über den Absender und seine Beweggründe verraten würde. Alles, was sie feststellen konnte, war, dass der Autor dieser Zeilen weder Grammatik noch Rechtschreibung beherrschte.

Es entsteht leicht der Eindruck, dieser Hass, den ein paar versprengte Spinner im Internet ablassen, sei harmlos: unangenehm vielleicht, aber nicht weiter schlimm. Trolle nennen wir diese Menschen etwas verniedlichend und stellen sie uns in dunklen, einsamen Wohnungen vor ihren Rechnern sitzend vor. Doch Hass ist nie harmlos, und Hass auf soziale Gruppen sät immer Zwietracht. Er schadet nicht nur einem Einzelnen, er verunsichert alle Angehörigen einer Gruppe. Wenn eine Frau bedroht wird, weil sie Jüdin ist, fangen andere an, darüber nachzudenken, ob und wo sie von diesem Teil ihrer Identität noch sprechen wollen.

Juliane Grossmann erstattete Anzeige, obwohl sie ahnte, dass es aussichtslos war. Sie wollte nicht, dass diese Sache sich einfach verflüchtigte. Nach einigen Telefonaten mit der Polizei wurden die Ermittlungen eingestellt. Immerhin, sagte Juliane Grossmann sich, ging der Fall jetzt als Zahl in die Statistik der Berliner Polizei ein.

Über das, was sie erlebt hatte, veröffentlichte sie einen Post. Es war ein weiterer Versuch, sich nicht mehr so hilflos zu fühlen. Vielleicht, dachte sie auch, würde der Absender sich ja noch einmal zu einem Kommentar hinreißen lassen, vielleicht würde er sich verraten. Doch sie hörte nie wieder etwas von ihm. Er war, so vermutet sie, längst weitergezogen. Juliane Grossmann hat die hasserfüllten Worte nicht gelöscht, auf ihrem Computer liegen sie immer noch im Ordner "nicht freigeschaltete Kommentare".

Die Wissenschaft hat sich lange mit der Frage beschäftigt, wie Hass in Gruppen organisiert wird. Was macht einen Anführer aus? Sind Anführer fanatischer als ihre Gruppe, oder sind sie berechnende Antreiber eines blindwütigen Haufens?

Heute sind Anführer und Gruppen nicht mehr so wichtig. Heute kann jeder für sich allein hassen. Man klappt seinen Rechner auf und tippt los.

Autoritäten lösen sich auf, Loyalitäten auch. Wir leben bekanntlich im Zeitalter des Individualismus. Vielleicht haben wir uns zu sehr darauf verlassen, dass der kollektive Hass sich damit von selbst erledigt hat. Kollektiver Hass bedeutet, dass man bestimmte Menschen nur deshalb nicht ausstehen kann, weil sie einer sozialen Gruppe angehören. Man reduziert sie in negativer Weise auf ein einziges Merkmal – die Zugehörigkeit zu ebenjener Gruppe – und lässt sie nichts anderes mehr sein. Es ist erstaunlich, dass so ein Denken heute noch möglich ist: Wenn man für sich in Anspruch nimmt, ein Individuum zu sein, und nach diesem Anspruch auch nur halbwegs lebt – wie kann man dann behaupten, man wisse alles über einen Menschen, obwohl man beispielsweise nur weiß, in welchem Land seine Eltern geboren wurden?