Hassen ist wie süchtig sein. Die Droge Hass hilft eine Weile lang dabei, den eigenen Schmerz, die Angst zu vergessen. Manchen Abhängigen gelingt der Entzug. Wer es schafft, seinen Hass zu überwinden, wirkt erleichtert. Eine junge Ex-Salafistin erzählt in einem Fernsehinterview über ihr früheres Ich: "Man hat nicht mehr die Möglichkeit, frei zu entscheiden. Mein Horizont war sehr eng, ich konnte nur noch in eine Richtung denken." Sie klingt tatsächlich wie jemand, der vom Alkohol losgekommen ist.

Der erste Schritt zur Überwindung einer Sucht ist das Eingeständnis: Ja, ich bin abhängig. Es ist auch der schwerste Schritt. Viele Menschen, die andere hassen, behaupten, sie hätten nur eine pointierte Meinung.

Hass ist heute ein schambesetztes Gefühl. Man gibt nicht gern zu, dass man hasst. Es hassen immer nur die anderen. Selbst wenn einem schon der Schaum vor dem Mund steht, tut man noch so, als argumentiere man. Denn Hass verkörpert, was wir auf keinen Fall sein wollen: unseren Emotionen ausgeliefert, ein Nervenbündel, ineffizient, verwirrt. Gerade in gebildeten Schichten ist Hass ein Tabu. Dort fällt es noch schwerer, zuzugeben, dass Gefühle die Wahrnehmung bestimmen können und man manche Leute einfach nicht ausstehen kann. Niemand, der für voll genommen werden will, räumt ein, dass er hasst.

Wie angestrengt wir heute leugnen. Das war im Mittelalter noch anders. Damals war man stolz auf seinen Hass. Die Bibel las man so, dass man sich in Rachsucht und Abscheu bestärkt fühlen konnte. So beschreibt es der Mentalitätenforscher Peter Dinzelbacher. "Zentral für das Mittelalter ist der biblische Hintergrund, der Hass legitimiert hat und beliebig gegen alle Feinde angewandt wurde."

Es gibt in der Bibel einige Textstellen, die einem gut dazu dienen können, Abneigungen und Gewalt zu rechtfertigen. "Sollte ich nicht hassen, die dich, Herr, hassen?", heißt es in Psalm 139. "Ich hasse sie mit vollkommenem Hass."

Ein anderer Psalm geht so: "Aber du, Herr, wirst ihrer lachen und aller Heiden spotten. Vertilge sie ohne alle Gnade; vertilge sie, dass sie nichts seien."

Die Männer zum Beispiel hassten im Mittelalter zutiefst die Frauen. Die Forschung erklärt das heute mit der Einführung des Zölibats im 11. Jahrhundert. Doch damals lautete die Begründung für den Frauenhass folgendermaßen: Mit den Heiden in der Bibel seien die Frauen gemeint, sie seien keiner Gnade würdig. Männer verbrachten Tage, Jahre, ganze Leben damit, Frauen zu hassen. Die Frauen hassten die Männer zurück, so gut sie konnten. Grausamste Rachegeschichten sind überliefert, von Nonnen, die abgetrennte Hoden verspeisten.

Doch das ist lange her. Die Aufklärung hat das Ideal des rationalen Menschen geprägt. Die Fluchpsalmen wurden 1971 von Papst Paul VI. aus den Stundengebeten gestrichen, die im Kloster gesprochen werden. "Wegen gewisser psychologischer Schwierigkeiten", wie es in der Begründung hieß.

Wer heute hasst, der muss subtil vorgehen, um gehört zu werden. Einer Bezirksbürgermeisterin auf Facebook vorzuwerfen, dass man sie nicht attraktiv genug findet, um sie im Bett beglücken zu wollen, obwohl das auch gar niemand verlangt hat – das ist zum Beispiel eine verquere und daher sehr zeitgemäße Art, seine Abneigung gegen Frauen auszudrücken.

Weil heute jeder seinen Hass verbirgt, ist die Sprache der Hassenden umständlich geworden. Sie hat mal von Metaphernreichtum, von bildhaften Vergleichen und Verwünschungen gelebt, all das hat sie heute eingebüßt. Das nordkoreanische Regime kann dem Bruderland Südkorea noch drohen, seine Hauptstadt werde in einem Flammenmeer versinken. Aber hierzulande redet man in verquasten Andeutungen über diejenigen, die man hasst. Um die Stimmen der Fremdenhasser zu bekommen, sprach Bernd Lucke als Vorsitzender der AfD so: Die Sinti und Roma, die ja "leider" in großer Zahl kämen, seien "nicht gut integrationsfähig".

Die Formulierung "nicht integrationsfähig" benutzt nicht nur er. Sein ehemaliger Parteikollege Heiner Hofsommer verwendet sie für die Muslime, Thilo Sarrazin für die Araber und Türken, die rechtsextreme Partei Pro München für die "Orientalen, Türken, Kurden, Araber und Afrikaner" und die NPD für die Einwanderer aus Anatolien.

Helmut Kohl gebrauchte den Begriff 1982 noch in aller Unbedarftheit, um über die in Deutschland lebenden Türken zu sprechen. In den letzten Jahren ist "nicht integrationsfähig" ein Code für Fremdenfeindlichkeit geworden. Um den Hass zu erkennen, den dieser Code zum Ausdruck bringt, muss man aber schon genau hinhören: Im Prinzip gibt es ja auch zahlreiche Deutsche und Nichteinwanderer, die sich nicht integrieren lassen, also die öffentliche Ordnung stören und das Gesetz brechen. In einem Strafprozess wird dann, so gut es geht, das Tatmotiv ermittelt: Hat der Kriminelle aus Notwehr gehandelt? Im Affekt? Oder aus Berechnung? Trieben ihn Eifersucht oder Habgier? Das Motiv ist wesentlich für ein Gerichtsurteil. Wenn man jemanden aber als "nicht integrationsfähig" beschreibt, behauptet man, dass solche Ermittlungen überflüssig seien. Der Beweggrund des Täters steht ja schon fest: Ein Roma begeht deshalb eine Straftat, weil er ein Roma ist.

Bernd Lucke und all die anderen stellen also ein wesentliches Prinzip des demokratischen Strafrechts infrage. Aber derart radikal und versponnen klingt es gar nicht, wenn man von "fehlender Integrationsfähigkeit" spricht. Es klingt im Gegenteil fast wie eine sachliche Auseinandersetzung – zumal man ein Fremdwort benutzt. Und sollte jemand die Unvoreingenommenheit desjenigen anzweifeln, der da spricht, kann dieser zur Not immer noch alles zurücknehmen und sagen: Jetzt seid mal nicht so empfindlich, so war das doch nicht gemeint! Ein beliebter Trick unter lang Verheirateten, um die eigene Aggressivität zu tarnen.