Man nimmt von sich selbst an, einzigartig zu sein, von anderen aber nicht. Wer heute hasst, muss diesen gedanklichen Widerspruch hinbekommen. Das könnte dann so aussehen: Beim Therapeuten leuchtet man den letzten Winkel seiner komplizierten Seele aus, ist aber überzeugt, das Wesen eines arabischen Einwanderers mit einem Blick erfassen zu können. (Zu den Hassenden gehören ja durchaus reflektierte, etablierte Menschen.)

Die Auflösung des Gruppenzwangs hat das Hassen leichter gemacht. Man muss sich heute nicht unbedingt einer Gruppierung anschließen, um Abscheu und Ressentiment zu leben – etwa einem Haufen Neonazis oder palästinensischer Jungmänner. Man muss sich nicht der heiklen Dynamik einer aggressiven Gruppe ausliefern. Juliane Grossmann ist auf allen Social-Media-Kanälen vertreten, Twitter, Facebook, Instagram, Tumblr: Sie ist leicht erreichbar für alle. Und wenn man keine Lust mehr hat auf Streit mit ihr, klappt man den Rechner wieder zu.

In der Auseinandersetzung über diese Auswüchse der modernen Debattenkultur wird häufig behauptet, das Problem sei die Anonymität im Netz. Wer seinen Namen nennen müsse, der werde sich zügeln. Anscheinend ist Anonymität aber gar nicht so entscheidend – auf Facebook posten die Leute auch unter echtem Namen ihren Hass. Entscheidend ist, dass man nicht den Gesichtsausdruck derjenigen ertragen muss, die man gerade beleidigt hat. Und dass man keine Gegenwehr zum Beispiel in Form einer Ohrfeige riskiert.

Man muss sich nicht einmal festlegen, wen man hassen will. Es wird heute nicht mehr in Lagern gehasst, wie alles in unserer Welt ist auch der Hass beweglicher und damit unübersichtlicher geworden. Zahlreiche linke Feministinnen haben überhaupt kein Problem damit, fremdenfeindlich zu sein und voller Verachtung von gläubigen Musliminnen zu sprechen. Wenn man will, kann man jeden Tag jemand anderen hassen: heute Pelzjackenträger, Spätgebärende aus Berlin-Prenzlauer Berg und Christian Wulff, jeweils als Vertreter des Establishments, und morgen diejenigen am unteren Ende der Hackordnung, also zum Beispiel Pleite-Griechen, bettelnde Obdachlose, Hartz-IV-Empfänger. Oder man hasst sie alle gleichzeitig.

Die Frage ist: Wie schafft es der Hass, sich zu erhalten, so ganz ohne Anführer? Warum weicht er nicht dem mehr oder weniger gutmütigen Pragmatismus, der einen durchs Leben bringt? Warum wird der Hass nicht zerrieben vom Alltag, wie so viele andere Prinzipien, die an der Realität scheitern? Kurz: Wie bleibt man Fanatiker, wenn es keinen Gruppenzwang gibt?

Bei der Suche nach einer Antwort hilft es, den Hass mit der Liebe zu vergleichen.

Dass die beiden Gefühle viel miteinander zu tun haben, erkennt man sofort, wenn man einen Blick in sein Bücherregal wirft. Man kann es so sagen: Handelt ein Roman nicht von der Liebe, handelt er vom Hass.

In der Hirnforschung gilt die Verwandtschaft zwischen Hass und Liebe sowieso als erwiesen: Hass zeigt ein bestimmtes Aktivitätsmuster im Gehirn, es unterscheidet sich von dem Muster, das von Angst und von Wut ausgelöst wird. Doch es ähnelt demjenigen, das die romantische Liebe hervorruft. Beide Gefühle, Hass und Liebe, aktivieren dieselben zwei Hirnareale: das Putamen und die Inselrinde.

Vor allem aber gleichen Hass und Liebe sich darin, dass beide von der Treue leben.

Hass ist ein Gefühl tiefer Abneigung, das sich dauerhaft etabliert. Ein Affekt wird verstetigt. Hass verhält sich zur Wut wie Liebe zur Erotik: Wut und Erotik vertragen keinen Aufschub, aber Hass und Liebe sind geduldig, Gefühle, die sich ewig erneuern. Man lässt nicht los, wenn man hasst. Man beißt sich fest, sehnt sich nach Begegnungen mit dem Hassobjekt, stellt ihm nach wie ein Liebender seiner Angebeteten. Vernünftig wäre ja die Annahme: Wenn man jemanden hasst, versucht man, ihm aus dem Weg zu gehen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wer hasst, scannt das Internet, um dort auf jene zu treffen, mit denen er nichts zu tun haben will. Und wie in der unerfüllten Liebe jeder Blick, jedes Wort, jede SMS wieder Hoffnung bringt und alle Vorsätze zunichtemacht, endlich zur Vernunft zu kommen, so lässt jede Nichtigkeit den Hass aufflammen.

Anfang des Jahres beschloss das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, auf bezirkseigenen Werbeflächen keine sexistischen Motive mehr zuzulassen. Man hätte diese Meldung leicht überlesen können, so wie man die meisten Meldungen aus dem Bezirksamt überliest, zum Beispiel die, in der es um einen Ideenwettbewerb zur Gestaltung einer Toilettenanlage geht.

Doch die Drucksache DS/1013-01/IV erregte die Aufmerksamkeit überregionaler Medien. Kolumnisten von ZEITmagazin und Spiegel Online verteidigten die Demokratie und die Freiheit Deutschlands gegen den feministischen Überwachungsstaat. In Nordrhein-Westfalen äußerte sich der Landesverband der AfD auf Facebook. In den Kommentaren dazu ging es schnell nicht mehr um Werbung, sondern um die Grünen und ihre Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann:

"Es gibt GRÜNE-Frauen, würde man einen Mann an diese Frauen festschweißen, der Mann würde sofort damit beginnen, sich loszurosten."