Hass wird heute tabuisiert, aber er verschwindet nicht. Er lebt im Untergrund weiter, unter falschem Namen, versteckt von denjenigen, die ihn empfinden. So gut ist die Verkleidung, dass wir Hass nicht einmal erkennen, wenn er direkt vor uns steht.

Der Sozialwissenschaftler und Aggressionsforscher Klaus Wahl hat empirische Studien zu rechtsextremen Tätern durchgeführt. Sie seien, bis sie sich ihren radikalen Vereinigungen anschließen, zum großen Teil schlicht Straffällige, schreibt Wahl in einer Untersuchung für die Bundeszentrale für politische Bildung. Die Kriminalkarrieren beginnen schon früh mit Diebstahl und Körperverletzung. Viele Täter verhalten sich schon als Kinder aggressiv.

Wahl sagt, die Kriminellen wollten, indem sie rechtsradikal würden, ihrem zerstörerischen Verhalten einen höheren Sinn geben. Sie täten so, als sei es nicht das Chaos ihrer Empfindungen, das ihr Handeln bestimmt. Das Phänomen nennt der Wissenschaftler "Rationalisierung". Die Öffentlichkeit macht mit: Seit Monaten bezeichnen Rechtsradikale die aus den Balkanstaaten kommenden Roma, die laut Grundgesetz das Recht haben, hier Asyl zu beantragen, als "Asylbetrüger". Einen ersten kleinen Sieg erreichte die extreme Rechte, als das Nachrichtenmagazin Focus ihre Sprachregelung übernahm: Falsche Flüchtlinge stand auf dem Titel. Inzwischen haben zahllose Asylbewerberheime gebrannt. Trotzdem konnten die Rechten die Regierung überzeugen, dass nicht der verbreitete Rassismus ein dringendes Problem in Deutschland sei, sondern der "Flüchtlingsstrom" aus dem Balkan. "Der Bund arbeitet mit den Ländern in der Sommerpause unter Hochdruck an einem praktischen Konzept", sagt Kanzleramtsminister Peter Altmaier der Bild am Sonntag – und zwar genau an jenem Tag, an dem die internationale Gemeinschaft in Auschwitz-Birkenau der Tausenden Sinti und Roma gedenkt, die am 2. und 3. August 1944 in dem Konzentrationslager von den Deutschen ermordet wurden.

Vielleicht ist es so: Wenn man sich für so vernünftig und pragmatisch hält, wie die Deutschen es tun, wird man naiv im Umgang mit Gefühlen jeder Art. Man kommt nicht auf die Idee, dass Emotionen überhaupt noch eine Rolle spielen könnten, und erkennt Gefühlsäußerungen nicht mehr als solche.

Aber der Hass geht nicht weg, nur weil wir es uns wünschen. Im Gegenteil. In einem milden Klima gedeiht er besonders gut. Islamismus, Fremdenhass, Linksextremismus, Antisemitismus, auch der Hass auf Polizisten – das Erstarken dieser Ideen in den letzten Monaten hat uns überrascht. Wir dachten wirklich, wir seien von einem ganz anderen Schlag als all die anderen Menschen auf der Welt, die sich die Köpfe einschlagen. Wir seien weiter.

Tatsächlich geht es in der offiziellen Öffentlichkeit ja sehr friedlich zu. In der Politik und in den Medien sind die Stimmen derart gemäßigt, dass manche anfangen, sich zu langweilen. Keiner schnauzt den anderen mehr an, und falls doch, werden Entschuldigungen gefordert: Sigmar Gabriel soll sich bei der Journalistin Marietta Slomka entschuldigen, weil er im Interview unfreundlich wurde. Wolfgang Schäuble bei seinem Pressesprecher, weil er ihn öffentlich zurechtwies. Ein britischer Nobelpreisträger musste gerade seine Honorarprofessur abgeben, weil er bei einer Podiumsdiskussion einen vollkommen harmlosen Witz über Frauen gemacht hatte. Man isst keine Tiere, fährt Autos mit leise sirrenden Elektromotoren, und wenn man ein Mann ist, wirft man nur noch heimlich Blicke auf ein Dekolleté. Es stimmt schon, worüber sich so viele beklagen: Der Alltag verlangt heute viel Selbstkontrolle.

So eine Zeit gab es schon einmal. Im 19. Jahrhundert dichtete Georg Herwegh: "Brich du, o Hass, die Ketten! Wir haben lang genug geliebt und wollen endlich hassen!" Das war gegen Ende des Biedermeiers, einer Epoche, in der man jeden gesellschaftlichen Konflikt zu lösen versuchte, indem man ihn ignorierte. Es ging bekanntlich nicht gut aus: Eine Revolution und einige Kriege folgten.

Heute gelingt es den Islamisten fast mühelos, Jugendlichen im Westen den dschihadistischen Terror als Nonkonformismus zu verkaufen. Weil jedes laute Wort, jeder öffentliche Wutanfall für Empörung sorgt, können die Hassenden heute ganz leicht so tun, als wäre Hass allein schon eine kritische und damit fortschrittliche Haltung. Als läge im Hass immer eine Wahrheit. Egal, wen und was man aus welchen Gründen hasst: Man kann seinen Hass zum geeigneten Mittel erklären, die öden, komplizierten, festgefahrenen Diskussionen der Gegenwart zu beleben.

Paradoxerweise müssten wir den Hass also tolerieren, um zu vermeiden, dass er größer wird. Aber wie soll das gehen? Bekommt man nicht schon leichte Panik, wenn man feststellt, dass ein Themenschwerpunkt des Bayerischen Rundfunks zum Ramadan ausreicht, um bei den Zuschauern Proteste hervorzurufen?

Man kann dem Hass nicht die Liebe entgegensetzen, denn man kann nicht jeden Menschen lieben. Es ist ja schon schwer genug, die wenigen zu lieben, die man liebt. Wie also damit umgehen, wenn der Hassende das Gespräch an sich reißen will?

Einen Hinweis könnte eine Website geben, die sich mit der psychischen Störung der Hypochondrie beschäftigt. Dort wird erklärt, wie man mit jemandem lebt, der ständig von seinem Bedrohtheitsgefühl spricht, um die Aufmerksamkeit seiner Mitmenschen zu erregen. Man solle seine Gefühle ernst nehmen, denn Gefühle seien immer wahr. Aber sie sagten mehr aus über denjenigen, der sie empfindet, als über die Wirklichkeit.

"Die Hoffnung, man könnte den Hypochonder beruhigen, ihm durch Argumente nachweisen, dass er wahrscheinlich nicht krank ist, wird die Gedanken des Hypochonders nicht stoppen." Lieber solle man seinem Gegenüber versichern, dass man keinen Anlass zur Sorge sehe, weitere Diskussionen solle man freundlich abwenden.

Hass gehört zum Menschen und wird nicht einfach verschwinden. Aber das heißt nicht, dass man sich seine Gespräche vom Hass bestimmen lassen muss.